Mit der Gruppenausstellung „Animacies“ läuft derzeit im Kunsthaus Meran (noch bis 11. Oktober) der abschließende Teil des auf drei Jahre angelegten Projektprogramms „The Invention of Europe“ . Kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi, untersucht das Ausstellungsprojekt die euro-asiatischen Beziehungen abseits eurozentrischer Blickwinkel. Ausgangspunkt der Schau bildet die fundamentale Frage, wie man die komplexen historischen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen Europa und Asien neu denken und erzählen könnte. Gezeigt werden sieben internationale Positionen, die westliche Ordnungssysteme und eurozentrische Klassifikationen hinterfragen. Die Ausstellung legt dabei einen besonderen Fokus auf Regionen, die im globalen westlichen Diskurs oft an den Rand gedrängt werden.
Das theoretische Herzstück der Ausstellung ist, wie schon im Titel zum Ausdruck gebracht, das Konzept der „Animacy“ (Belebtheit). Die Werke, unter denen sich beeindruckende Installationen, Malereien und Fotografien befinden, lösen sich von der traditionellen, oft starren Trennung zwischen dem Belebten und dem Unbelebten. Stattdessen gehen die Arbeiten davon aus, dass auch Objekte, Rohstoffe, Textilien und Artefakte eine eigene Form von Handlungsmacht besitzen.
Im Besonderen wird dies durch die Auswahl der Materialien deutlich. Rohstoffe wie Stoffe und Pigmente werden hier nicht bloß als passive Träger künstlerischen Ausdrucks verstanden, sondern als aktive Akteure. Sie erzählen Geschichten über Ausbeutung, Spiritualität sowie sozioökonomische Verflechtungen. Die Künstler:innen nutzen diese materielle Lebendigkeit, um alternative Narrative über Gemeinschaft, Geschichte und kulturelle Identität zu weben.
Die gezeigten Arbeiten stammen von Bekhbaatar Enkhtur, Shivanjani Lal, Mai Ling, Chathuri Nissansala, Elia Nurvista, Ashfika Rahman und Jennifer Tee . Sie greifen regionale Perspektiven aus Ländern wie Indonesien, der Mongolei, den Philippinen, Bangladesch und der indischen Diaspora auf. Durch ihre sehr persönliche und teils kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Geschichte schaffen sie einen Dialog, der den Betrachter dazu einlädt, die eigene Wahrnehmung von Machtstrukturen und kolonialem Erbe zu überdenken.
Im Rahmen der Schau wird die Trennung zwischen lebendigen und toten Dingen gleichsam aufgehoben, wobei Stoffen und Rohstoffen eine eigene Handlungsmacht zugeteilt wird. Im Rahmen Kritik an den Systemen werden westliche Ordnungsmodelle und kolonial geprägte Sichten auf Geschichte und Identität auf den Prüfstand gestellt. Rohstoffe, Textilien und Artefakte verdeutlichen die wirtschaftliche Verflechtungen sowie gesellschaftliche Gemeinschaften.
Die fidschi-indisch-australische Künstlerin Shivanjani Lal zum Beispiel untersucht in der Videoinstallation „Mere Porvaj [I Am Remembering]“ die Formung kultureller Identität durch Migration. Ihr Werk beleuchtet die Geschichte der indischen Diaspora auf den Fidschi-Inseln aus der Perspektive von Frauen und fängt Momente von Spiritualität und Care-Arbeit ein.
Die 1973 im niederländischen Arnheim geborene Künstlerin mit chinesisch-indonesischen Wurzeln Jennifer Tee wiederum zeigt Arbeiten wie „Tao Magic; Tampan Ship of Souls #3“. Ihre Textilwerke und collagenartigen Anordnungen verknüpfen spirituelle Symbole mit Migrationsgeschichten und stellen historische Verbindungen über Meere hinweg dar.
Bekhbaatar Enkhtur, der 1994 in der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar das Licht der Welt erblickte und dort auch lebt, steuert Skulpturen bei, darunter das Werk „Serpente“. Er arbeitet intensiv mit vergänglichen oder formbaren Materialien wie Ton, Bienenwachs oder Metall, um die Lebendigkeit von unbelebter Materie greifbar zu machen.
Desweiteren thematisiert das Künstlerinnen-Kollektiv Mai Ling mit der Arbeit „Becoming Stickiness“ asiatisch-diasporische Identitäten im westlichen Kontext. Sie nutzen Humor und Alltagsmaterialien, um Rassismus, Stereotype und gesellschaftliche Barrieren zu dekonstruieren.
Die indonesische Künstlerin Elia Nurvista präsentiert „The Route“. Sie erforscht anhand von Lebensmitteln und Rohstoffen wie Zucker, Palmöl oder Gewürzen die globalen Handelsströme, koloniale Ausbeutung und die damit verbundenen Machtstrukturen.
Die Fotografien von Ashfika Rahman (Bangladesch) und die Malereien sowie Performances von Chathuri Nissansala (Sri Lanka) letztlich setzen sich kritisch mit sozialen Traumata, Religion und lokalen Gemeinschaften auseinander, die in westlichen Geschichtsschreibungen oft vergessen werden.
"Animacies“ ist mehr als eine bloße Ansammlung zeitgenössischer Kunst. Die Ausstellung verkörpert einen diskursiven Raum, der die Grenzen dessen, was wir als lebendig und erzählenswert erachten, verschiebt. Durch die Verbindung von Ästhetik und postkolonialer Kritik gelingt der Schau ein wichtiger Beitrag zu einem gleichberechtigteren Verständnis globaler Verflechtungen.
Dabei bringt das kuratorische Duo Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi einen sehr starken wissenschaftlichen und aktivistischen Hintergrund in die Ausstellung ein. Die beiden arbeiten intensiv an den Schnittstellen von post- und dekolonialer Theorie, zeitgenössischer Kunst und akademischer Lehre. Beide lehren unter anderem an der renommierten Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand.
Neben ihrer Professur für Ästhetik in Mailand ist Cippitelli Mitglied von „Che Fare“, einer Organisation für kulturelle Innovation. Sie hat zahlreiche Bücher über eurozentrische Machtstrukturen und Kunsttheorie veröffentlicht.
Frangi nutzt in seiner Arbeit das Kuratieren gezielt als Werkzeug, um kritische Gemeinschaften und alternative Versammlungsformen zu schaffen. Sein Fokus liegt auf der Aufarbeitung des europäischen und insbesondere des italienischen Kolonialismus sowie der damit verbundenen „kolonialen Amnesie“.
Die Ausstellung "Animacies" ist das Ergebnis einer langjährigen, tiefgehenden theoretischen und aktivistischen Forschung der beiden Kuratierenden. Sie nutzen ihre akademische Verankerung, um das Kunsthaus Meran in einen diskursiven Raum zu verwandeln, der koloniale Denkweisen radikal hinterfragt.
Animacies
The Invention of Europe, Year 3
Kunsthaus Meran
kuratiert von Lucrezia Cippitelli und Simone Frangi
Bis 11. Oktober
Di, Mi, Fr, Sa 10-18, Do 10-20, So u. Fe 11-18
https://www.kunstmeranoarte.org/de