17. September 2013 - 4:30 / Walter Gasperi / Filmriss
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In seinem grandiosen und an Einfallsreichtum überbordenden Bilderbogen taucht Paolo Sorrentino in die Schönheiten Roms und das mondäne Leben ein, macht aber auch am Beispiel eines alternden Journalisten die Leere hinter der Oberflächlichkeit sichtbar. - Die an Fellinis "La dolce vita" anknüpfende Liebeserklärung an die ewige Stadt gehört zweifellos zu den großen Filmen dieses Jahres.

Die Kamera gleitet um die Fontana Paola am Gianicolo, fährt auf Menschen um das Bauwerk zu, erfasst eine Reiseführerin, die auf Japanisch einen Vortrag hältt, einen Chor, der in einem der Bögen des Brunnens singt, einen Touristen, der offensichtlich auf Grund der Hitze – oder vielleicht auch überwältigt von der Schönheit der Stadt - zusammenbricht, wobei die klassische Musik in Kirchenmusik und ein Gebet des Papstes übergeht.

Abrupt bricht dieser impressionistische Prolog ab und mit dem hysterischen Schrei einer Frau wird der Zuschauer in eine ausgelassene Party versetzt, die auf einer Dachterrasse direkt gegenüber dem Kolosseum abgeht. Nicht nur die Location, sondern auch die Anzüge und Kleider machen klar, dass sich hier die Oberschicht trifft.

Mittendrin ist man durch die dynamisch geführte Kamera, schnelle Bewegungen und Schnitte. Zu Discorhythmen tanzt im Zentrum eine Frau in Schwarz, eine andere präsentiert sich in einem von gleissendem Neonlicht erhellten Glaswürfel, eine weitere entsteigt einer Geburtstagstorte - und erst jetzt kommt der Gastgeber Jep Gambardella ins Bild.

Fulminant ist diese Eröffnung von Paolo Sorrentinos sechstem langem Spielfilm, stimmt schon ein auf die Bilderfülle, die einem in den nächsten zweieinhalb Stunden erwartet. Nachdem der Neaopolitaner in "Cheyenne - This Must Be the Place" zwar eine schräge Geschichte, diese aber zwar mäandernd, aber doch linear erzählt hat, kehrt er mit "La Grande Bellezza" zum kollagenhaften Stil von "Il Divo" zurück. Wie er dort schillernd ein Porträt des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti zeichnete, so entwirft er hier ein Panorama der römischen High-Society, die zwar ein Leben in Luxus genießt, hinter dessen Oberfläche aber nur Leere sichtbar wird.

Im Zentrum dieses grandiosen Gesellschaftsporträts steht der von Sorrentinos Stammschauspieler Tony Servillo brillant gespielte Jep Gambardella. Das rauschende Fest zu seinem 65. Geburtstag bringt den Journalisten mit dem klingenden Namen zum Nachdenken: Was ist aus seinem Leben, was aus seinen Träumen geworden?

Als junger Mann wollte er Schriftsteller werden, hat vor 40 Jahren einen Roman geschrieben, sich dann aber auf den Journalismus verlegt, die eine oder andere Berühmtheit interviewt, vor allem aber das Leben in vollen Zügen genossen. Man kennt diesen Mann in der High Society und die High Society kennt ihn.

Unübersehbar an den von Marcello Mastroianni gespielten Reporter Marcello in Fellinis "La dolce vita" ist diese Figur angelehnt, doch während Marcello nur das leere Leben der Oberschicht beobachtete, reflektiert Servillos Figur auch darüber, sucht nach Schönheit, Sinn und Glück.

Die Nachricht vom Tod seiner ersten Liebe weckt bei Gambardella nicht nur wehmütige Erinnerungen an ein Jugenderlebnis am glänzend blauen Meer - zu Arvo Pärts "My Heart is in the Highlands" verwandelt sich die Zimmerdecke ins Meer -, sondern macht ihm auch die eigene Vergänglichkeit bewusst und die Sinnfrage dringlicher. Verstärkt wird dies durch andere Ereignisse wie den Selbstmord eines depressiven Bekannten einer Freundin oder den Tod der alternden Stripperin Ramona, mit der er für einmal nicht Sex hatte, sondern wirklich kommunizierte.

Mit diesem Journalisten führt Sorrentino den Zuschauer durch die High Society, erzählt nicht stringent und geradlinig auf einen Höhepunkt zustrebend, sondern lässt den Film mäandern und zeichnet aus einer Fülle von impressionistischen Szenen und Begegnungen ein desillusionierendes Porträt der Oberschicht, erklärt aber gleichzeitig der ewigen Stadt seine Liebe. Von der Piazza Navona bis zur Santa Scala, von den Caracallathermen über das Tiberufer bis zu den nächtlichen Palazzi, zu denen einer der zahlreichen Bekannten Jeps einen Schlüssel hat, spannt sich der Bogen der Schauplätze, die Kameramann Luca Bigazzi immer wieder mit grandiosen Kranfahrten ins Bild rückt.

Hier wird nicht nur von Schönheit erzählt, sondern die Erzählweise selbst strebt durch die Kameraarbeit, die phantastischen natürlichen Kulissen und einen unglaublich vielfältigen und immer wieder überraschenden Soundtrack, der in der Mischung aus sakraler und Unterhaltungsmusik die Widersprüchlichkeit der Stadt zum Ausdruck bringen soll, nach Schönheit. - Ein Gesamtkunstwerk will dieser Film sein, entwickelt durch die Inszenierung einen rauschhaften Sog, verführt den Zuschauer und lässt ihn in diese Welt eintauchen.

Mehr durch die Form als durch Emotionalität der Figuren und Geschichte reißt "La Grande Bellezza" mit und stellt der zeitlosen Schönheit der Kunstwerke Vergänglichkeit, Altern und Tod des Menschen gegenüber. Doch auch an Witz fehlt es dabei nicht. Bissig macht sich Sorrentino über intellektuelles Geschwätz lustig, grandios ist eine Szene, in der Jep bei einem Botox-Arzt dem absurden, aber sehr einträglichen Geschäft mit dem Wunsch nach Schönheit zusieht, fellinesk-grotesk verläuft ein Treffen mit einer 104-jährigen Nonne aus Mali, die alle als Heilige ansehen und die nur Wurzeln isst, und persifliert werden Kunst-Performances, wenn eine Frau mit dem Kopf gegen einen Aquädukt an der Via Appia rennt oder ein Kind auf Druck der Eltern bei einer Party Farbe auf eine Leinwand klatschen muss. Und ebenso bizarr wie denkwürdig ist schließlich eine Szene, in der eine Schar Flamingos auf Jeps Dachterrasse einen Zwischenstopp einlegt.

Bis zur den Film beschließenden und den Abspann begleitenden mehrminütigen Kamerafahrt auf dem Tiber ist dies ein ausufernder und schillernder Film, der aufgrund seines Bilder- und Einfallsreichtums auch bei wiederholtem Sehen nichts von seiner Faszination verliert.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 18.9., 21.30 Uhr; Do, 19.9., 19.30 Uhr (ital. O.m.U.)
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Mi 18.9 + Do 19.9. - jeweils 20 Uhr (ital. O.m.U)
Kinok St. Gallen: Fr 20.9., 17 Uhr; So 22.9., 17 Uhr; Do 26.9., 21 Uhr; Mo 30.9., 17.30 Uhr (ital. O.m.U.)

Trailer zu "La Grande Bellezza"

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