Land des Leoparden

Unter dem Titel „Land des Leoparden” zeigt die Künstlerin Bianca Tschaikner in der Bregenzer Sylvia Janschek Art Gallery derzeit eine Serie von neuen Malereien auf Papier aus Japan und Korea sowie Porzellanobjekte. Entstanden sind die Werke während eines Artist-in-Residence-Aufenthaltes der Künstlerin in einem Olivenhain in einem abgelegenen Ort in den toskanischen Hügeln.

Bianca Tschaikner dazu: „Die lichte Welt der sanften Hügel Palaias birgt dunkle Dinge: Geisterdörfer, ein verwunschenes Kastell, der unaufgeklärte Mord von Elvira Orlandini. Geschichten, die geflüstert werden. In der alten Villa soll es spuken, im Wald will jemand ein Einhorn gesichtet haben; Das Papier wird zur Projektionsfläche für die Geschichten einer mythologischen Landschaft, die Pigmente sind aus Florenz, die Farben sind Ultramarin und Zinnober.“

Im Zuge ihres Aufenthaltes in der sogenannten Villa Lena, in der es wie im dazugehörigen Wald sowie in einer in der Nähe gelegenen Burgruine nach Meinung der Leute spuken soll, beschäftigte sich die Künstlerin zunächst intensiv mit der Geschichte von Elvira Orlandini, die 1940 ermordet wurde, und setzte diese mit ultramarinblauen und zinnoberroten Pigmentfarben variantenreich ins Bild. Tschaikner: „Ich malte Orlandini als Wasserträgerin (eines der Bilder ist eine zentrale Arbeit der Ausstellung in Bregenz) und als Portrait einer geisterhaften Gestalt, deren Präsenz in der Gegend immer noch spürbar ist, manchmal im Zusammenhang mit einer der unheimlichen Katzen, die im Geisterdorf herumschleichen.“

Nach einiger Zeit wandte sie sich aber von diesem düsteren Thema ab und stiess bei einem Ausflug nach Florenz auf ein neues Motiv. Eine Studienkollegin nahm sie dort mit in ein Ortigia-Sicilia-Geschäft. Ortigia Sicilia ist eine luxuriöse italienische Kosmetikmarke, die einen markanten, auffälligen Leoparden im Logo führt. Die Firma ist benannt nach ihrem Sitz auf der Insel Ortigia vor der Ostküste Siziliens im ionischen Meer, die das historische Zentrum der Stadt Syrakus bildet. Dieser Leopard habe sie sofort in Bann gezogen und sie habe begonnen, darüber zu recherchieren, lässt die Künstlerin wissen.

Tschaikner reiste dem Leoparden sozusagen nach Sizilien nach und stiess auf das fast tausendjährige byzantinische goldene Mosaik in der Capella Palatina im alten Palermo, das als eines der bedeutendsten Meisterwerke der mittelalterlichen Kunst gilt und im Auftrag des normannischen Königs Roger II. ab etwa 1132 geschaffen wurde. Der Leopard spielt hier eine prominente Rolle, allerdings befindet er sich technisch gesehen nicht im religiösen Hauptraum der Palastkapelle, sondern im angrenzenden Sala Ruggero, wo der Leopard gleichsam im Paradiesgarten zwischen Dattelpalmen und Pfauen schreitet. Das Mosaik zeigt hier zwei majestätische, goldene Leoparden, die sich symmetrisch gegenüberstehen, flankiert von Palmen und exotischen Früchten. Leoparden waren im mittelalterlichen Sizilien Statussymbole. Die normannischen Könige hielten in ihren Parks (dem "Genard") tatsächlich exotische Tiere, um ihren Reichtum und ihre Macht über die Natur zu demonstrieren. Der Stil ist stark von der sassanidisch-persischen Kunst beeinflusst, die für ihre streng symmetrischen Tierdarstellungen bekannt war. Der Leopard von Palermo ist so ikonenhaft, dass er heute nicht nur Ortigia als Logo für für seine Produkte dient, sondern auch anderen Unternehmen wie etwa dem Modekonzern Dolce & Gabbana als Inspirationsquelle für ganze Kollektionen dient.

Nun, bei Bianca Tschaikner, webt sich der goldene Leopard, uralt und lebendig, langsam ein in die Bilderwelt Palaias und führt aus ihr wieder hinaus. Mit ihm taucht die Palme auf und wird zu einer Metapher für die Sehnsucht nach der Insel im Süden. Von der Sizilienreise inspiriert, entstand neben den sehr ornamental und eindringlich wirkenden Leopardengemälden auch eine Serie von Porzellanzylindern mit eingeritzten Zeichnungen, die kreisförmige Narrative darstellen, auf denen Leoparden, Sphinxen und andere Wesen auftauchen. Auch von ihnen sind einige in der Ausstellung in der Sylvia Janschek Art Gallery zu sehen. 
Grundsätzlich könnte man die Schau Tschaikners in Bregenz als eine faszinierende Symbiose aus toskanischer Abgeschiedenheit und sizilianischer Mystik benennen. 
Im Pressetext heisst es: „Das Land des Leoparden ist ein Bilderraum, der die Erkundung eines Anderswo nachzeichnet, die halb Erinnerung, halb Evokation ist: Er wird zur Kartografierung eines Landes, dessen Wirklichkeit sich aus der Fantasie speist.“

Die 1985 in Bregenz geborene Künstlerin Bianca Tschaikner arbeitet grundsätzlich an der Schnittstelle von Zeichnung, Illustration, Druckgrafik, Keramik und Buchkunst. Ein zentrales Motiv ihres Schaffens sind Mythologien, soziale Strukturen wie etwa matriarchalische Gesellschaften sowie geheimnisumwitterte Mikrogeschichten fremder Kulturen. Ihre Werke zeichnen sich vielfach durch einen narrativen und dokumentarischen Charakter aus und sind häufig das Ergebnis von Erlebnissen und Erfahrungen, die ihr auf Reisen in Länder wie etwa Chile, USA, Indien, Iran, Pakistan, Indonesien oder auch Spanien und Italien begegnet sind. Die Ornamentik im orientalischen und arabisch-muslimischen Kulturraum habe sie auf ihrem künstlerischen Weg besonders beeinflusst, betont die Künstlerin. Tschaikner: „Eine persische Moschee inspiriert mich mehr als ein Jugendstilhaus.“ (vgl. Wikipedia).

Die Künstlerin hat im Juni dieses Jahres übrigens auch eine große Einzelausstellung im taiwanesischen Taipei Yingge Ceramics Museum, die im Herbst auch im Künstlerhaus Bregenz gezeigt wird. Inhaltlich steht hier eine Forschungsreise zu den Dichterinnen im Hindukush im Zentrum.  

Bianca Tschaikner: land des Leoparden
Sylvia Janschek Art Gallery, Bregenz
Bis 24. 4.
Di-Sa 14-18, u.n.tel.V.
https://www.janschek.art