27. Mai 2020 - 4:36 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
8. März 2020 4. Oktober 2020

Ab Freitag, dem 29. Mai 2020 ist die Kunsthalle Wien wieder geöffnet. Die aktuelle Präsentation "… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" wird fortgesetzt und verlängert.

Der Titel zitiert den libanesischen Schriftsteller Bilal Khbeiz, der am Beginn der 2000er-Jahre über einige der Dinge sinnierte, die den Unterschied zwischen den Träumen der Menschen im Globalen Süden und jenen im Westen ausmachen ("Globalization and the Manufacture of Transient Events", Beirut: Ashkal Alwan, 2003).

Mit genau dieser Aufzählung – Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden – brachte Khbeiz die Vorstellung eines "guten Lebens" auf den Punkt, das damals für große Teile der Menschheit unerreichbar war. Fast zwei Jahrzehnte später scheint es, als sei die Befriedigung solcher Grundbedürfnisse für immer mehr Menschen auch an Orten gefährdet, wo sie einmal als selbstverständlich galt: Der Klimawandel lässt den Fortbestand des Lebens auf der Erde fraglich erscheinen; die Zerstörung der Umwelt schreitet immer schneller voran; die Finanzkrise von 2008 hat den Glauben zerstört, dass der Kapitalismus im Kern gut sei und seine Segnungen auf lange Sicht das Leben auch der Ärmeren und Ärmsten verbessern würden.

Es scheint, als ob mittlerweile alle im Titel aufgezählten Elemente einen üblen Beigeschmack haben. Die Verfügbarkeit von Nahrungsmittel ist global ungerecht verteilt und die industrielle Landwirtschaft verursacht enorme Schäden – während die, die genug haben, Brot und Wein mit Gefühlen von Schuld und Scham, mit zwanghafter Selbstoptimierung und rücksichtslosem Konsum verbinden. Autos sind Klimakiller und werden deshalb zunehmend aus Innenstädten und anderen Orten verbannt, wo Menschen das Leben gemeinsam genießen sollten. Die Militarisierung der Sicherheitsorgane hat den "Überwachungsstaat" hervorgebracht, während sich in öffentlichen Räumen eine posthumane Dystopie – in Form von vorhersagender Polizeiarbeit, Datenanalyse und algorithmischer Lenkung – abzeichnet. Statt wirklichem Frieden haben wir uns mit einem lauwarmen Krieg in weiten Teilen der Welt als Dauerzustand arrangiert: Die ständige Angst vor einer Eskalation treibt die demokratischen Regierungen vor sich her und den PopulistInnen die Wählerschaft zu.

Kurz gesagt: Die Vorstellung vom "guten Leben" ist eine Fantasie, eine hartnäckige und "grausame Anhänglichkeit" an eine Welt, die es nicht mehr gibt (Laurent Berlant, "Cruel Optimism", Durham, N.C.: Duke University Press, 2011). Und doch will diese Ausstellung weder zur Verzweiflung raten noch in schwarzmalerischer Manier eine Kritik aller Übel der Welt ausbreiten. Vielmehr versuchen die versammelten KünstlerInnen und Werke, das "gute Leben" für den Einzelnen wie die Gesellschaft neu zu denken.

Die Ausstellung stellt einen Versuch dar, mit vereinten Kräften die politische Welt von heute zu verstehen, und will die Kämpfe um ihre Veränderung reflektieren, um diesen neue Energie zuzuführen. Indem sie Arbeiten von KünstlerInnen verschiedener Generationen ins Gespräch bringt, zeigt die Ausstellung Perspektiven für ein "gutes Leben" auf und schlägt so reale Alternativen zur endlosen Fortsetzung zerstörerischer ökonomischer wie gesellschaftlicher Gewalt vor. Kritische, konstruktive und fantasievolle Stimmen lassen erahnen, wohin die Reise gehen könnte und welche Formen eines entsprechenden Zusammenlebens bereits entstehen.

Die Schau begreift künstlerische Subjektivität und Selbstbestimmtheit als einen Ort, an dem vorstellbar ist, die verhängnisvolle Dialektik des modernen Kapitalismus hinter sich zu lassen beziehungsweise über sie hinauszudenken. Die ethischen, ökologischen und wissenschaftlichen Argumente für ein gerechteres Wirtschaftssystem sind zahlreich: Das Prinzip der Wachstumskritik steht beispielhaft für eine ökologisch nachhaltige Weltwirtschaft, in der nicht Profite, sondern menschliche Bedürfnisse entscheidend sind. Es gilt also, nicht nur CO2 einzusparen, sondern auch Begeisterung für die unendliche Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten zu wecken.

