3. August 2019 - 4:23 / Ausstellung / Grafik
28. August 2019 17. November 2019

Wer kennt sie nicht, die vielen Baukräne in Grossstädten. Unerbittlich und rasant schreitet die städtebauliche Entwicklung voran und scheint vor fast nichts Halt zu machen. Die spanische Künstlerin Lara Almarcegui (*1972) greift dieses Phänomen kritisch auf. Sie hinterfragt das Mass an urbaner Durchgestaltung und erforscht die komplexen Beziehungen zwischen Rohstoffen, Konstruktion und Verfall unserer gebauten Welt. Während Almarcegui bisher vor allem für ihre Installationen bekannt ist, legt die Graphische Sammlung ETH Zürich zum ersten Mal den Fokus auf die Kunstwerke auf Papier. Zeichnungen, Fotografien, Zeitungsausschnitte oder Statistiken erlauben einen neuen und unerwarteten Blick auf ihre Arbeit.

Die international bekannte spanische Künstlerin Lara Almarcegui hat sich einen Namen damit gemacht, dass sie dem Übermass an städtebaulicher Gestaltung gezielt das Unförmige entgegensetzt – etwa, wenn sie genau so viel Baumaterialien aufhäuft wie für ein Haus verwendet wurde. In anderen Projekten setzt sie sich mit temporär ungenutzten Zonen auseinander oder berechnet und listet das Gewicht der verwerteten Baumaterialien eines Gebäudes oder gar einer ganzen Stadt auf. International berühmt geworden ist sie 2013 mit ihrem Werk für den spanischen Pavillon an der Biennale von Venedig. Dort trug sie im Innern das für die Erstellung des Pavillons verwendete Material in Form von Bauschutt zusammen. Man erblickte zugleich die gebaute Architektur wie seine Rohstoffe. Die Materialität und Konstruktion des Gebäudes wurde mit einer unmittelbaren physischen Direktheit erfahrbar und die unförmigen Haufen riefen ins Bewusstsein, welch unglaubliche Menge an Rohstoffen für seine Erstellung verwendet wurde. Mit Arbeiten wie dieser kommentiert Almarcegui unsere durchgeplante und gebaute Welt ohne selbst gestalten zu müssen: «Ich suche nach einem Weg über Architektur zu sprechen, ohne Bilder zu benutzen.» Dies gelingt ihr durch ihre spezifische Herangehensweise, für die sie zuerst – einer Wissenschaftlerin ähnlich – akribisch recherchiert und ein dichtes Netz von Fakten zusammenträgt.

Seit Mitte der 1990er-Jahre sammelt die in Rotterdam lebende Künstlerin Informationen zur Geschichte, zum geographischen und städtebaulichen Kontext wie auch zu den ökologischen und ökonomischen Bedingungen von Bauten und peripheren Gebieten. Sie forscht zu Materialien und Rohstoffen. Immer wieder bewegt sich Almarcegui dabei an Zonen des Übergangs und lenkt unsere Aufmerksamkeit auf verlassene, meist leere und oft vergessene Flächen. Es sind brachliegende Gebiete mit oder ohne moderne Ruinen, die verwildern und in denen sich zugleich neue Schritte der Stadtentwicklung abzuzeichnen beginnen. Sie befragt Fachleute zu solchen «Terrains Vagues» und hält alle diese Informationen in «Guides» fest. In diesen kleinen Kunstführern vereint sie eine nüchterne alternative Lesart von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Areals. Zum Beispiel 2009, als sie einen Führer über zwölf noch leere, verwilderte Gebiete herausgab, die drei Jahre später für die olympischen Spiele in London überbaut werden sollten. Seit einiger Zeit beschäftigt sich Almarcegui zudem ganz konkret mit der Herkunft und dem professionellen Abbau von Baumaterial. Wie werden natürliche Ressourcen für die Bebauung der Welt genutzt, ja ausgebeutet? Die Künstlerin hat unter anderem in Norwegen Schürfrechte erhalten, die sie nicht nutzt, sodass sie etwa das wichtige Baumaterial Eisen dem ökonomischen Fluss entzieht. Die Themen, die Almarcegui aufgreift, sind stets von grösster Relevanz: Die Künstlerin macht deutlich, dass die Welt des Gebauten und Gefertigten nie losgelöst von politischen, ökonomischen und ökologischen Veränderungen gesehen werden kann.

