Kurt Schwitters - Grenzgänger der Avantgarde

Kurt Schwitters (1887 in Hannover geboren, 1948 in Kendal, UK, gestorben) zählt zu den einflussreichsten und eigenwilligsten Protagonisten der künstlerischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit und besitzt bis heute eine beeindruckende Aktualität. „Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde” ist die erste umfassende museale Ausstellung zu seinem Werk in der Schweiz seit über 20 Jahren. Sie zeichnet die Vielfalt seines Œuvres über alle Schaffensphasen hinweg nach – von den ikonischen Merzbildern, Assemblagen und Collagen über den begehbaren Nachbau des Hannoveraner Merzbaus bis hin zu den weniger bekannten Porträts, Landschaften und Skulpturen aus dem Exil. Ergänzend zeigt das Zentrum Paul Klee Beispiele seines grafischen und literarischen Schaffens sowie seiner publizistischen Aktivitäten. Die Ausstellung präsentiert ihn als radikalen Erneuerer und Grenzgänger zwischen den avantgardistischen Strömungen seiner Zeit, der mit einer unverwechselbaren Synthese aus Kunst, Architektur, Design und Literatur Generationen von Kunstschaffenden prägte.

Ein eigenwilliger Grenzgänger der Avantgarde.

Nach einer akademischen Ausbildung begann Schwitters mit gegenständlichen und figurativen Werken, wandte sich dann dem Expressionismus und später der Abstraktion zu. Obwohl er mit internationalen Avantgarde-Bewegungen wie Dada, De Stijl oder dem russischen Konstruktivismus im Austausch stand, schloss er sich keiner Gruppe an. Schwitters blieb ein Individualist mit selbstironisch-gutbürgerlichem Auftritt und provozierte damit sowohl das Publikum als auch seine Künstlerkolleg:innen.

Während sich viele Kunstschaffende im postrevolutionären Deutschland politisch engagierten – wie etwa die Berliner Dadaisten – bewahrte sich Schwitters eine politische Unabhängigkeit und stellte die Autonomie der Kunst ins Zentrum.

„Merz“: Kunst aus den Trümmern der Zivilisation

In den 1920er-Jahren verkörperte er den Geist der Freiheit und des künstlerischen Neubeginns aus den Trümmern nach dem Ersten Weltkrieg. Sein eigens entwickeltes Prinzip „Merz” wurde zu seinem künstlerischen Markenzeichen.

Aus Fund- und Wegwerfmaterialien schuf er Collagen und Assemblagen, die sogenannten Merzbilder. Ab 1923 entstand in seinem Haus in Hannover auch der Merzbau – eine begehbare Skulptur, die Architektur und Collage vereinte und als einer der ersten Vorläufer der heutigen Installationskunst gilt. „Merz“ war ein frühes Konzept von künstlerischem Recycling und Remix. Für Schwitters lag der Wert der Kunst nicht im Material, sondern in der geistigen Wertschöpfung. Diese zeigte sich in der Fähigkeit, aus dem Chaos eine neue, harmonische Ordnung entstehen zu lassen und der Vergänglichkeit aller Dinge mit künstlerischen Mitteln zu begegnen.

Überwindung der Kunstgattungen

Das Werk von Schwitters überwindet traditionelle Gattungsgrenzen in der Kunst. Neben seinem künstlerischen Werk im engeren Sinne war er auch ein einflussreicher Grafiker, Herausgeber und Schriftsteller. Er prägte die moderne Werbegestaltung, gründete den Internationalen Ring Neue Werbegestalter und setzte neue Maßstäbe in der Verbindung von freier und angewandter Kunst. Sein Ziel war es, Gestaltung und Typografie nicht nur als technische und dekorative, sondern als kulturelle und künstlerische Aufgaben zu etablieren. Damit hat Schwitters auch das Schweizer Grafikdesign entscheidend mitgeprägt. Seine Avantgarde-Zeitschrift Merz wurde zum Experimentierfeld typografischer Gestaltung und zur Plattform für sein internationales Künstlernetzwerk. Zudem veröffentlichte er Manifeste, gesellschaftskritische und autobiografische Kurzgeschichten, Theaterstücke, Poesie und sogar Märchen. Berühmt wurde er durch seine aufsehenerregenden dadaistischen Gedichte, wie „An Anna Blume” (1919), oder durch die „Ursonate” (1923–1932). Dieses epochale Hauptwerk des Dadaismus wird als Teil des Begleitprogramms zur Ausstellung am Samstag, dem 18. April 2026, um 14:00 Uhr sowie am Sonntag, dem 19. April 2026, um 11:00 Uhr im Zentrum Paul Klee als Live-Performance vom Brüsseler Musiker Michael Schmid aufgeführt.