Den Auftakt zur Ausstellung bildete eine in Zusammenarbeit mit dem Burgtheater organisierte Veranstaltungsreihe zwischen November 2019 und Februar 2020 im Kasino am Schwarzenbergplatz, die einige der in der Schau verhandelten Themen vorstellte und dem Publikum Gelegenheit bot, eigene Perspektiven auf die kuratorischen Vorschläge von WHW zu entwickeln.

Die Ausstellung selbst erstreckt sich über alle Ausstellungsorte und Zwischen-Räume der Kunsthalle Wien. Sie will die Institution im übertragenen wie wörtlichen Sinn öffnen, die Schwelle der Ausstellung in den öffentlichen Raum verschieben, ohne vor den Widersprüchen, die dabei womöglich zutage treten werden, zurückzuschrecken. Die Kunsthalle Wien kooperiert außerdem mit dem Studio "das weisse haus", um ein Residency-Programm umzusetzen, in dessen Rahmen KünstlerInnen während der Ausstellung in Wien leben und gemeinsam mit den KunstvermittlerInnen der Kunsthalle Wien ihre Arbeiten diskutieren, erläutern und vermitteln werden. In die Ausstellung integriert ist zudem der "Raum der Fragen", ein Vermittlungsbereich, in dem diverse Veranstaltungen stattfinden werden und in dem die BesucherInnen Ruhe finden können, um zu lesen, nachzudenken und um Kommentare zu hinterlassen.

Um die feministische Perspektive der Ausstellung zu betonen, wird "… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" am 8. März 2020, dem Internationalen Frauentag, eröffnet.

Die Ausstellung bietet eine Vision der Zukunft, in deren Zentrum Fragen gesellschaftlicher und ökologischer Reproduktion sowie ein kritisches Bewusstsein dafür, wie die Arbeit im Dienst an anderen durch gesellschaftliche Machtverhältnisse – konkret entlang der Kategorien Geschlecht und kultureller Zuschreibung – geformt ist, stehen. So will die Schau auch ein Loblied auf alle Formen der Arbeit singen, die das Leben von Menschen, aber auch all der anderen Spezies, mit denen wir diese Welt teilen, möglich und besser machen – sie ist eine Hymne auf ein weniger mühseliges und dafür vergnüglicheres Dasein voll gemeinschaftlich genossenem Reichtum und gemeinsamer Freizeit, in der das "gute Leben" seinen Platz in einer lebenswerten Umwelt findet und alle Menschen sich entfalten können.

"… von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden" ist die erste von WHW (What, How & for Whom; Ivet Ćurlin, Nataša Ilić, Sabina Sabolović) kuratierte Ausstellung, seit das Kollektiv die Leitung der Kunsthalle Wien übernommen hat. Sie bietet einen breitangelegten Überblick über die vielfältigen künstlerischen und politischen Bestrebungen, mit denen sich WHW über die Jahre auseinandergesetzt haben, und stellt einige der vielen KünstlerInnen vor, die ihre kollektive Tätigkeit im Lauf der Jahre inspiriert haben. Zugleich skizziert die Ausstellung die Orientierung des Programms, das die Direktorinnen in den nächsten fünf Jahren entwickeln wollen.

"... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden"
29. Mai bis 4. Oktober 2020

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52189-1201
F: 0043 (0)1 52189 1260
E: office@kunsthallewien.at
W: http://www.kunsthallewien.at/

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  •  8. März 2020 4. Oktober 2020 /
Adji Dieye, Maggic Cube, 2016-2019, Courtesy die Künstlerin
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Hana Miletić und Globe Aroma, Filzworkshop, Kunstenfestivaldesarts, Wiels, Brüssel, 2018 © Foto: Anna Van Waeg
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Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust
Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust
Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust: Marina Naprushkina, red moabit, 2013–2019, Courtesy die Künstlerin
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Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust
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Victoria Lomasko, Under Water, Sketch, 2020, Courtesy die Künstlerin
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Ausstellungsansicht: ... von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden, Kunsthalle Wien 2020, Foto: Jorit Aust: Daniel Spoerri, Fadenscheinige Orakel, 2014, Courtesy der Künstler & Verein zur Förderung des Werkes von Daniel Spoerri, Wien
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