Die Überwachung in den Städten ist längst keine Science Fiction mehr, der Stadt sind Augen gewachsen, aus ungezählten Kameras blickt sie uns an und dokumentiert unser Leben: Am Bankschalter, im Bahnhof, beim Einkaufen, bei der Arbeit, auf dem Schulhof. Karlsruhe dämmt die Vorratsdatenspeicherung ein, während die Stadt ihre Drehorte ausweitet.

Die Stadt, die mal öffentlicher Raum war und uns allen gehörte, und die sich mittlerweile offensiv an private Verwalter verkauft. Planlos herumlaufende Passanten werden zu zufälligen Protagonisten, deren Gesichter im Kontrollzentrum der Stadt in vierhundertfacher Vergrößerung zum starverdächtigen Close Up gezoomt werden können. Was, wenn beispielsweise die Münchner sich inmitten ihrer repräsentativen Architektur dank Videoüberwachung auf einmal vorkommen wie im B-Movie der frühen 1970er oder im Videospiel der späten 1990er Jahre?

Jörg Albrecht thematisiert in "Lass mich dein Leben leben!" das unkontrollierbare Eigenleben der Überwachungstechnologien. Die Struktur seines Textes bezieht sich dabei auf ein Film-Double-Feature von Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die unter dem Titel "Grindhouse" (wörtlich: Schund- und Schmuddelkino) 2007 aus zwei voneinander unabhängigen Horror-B-Movies einen Filmabend gemacht haben: Zwei Überwachungs-Stücke, die sich gegenseitig beäugen und misstrauen zum Preis von einem. Und dazwischen? Trailer für die B-Movies von morgen oder Werbung für die "schmutzigen Technologien" (object tracking, face recognition), die unseren Körper in Infoströme verwandeln, um ihn als Bildfläche für die youtube-Dateien verfügbar zu machen.

Arbeiten die schmutzigen Technologien mit den Schmuddelkinos zusammen oder gegen sie? Und wo ist eigentlich Platz für den organischen Horror, der auch mal raus will aus unseren Körpern? Kann das zentristische "Grindtown" durch nichtzentrale Taktiken unterlaufen werden, um das eigene Leben frei von Fernsteuerung doch noch hinzubekommen? Oder schlägt man Grindtown mit seinen eigenen Mitteln, indem alle sich permanent öffentlich selbst überwachen, bis die Kontrollsysteme im Infomüll ersticken? Denn wenn alles zu sehen ist, werden wir endlich unsichtbar.

Jörg Albrecht ist 1981 in Bonn zur Welt gekommen, zwanzig Tage nach MTV. Er hat in Bochum und Wien studiert und promoviert derzeit in Berlin. Jörg Albrecht bewegt sich quer durch alle Disziplinen, er schreibt Theatertexte, Hörspiele, Essays und Romane. Sein zweiter, der Weltraumpoproman "Sternstaub, Goldfunk, Silberstreif" erscheint 2008. Als phonofix macht er mit Matthias Grübel Konzertlesungen und Hörspiele. Sein Stück "Worin noch niemand war (Ein Heimatfilm)" wurde 2006 am 4. Wochenende der jungen Dramatiker gezeigt und 2007 in einer Werkstattaufführung im Rahmen der Nachtlinie . Mit dem Auftragsstück "Lass mich dein Leben leben" setzt Jörg Albrecht seine Reihe "Dirty Control" fort. Teil 1 - "Stell dir deinen Körper vor" - beschäftigt sich mit der Eroberung des öffentlichen Raums durch Werbung und wird im Juni 2008 am Maxim Gorki Theater in einer Werkstattaufführung gezeigt.

Roger Vontobel arbeitet u.a. an Theatern in Berlin, Essen, Graz und Hamburg. 2006 wurde er von Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. An den Kammerspielen hat er zuletzt Heinrich von Kleists "Die Familie Schroffenstein" im Schauspielhaus und "Lilja 4-ever" nach der Filmvorlage von Lukas Moodysson im Werkraum inszeniert.


Lass mich dein Leben leben von Jörg Albrecht
Uraufführung: 20. März 2009, 20 Uhr

Weitere Vorstellungen:
23.03.09, 20 Uhr
28.03.09, 20 Uhr
06.04.09, 20 Uhr
29.04.09, 20 Uhr

Münchner Kammerspiele, Werkraum
Hildegardstraße 1
D - 80539 München

W: http://www.muenchner-kammerspiele.de/

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  •  20. März 2009 29. März 2009 /
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