verfasst von Haimo L. Handl / 14. Juni 2015 - 4:04 / Wort zum Sonntag
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Der Ablauf der ersten Zentralmatura in Österreich ging relativ reibungslos über die Bühne bzw. Schulen. Nach all den Pannen stellte der relative Erfolg der technischen Organisation alle inhaltlichen Aspekte in den Schatten. Das ist bedauerlich. Denn besieht man die Deutschmatura, erschrickt man über die weitere Niveausenkung, die Dürftigkeit der Aufgaben, die Beschränktheit des Problemrahmens.

Es wird offiziell bestätigt, dass die Kenntnisse, kurze Texte zu rezipieren, Werbebotschaften zu kapieren oder Bewerbungen zu schreiben, ausreichen. Aus der Literatur genügen Texthappen, kurze Auswahlstücke, weil die Lektüre und Auseinandersetzung mit Büchern, anspruchsvollen gar, unzumutbar scheint.

Aber Häppchen lesen fördert nicht die Lesekompetenz. Jene wäre nur erreichbar, wenn man lehrte, vermittelte und enthusiamierte, sich Werken zu widmen und nicht nur Ausschnitten. Die gegenwärtige Ausrichtung pflegt eine Digestkultur, verunmöglicht echte Auseinandersetzung. Ein Grund dafür liegt in einem falsch verstanden Nutzendenken, nach dem man keine Traditions- oder Klassikerpflege brauche, weil diese zu nichts tauge, nicht lohne, unnützer Luxus sei. Da der Bildungsbegriff ersetzt wurde durch einen besser messbaren Ausbildungsbegriff, haben es die Anwälte des neuen Utilitarismus leicht: sie werden als Retter der überforderten Kinder und Jugendlichen gesehen, denen sie die abstruse Belastung unnützen Wissensgutes ersparen zugunsten jener Skills, die schnell zum Erfolg führen.

Das Regime der Un- und Halbgebildeten hat schon länger die Oberhand. Die kurzsichtige, bornierte Haltung hat ja auch kurz vor der Jahrtausendwende zum Akzept des Bolognaprozesses geführt mit all den perversen, dümmlichen Tests und dem peinlichen Fokussieren auf Rankings. Die elektronischen Medien, die allumfassende Vernetzung, unterstützt diese Entwicklung der Fragmentierung und Partikularisierung im Sinne der wirtschaftsgerechten Funktionalisierung.

Autoren wie George Steiner oder Alberto Manguel mit ihren Büchern und Aufsätzen über die faszinierende Kulturtechnik Lesen sind zu Exoten geworden, die sich unfreiwillig an ein kleiner werdendes Publikum wenden, fast wie altmodische Esoteriker.

Obwohl die Zahl von Dichter- und Schreibschulen zunimmt, überzeugt nur ein geringer Teil der laufenden literarischen Produktion mit sprachlicher Qualität. Das fällt aber immer weniger auf, weil auch die sogenannten Qualitätsmedien an Qualität verloren und in einer Art "easy Deutsch" ihre Leser nicht überbeanspruchen wollen.

Nun, gehobene Literatur war nie ein Massenphänomen. Aber die gegenwärtige Schwächung stellt doch ein besorgniserregendes Novum dar. Wir erleben den Prozess einer Dekulturation, der sich bald gesellschaftlich und politisch auswirken wird.