20. November 2007 - 1:02 / Ausstellung / Archiv 
17. August 2007 25. November 2007

Während einer Lebenskrise malt die 23jährige Charlotte Salomon die Geschichte ihres Lebens: 1917 in Berlin geboren, emigrierte sie 1939 zu ihren Großeltern nach Südfrankreich. Als die Großmutter Selbstmord beging, erfuhr Charlotte Salomon auch vom Freitod ihrer Mutter. Um einem Nervenzusammenbruch zu entgehen, setzte sie sich malend mit der eigenen Geschichte auseinander. Innerhalb weniger Monate entstanden über 1300 Gouachen. Dabei verwandte sie filmische und comicartige Elemente und fügte Musiktitel als Begleitmelodien hinzu.

Charlotte Salomon (1917 – 1943) hat mit dem Bilderzyklus »Leben? Oder Theater?« ein einzigartiges Werk geschaffen, in dem sie ihr Leben und das ihrer Familie auf insgesamt 1325 Blättern aufzeichnete. Salomon nannte es ein »Singespiel«, eine dramaturgisch aufgebaute Kombination von Malerei und Text, für das sie auch eine musikalische Begleitung vorsah. Sie schuf ihr Werk innerhalb von zwei Jahren, zwischen 1940 und 1942 im Exil in Villefranche-sur-Mer in Frankreich, wohin sie als Jüdin, ihren Großeltern folgend, aus Berlin geflüchtet war. 1943 wurde sie, die kurz zuvor den österreichischen jüdischen Flüchtling Alexander Nagler geheiratet hatte, verraten und von den Deutschen verhaftet. Im selben Jahr wurde sie in Auschwitz ermordet, kurz darauf auch ihr Mann.

Ihr Werk wurde in Frankreich versteckt. Albert und Paula Salomon, ihr Vater und ihre Stiefmutter, hatten die Shoah in den Niederlanden überlebt und reisten 1947 nach Frankreich. Ottilie Moore, die Amerikanerin, die Charlotte und ihre Großeltern aufgenommen hatte, übergab ihnen die Bilder. 1971 stifteten Paula und Albert Salomon das gesamte Werk dem Amsterdamer Joods Historisch Museum.

Charlotte Salomon lässt ihre Geschichte vor ihrer Geburt beginnen und erzählt von ihrem Leben in Berlin, wo sie in einer wohlhabenden, Kultur interessierten Familie heranwuchs. Sie berichtet von ihrer Mutter, die sich das Leben nahm, als sie noch ein Kind war, und von ihrem Vater, ein Professor für Medizin, der später die bekannte Sängerin Paula Lindberg heiratete. Charlotte Salomon begann 1935 ein Kunststudium, das sie 1937 jedoch abbrach.

Sie erzählt von ihren Leidenschaften als junges Mädchen, die von den tragischen Ereignissen in ihrer Familie überschattet wurden. Sie beschreibt auch die politischen Ereignisse, die ihr Leben beeinflussen: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, die zunehmenden antisemitischen Repressionen - der Vater war eine Zeit im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert -, schließlich ihre Flucht zu den Großeltern nach Südfrankreich.

Die Ausstellung zeigt 277 Blätter aus der Bilderfolge. In Berlin, dem Schauplatz von »Leben? oder Theater?«, wird sie mit Fotos und Originaldokumenten aus Berliner Archiven und Privatsammlungen und dem Joods Historisch Museum erweitert. »Leben? oder Theater?« wird ergänzt durch eine zeitgenössische Arbeit von Chantal Akerman. Die belgische Künstlerin setzt das Jugendtagebuch ihrer Großmutter, die in Auschwitz ermordet wurde, ins Zentrum ihrer Installation »Neben seinen Schnürsenkeln in einen leeren Kühlschrank laufen« (2004).


Eine Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin in Zusammenarbeit mit dem Joods Historisch Museum, Amsterdam. Katalog: Charlotte Salomon. Leben? Oder Theater? Prestel Verlag, München 2004, 432 Seiten, 835 Farbabb., EUR 29,90

Charlotte Salomon »Leben? oder Theater?«
17. August bis 25. November 2007
Mit einer Installation von Chantal Akerman

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14
D - 10969 Berlin

T: 0049 (0)30 25993-300
F: 0049 (0)30 25993-409
E: info@jmberlin.de
W: http://www.juedisches-museum-berlin.de/

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Im Atelier an der Kunsthochschule, aus 'Leben? oder Theater?', Blatt 4351. © Charlotte Salomon Foundation
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Vor der Abreise nach Südfrankreich, aus 'Leben? oder Theater?', Blatt 4808. © Charlotte Salomon Foundation
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Selbstporträt, Gouache auf Karton, 1940. © Charlotte Salomon Foundation