Kunst und Raum seit 1960 – Ästhetische und gesellschaftliche Wahrnehmung von Raum

Der Raum bestimmt unsere Position, unsere Bewegung und unsere Wahrnehmung. Als Betrachter erleben wir Kunst nie losgelöst vom Raum, sondern immer im Raum. Unter dem Titel „Between & Beyond” präsentiert die Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne Werke aus dem eigenen Bestand, die sich mit der ästhetischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung von Raum auseinandersetzen. Gezeigt werden Gemälde, Objekte und installative Arbeiten von den 1960er Jahren bis zur Gegenwart.

Ab den 1960er Jahren begannen Künstler:innen der Minimal Art, den umgebenden Raum als integralen Bestandteil ihrer Werke zu begreifen. Es entstanden Installationen, die das Publikum gezielt in eine körperliche und sinnliche Erfahrung einbeziehen und nur in der Begegnung – „in situ“ – vollumfänglich erlebbar sind. Zu diesen speziellen Raumerfahrungen zählt Dan Flavins Lichtinstallation „Untitled (To You, Heiner, with Admiration and Affection)“ aus dem Jahr 1973, die den Ausstellungsraum in farbiges Neonlicht taucht und eine visuelle Entgrenzung des realen Raumes ermöglicht. Fred Sandbacks eigens für die Pinakothek der Moderne konzipierte, begehbare Raumstudie „Mikado (Sculptural Study for the Pinakothek der Moderne)“ aus dem Jahr 2003 ist seit 2014 erstmals wieder zu sehen. Mit minimalen Mitteln erzeugt sie sich wandelnde Flächen und Volumina. Ebenso raumgreifend ist die großformatige Bodenarbeit „Knots” (1969) von Mary Miss. Die jüngste Neuerwerbung öffnet mit ihrem Raster aus Knoten Denk- und Imaginationsräume. Der Raum wird dabei entweder als Zwischenraum („between“) angesehen, der zwischen Werk und Betrachter entsteht, oder als imaginärer und transzendenter Raum („beyond“), der durch Licht, Schatten und Bewegung erfahrbar wird.

Auch in der Malerei wurde die traditionelle Bildfläche nach dem Zweiten Weltkrieg radikal infrage gestellt. So zerschneidet Lucio Fontana die Leinwand, um den Bildraum zu erweitern, während Ida Applebroog ihre Malerei aus mehreren Leinwänden zusammensetzt und ein Nebeneinander einzelner Motive schafft, das eine beklemmende Schnittstelle zwischen privaten und öffentlichen Realitäten offenbart. Imi Knoebel überwindet die dimensionalen Beschränkungen der Malerei und öffnet einen Schattenraum, der auf Verborgenes und Verdrängtes hinweist. Sean Scully lässt in seiner monumentalen Malerei die Grenzen der Bildfläche verschwimmen.

Diese Perspektive auf einen erweiterten Bildraum beeinflusste auch nachfolgende Generationen. Monika Baer hinterfragt Sehgewohnheiten, indem sie ihre abstrakte Malerei mit subtilen Zeichen durchbricht. Klára Hosnedlová kombiniert in ihrem raumgreifenden Werk Zwei- und Dreidimensionalität und verleiht ihm durch eine außergewöhnliche Materialwahl eine zeitlose Ungreifbarkeit.

Die Arbeiten von Victor Leguy und Roman Ondak erweitern den Bildraum um eine gesellschaftliche Dimension. Sie thematisieren Schwellenmomente individueller und gemeinschaftlicher Erfahrungen.

Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Nevin Aladağ, Josef Albers, Carl Andre, Ida Applebroog, Monika Baer, Dirk Bell, Joseph Beuys, Martin Boyce, Alberto Burri, Dan Flavin, Lucio Fontana, Wade Guyton, Klára Hosnedlová, Donald Judd, Imi Knoebel, Victor Leguy, Mary Miss, Roman Ondak, Fred Sandback, Sean Scully, Augustas Serapinas und Richard Serra.

Between & Beyond.
Zwischenräume und Übergänge. Kunst und Raum seit 1960
Pinakothek der Moderne | Sammlung Moderne Kunst
bis 29. August 2027