Exil und Neubeginn

Schwitters verfolgte sein experimentelles Kunstverständnis mit kompromissloser Konsequenz. Doch der utopische Anspruch an die Kunst kontrastiert auch mit tragischen Aspekten seiner Biografie. Seine Diffamierung als „entarteter” Künstler durch die Nationalsozialisten sowie seine persönlichen Kontakte zur politischen Opposition im NS-Deutschland hatten für den Künstler einschneidende Folgen und entzogen ihm seine Lebensgrundlage. Zusammen mit seinem Sohn Ernst floh er 1937 zunächst nach Norwegen, wo er sich in Oslo niederließ und die Sommermonate im Umfeld der Stadt Molde verbrachte.

Nach dem deutschen Überfall auf Norwegen floh Schwitters mit seinem Sohn 1940 weiter nach Großbritannien. Dort wurden sie zusammen mit anderen aus NS-Deutschland Geflüchteten, darunter viele Künstler und Intellektuelle, im Hutchinson Camp auf der Isle of Man interniert. Nach der Freilassung ließ sich Schwitters in London und später im Lake District im Norden Englands nieder. Trotz widrigster Umstände arbeitete er unbeirrt weiter, begann neue Merzbauten in Norwegen und England und verdiente sein Auskommen mit impressionistischen Porträts und Landschaftsbildern, während er parallel dazu seine „Merz”-Kunst weiterführte. Während seine figurativen und gegenständlichen Arbeiten in Norwegen und England Anerkennung fanden, blieben seine avantgardistischen Ideen dort weitgehend unverstanden.

Immersives Ausstellungserlebnis

Die Ausstellung zeigt die erstaunliche Vielfalt von Schwitters' Schaffen. Die Retrospektive bietet dem Publikum eine einmalige Gelegenheit, sein avantgardistisches Œuvre in all seinen Formen zu erleben und darüber hinaus weitgehend unbekannte Aspekte von Schwitters kennenzulernen, beispielsweise seine Skulpturen, seine experimentellen Texte oder Landschaftsbilder und Porträts aus dem Exil, die noch nie zuvor ausgestellt wurden. Die Ausstellung folgt einer chronologischen Struktur, die es ermöglicht, Schwitters’ gesamten Werdegang nachzuvollziehen – vom Frühwerk bis in die Exiljahre. Herzstück der Ausstellung ist der immersive Nachbau des 1943 zerstörten Merzbaus von Hannover. Ergänzt wird dieser durch rund 20 ikonische Assemblagen, Reliefs und Skulpturen sowie großformatige Projektionen, die Schwitters' spätere Merzbauten in Norwegen und England eindrücklich dokumentieren. In den umliegenden thematischen Räumen entfaltet sich ein umfassendes Panorama seines Schaffens mit rund 50 Collagen, 20 Gemälden sowie zahlreichen Zeichnungen, Aquarellen, Druckgrafiken, Publikationen und typografischen Arbeiten. Die Collage als zentrale Ausdrucksform des „Merz”-Prinzips bildet den roten Faden der Ausstellung.

Dynamische Textprojektionen lassen Schwitters’ Manifeste, Kurzgeschichten, Satiren und autobiografische Texte mit den Bildwerken in Dialog treten. Der Film Kurt Schwitters. Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache (1982) von Klaus Peter Dencker, in dem Freunde und Familienmitglieder von Schwitters zu Wort kommen, lässt ihn als Mensch greifbar werden. Im hinteren Teil der Ausstellung ist ein Collage-Atelier als interaktives Angebot eingerichtet, in dem Besucher:innen nach dem Vorbild von Kurt Schwitters Collagen anfertigen können. Abgerundet wird die Ausstellung durch eine Kooperation mit dem Fachbereich Visuelle Kommunikation der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Studierende haben das Schwitters-Gedicht „An Anna Blume” mit typografischen Mitteln neu interpretiert. Die dabei entstandenen Plakate werden in der Ausstellung präsentiert.

Begleitpublikation mit literarischem Fokus

Kurt Schwitters war auch ein produktiver und origineller Schriftsteller. Seine Texte – ironisch, gesellschaftskritisch und voller Sprachwitz – sind Meilensteine der experimentellen Literatur und bilden einen Schlüssel zum Verständnis seines Gesamtwerks. Sie brechen mit traditionellen Formen und Strukturen, spiegeln den historischen Kontext, kommentieren seinen Werdegang und legen die theoretischen Grundlagen seines Schaffens dar. Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag eine von Harald Pridgar gestaltete, reich bebilderte Begleitpublikation im Stil eines Künstlerbuchs. Sie stellt Schwitters’ literarisches Schaffen in den Vordergrund und verbindet Kunst und Literatur zu einer Gesamtdarstellung. Eine umfangreiche und allgemein verständliche Einführung ergänzt die Publikation.

Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde
bis 21.06.2026
Kurator: Dr. Martin Waldmeier