Monumentalität und intime Momente – dieses Spannungsverhältnis ist bei Verdis Opern Programm, vor allem bei „La traviata“, seiner meistgespielten. Zum 80-Jahre Jubiläum der Bregenzer Festspiele gelingt genau diese Gratwanderung in der Inszenierung von Damiano Michieletto und Paolo Fantins eindrucksvoller zerberstender Spiegelskulptur auf der Seebühne hervorragend.
Der zerbrechliche Augenblick, wenn die 700 Quadratmeter große Spiegelfläche in 86 Teile zersplittert, wird festgehalten – eingefroren – und zum Sinnbild für Violettas Schicksal. Am Bodensee entsteht ja für die zwei Jahre laufende Festspielproduktion nicht nur ein Opern-Bühnenbild, sondern ein ikonisches Wahrzeichen von Bregenz, das für die jeweiligen Großereignisse steht, weltbekannt, und ebenso für die Leute in der Region inspirierend, auch wenn sie nicht unter den 375.000 Zuschauer:innen sind, die „La traviata“ erleben werden.
Premiere in vielerlei Hinsicht: in 80 Jahren zum ersten Mal auf der Seebühne, und auch für das berühmte Duo Damiano Michieletto* und Paolo Fantin* das erste Mal, ebenso für den musikalischen Leiter Kirill Karabits*! Die tragische Geschichte der todkranken Kurtisane Violetta Valéry beruht auf einem Roman von Alexandre Dumas (fils), der als junger Schriftsteller selbst einer der Liebhaber der „Kameliendame“ war. Giuseppe Verdi wiederum berührte die tragische Heldin, die an den Moralvorstellungen ihrer Zeit scheitert, auch aus persönlichen Gründen: Viele Jahren lebte er zunächst unverheiratet mit einer ehemaligen Sopranistin zusammen, die wegen ihrer Vergangenheit mit mehreren unehelichen Kindern zum Ziel gesellschaftlicher Anfeindungen wurde.
Das rauschende Fest zu Beginn eignet sich perfekt für eine bunte Pool-Partyszene in Kostümen der Goldenen Zwanzigerjahre und mit Wasserballett auf Luftmatratzen im weitläufigen Infinity-Becken, das von der Freischütz-Produktion (nun jedoch durchaus schlüssiger eingesetzt) übernommenen wurde. Diese liquide spiegelnde Oberfläche überbrückt nicht nur die Distanz zur Zuschauertribüne, sondern auch den extrem niedrigen See Pegelstand. Alfredo kann Violettas Herz erobern und beide ziehen aufs Land. Ein Zimmer wird aus der Spiegelwand geklappt, das Alfredo im trauten Heim gerade ausmalt. Das Geld ist ausgegangen, er will verhindern, dass Violetta ihren Besitz verkauft und fährt nach Paris. Das Unheil nimmt seinen Lauf, Vater Germont wird Violetta zwingen, ihre große Liebe aufzugeben.
In großflächigen Videoprojektionen spiegelt sich die Innenwelt Violettas, ihre Emotionen subtil sichtbar machend: wie einsam sie ist und krank, wie das Leben mit dem Geliebten hätte glücklich sein können, ihre Sehnsucht nach Ruhe und Harmonie. Und das Störfeld ist aufgespannt, Vater Germont kommt von weit her (durch das Wasser), mit dem schweren Koffer voller Konventionen, der ihn unbeweglich (festgehalten auf den Spiegelsplittern) macht. Die Spannung steigert sich mit den unüberbrückbaren Distanzen der Beteiligten. Hoch droben klappt die Kammer des Arztes auf, der ein Lungenröntgen betrachtet … die Risse und Büche werden immer deutlicher. Eine riesige schwarze Kugel, die den Spiegel zertrümmert hat, rollt geisterhaft und als Symbol für das unausweichliche Schicksal auf Violetta zu.
Violetta ist in ihr glamouröses Leben zurückgekehrt. Noch einmal eine farbenprächtige Partyszene, ein überdimensionaler roter Ring fährt auf und bildet den imposanten Rahmen. Ergreifend Alfredos Bloßstellen der Geliebten im Eifersuchtsrausch. Im weißen Unterkleid mit Todesschattenfleck erwartet Violetta dann zum dritten Akt ihren Alfredo, der um Verzeihung bittet. Zu spät, zu spät … auch die Reue von Vater Germont. Ein letztes Aufbäumen, Hoffen, ein poetischer Blütenzauber verbreitet sich mit überall sprießenden Blumen … Violetta stirbt auf dem einsam treibenden Splitter ihres Spiegels.
Musikalisch hochkarätig spielen die Wiener Symphoniker im Großen Saal des Festspielhauses unter Dirigent Kirill Karabits. Das ausgeklügelte und weltweit einzigartige Soundsystem lässt vergessen, dass die Oper unter freiem Himmel stattfindet. Alle Solo-Partien sind zwei- bis dreifach besetzt. Bei der Premiere und gleichzeitig TV-Aufzeichnung begeistert vor allem die finnische Sopranistin Marjukka Tepponen, die so großartig und berührend den vielschichtigen Charakter Violettas zu entwickeln vermag. Im August startet der Kartenverkauf für nächstes Jahr, heuer war die Seebühnenproduktion schon zu Ostern ausverkauft. Welch großartiges Ereignis am Bodensee!
* Der italienische Regisseur Damiano Michieletto ist auf internationalen Bühnen gefragt, wie bei den Salzburger Festspielen, an der Mailänder Scala, Opéra de Paris, in Tokyo und Sidney und dem MusikTheater an der Wien.
* Paolo Fantin war Produktionsdesigner der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele Milano-Cortina 2026; erhielt den Österreichischen Musiktheater Preis 2025 für die „Beste Ausstattung“ von „Animal Farm“ an der Wiener Staatsoper (siehe kultur online) und weitere Preise für seine Bühnenbilder.
* Der ukrainische Dirigent Kirill Karabits ist bekannt für seine mitreißenden Interpretationen und arbeitet regelmäßig mit führenden Orchestern weltweit zusammen, darunter die Münchner Philharmoniker, das London Symphonie Orchestra, in Chicago und Philadelphia etc.
La Traviata | Giuseppe Verdi
Melodramma in drei Akten (1853)
Bregenzer Festspiele
Musikalische Leitung: Kirill Karabits, Pietro Rizzo
Inszenierung: Damiano Michieletto
Bühne: Paolo Fantin
Kostüme: Carla Teti
Premierenbesetzung:
Violetta Valéry: Marjukka Tepponen
Alfredo Germont: Julien Behr
Giorgio Germont: Vladimir Stoyanov
Annina: Melissa Zgouridi
Barone: Douphol Michael C. Havlicek
Dottore: Grenvil Stanislav Vorobyov
Marchese: d'Obigny Janne Sihvo
Bregenzer Festspielchor, Leitung Benjamin Lack
Prager Philharmonischer Chor, Leitung Lukáš Kozubík
Wiener Symphoniker