In der Graphischen Sammlung wird nun erstmals ein besonderes Augenmerk auf die Rolle von Zeichnungen und weiteren Arbeiten auf Papier gelegt. Almarceguis «Wastelands Guides» werden ebenso zu sehen sein, wie abstrahierte Zeichnungen, die beispielsweise in Zusammenhang mit ihrer Beschäftigung mit Schürfrechten für Eisen entstanden sind. Ebenso ausgestellt werden fast schon expressive Skizzen, die Projekte mit aufgehäuftem Baumaterial thematisieren und die Listen über die verbauten Rohstoffe eines Gebäudes oder einer Stadt wie São Paolo. Die Kunstwerke auf Papier machen auf ganz besondere Weise das prozesshafte Vorgehen, ja die Überlegungen der Künstlerin sichtbar. Anhand dieser Arbeiten lassen sich die Herangehensweise von Almarcegui in idealer Weise nachvollziehen und eine grosse Auswahl ihrer Projekte auf neue, andere Weise erfahrbar machen. Mit ihrem Fokus auf Papier erweitert die Graphischen Sammlung, den Blick auf das Schaffen dieser wichtigen Künstlerin und stellt zugleich einen bisher eher weniger bekannten Teil ihres Werkes vor.

Almarceguis Werk ist an der Schnittstelle zu verschiedenen (auch naturwissenschaftlichen) Disziplinen angesiedelt, da sie in ihrem Schaffen den urbanen Raum erkundet, die Beziehung zwischen Konstruktion, Verfall und Regeneration unserer gebauten Welt erforscht und sich mit den Besitzverhältnissen von Bodenschätzen beschäftigt. Während der Ausstellung wird denn auch eine interdisziplinäre Erweiterung angestrebt: An einem Symposium am 17. Oktober 2019 diskutieren internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über Almarceguis Werk und überführen es in einen erweiterten Kontext.

Lara Almarcegui. Deep Inside – Out
28. August bis 17. November 2019
Eröffnung: Di 27. August 19, 18:30 Uhr

Graphische Sammlung der ETH
Rämistrasse 101
CH - 8092 Zürich

T: 0041 (0)44 632 40 46
F: 0041 (0)44 632 11 68
E: info@gs.ethz.ch
W: http://www.gs.ethz.ch/

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  •  28. August 2019 17. November 2019 /
Lara Almarcegui Ohne Titel [Escher Wyss], 2012 Blatt 2 aus "Non realized proposal: projects for Zurich West", Inkjet-Druck nach Photographie, mit Bleistift und Filzstift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Ohne Titel [Escher Wyss], 2012 Blatt 2 aus "Non realized proposal: projects for Zurich West", Inkjet-Druck nach Photographie, mit Bleistift und Filzstift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Ohne Titel [Puls 5], 2012 Blatt 3 aus “Non realized proposal: projects for Zurich West”, Inkjet-Druck nach Photographie, mit Bleistift und Filzstift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Ohne Titel [Puls 5], 2012 Blatt 3 aus “Non realized proposal: projects for Zurich West”, Inkjet-Druck nach Photographie, mit Bleistift und Filzstift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Ohne Titel, 2012, Blatt 2 aus "Non realized proposal: Rubble of Storke Plaza, South California University, Santa Barbara", Inkjet-Druck nach Photographie mit Bleistift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Ohne Titel, 2012, Blatt 2 aus "Non realized proposal: Rubble of Storke Plaza, South California University, Santa Barbara", Inkjet-Druck nach Photographie mit Bleistift überarbeitet, 21.1 x 29.7 cm Graphische Sammlung ETH Zürich / © Lara Almarcegui
Lara Almarcegui Sketch for project Spanish Pavillon, Venice Biennale, 2013 Zeichnung auf Inkjet-Druck, 38 x 61 cm © Courtesy of the artist
Lara Almarcegui Sketch for project Spanish Pavillon, Venice Biennale, 2013 Zeichnung auf Inkjet-Druck, 38 x 61 cm © Courtesy of the artist
Portrait Lara Almarcegui, 2018 Messeplatz Projekt «Basilea» für die ART Basel 2018 © ART Basel, 2018
Portrait Lara Almarcegui, 2018 Messeplatz Projekt «Basilea» für die ART Basel 2018 © ART Basel, 2018