17. Mai 2020 - 15:08 / Ausstellung / Kunst 

Die österreichische Medienkünstlerin, Filmemacherin und Performancekünstlerin Valie Export, die am 17. Mai 1940 als Waltraud Lehner in Linz zur Welt kam, feiert heute, Sonntag, ihren 80. Geburtstag. Der Leitspruch, dass Kunst provozieren dürfe und aggressiv sein müsse, zieht sich durch ihr gesamtes Schaffen hindurch.

Die Künstlerin heiratete bereits mit 18 Jahren, bekam im selben Jahr ihre Tochter Perdita, trennte sich 1960 wieder von ihrem Mann und ging nach Wien, um dort bis 1964 die Höhere Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt für Textilindustrie zu besuchen. Nach ihrem Diplom im Bereich Design wechselte sie in die Filmbranche und arbeitete als Script Girl, Filmeditorin und als Komparsin. Ab 1965 wendete sie sich vermehrt dem Medium Film zu und verfasste 1966 ein Drehbuch mit dem Arbeitstitel "AUS ALT MACHT NICHT NEU – ein versuch der sinnlosigkeit. metaphorische bildassoziation, Projekt". 1967 sorgte die heute weltberühmte Künstlerin, die ihren "nom de plume" "VALIE EXPORT" als künstlerisches Konzept und Logo in Anlehnung an die österreichische Zigarettenmarke "Smart Export" gewählt hatte, mit einem sogenannten "Menstruationsfilm" auf Super 8 für Aufsehen. "Gerade die Menstruation kann man als so etwas wie ein biologisches Statement sehen: das heißt Fruchtbarkeit, das heißt die Möglichkeit zu gebären. Und mit dem muss man ja auch umgehen lernen, weil man ja auch weiß: Das ist etwas, das nur temporär im Leben einer Frau existiert", erklärte die Künstlerin.

Die frühen Arbeiten von Valie Export zeichnen sich speziell durch die Auseinandersetzung mit Feminismus, Aktionskunst und dem Medium aus. Vorallem Ende der 1960er Jahre mit der Bewegung des "Expanded Cinema". Eine ihrer bekanntesten Aktionen war das "Tapp- und Tastkino". Gemeinsam mit ihrem neuen Partner Peter Weibel, dessentwegen sie ein Verhältnis mit Friedensreich Hundertwasser beendet hatte, realisierte sie es erstmals im Rahmen des 1. Europäischen Treffens der Unabhängigen Filmemacher in München. Bei dieser Performance auf öffentlichen Plätzen trug Export eine lockige Perücke, war geschminkt und trug über ihren nackten Brüsten einen Kasten mit zwei Öffnungen. Der restliche Oberkörper war mit einer Strickjacke bedeckt. Peter Weibel warb durch ein Megafon und lud die Schaulustigen zum Besuch ein. Diese hatten 33 Sekunden lang Zeit, mit beiden Händen durch die Öffnungen zu strecken und die nackten Brüste der Künstlerin zu berühren. Valie Export kommentierte später diese Aktion: "(…) das Tapp- und Tastkino – das war Straßenaktion, es war Feminismus, es war Expanded Cinema, es war Film; ich nannte das Tapp- und Tastkino damals auch Tapp- und Tastfilm. (…), denn ich sagte damals, jeder Mensch kann diese Filmaktion durchführen, Filminstallation ausführen, es gibt kein Original." Sie sah diese Aktion als "erweitertes Kino, das Filmzuschauer mit dem konfrontiert, was im abgedunkelten Saal als normal angesehen wird: der voyeuristische Blick auf Frauenkörper."

Im Rahmen einer anderer Aktion führte die Künstlerin Peter Weibel an einer Hundeleine Gassi durch die Wiener Innenstadt, oder sie rollte sich nackt über Glasscherben. In ihrer Arbeit "Body Sign Action" machte sie ihren Körper zur Leinwand und ließ sich von dem Tätowierer Horst Streckenbach ein Strumpfband auf den Oberschenkel tätowieren. 1972 trennten sich Export und Weibel wieder.

Vor allem in jungen Jahren liebte Valie Export den Aufruhr und die subversive Provokation. Das brachte sie auch mehrmals wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses vor Gericht. Als Aktionistin wurde Valie Export in den 1960er und 1970er Jahren vielfach belächelt und nicht sehr ernst genommen. Aus Geldmangel war sie ständig zum Jobben gezwungen. Aber im Unterschied zu vielen männlichen Aktionisten der damaligen Zeit, hat sich Export ständig weiterentwickelt. Während sich etwa Rudolf Schwarzkogler, in der Sackgasse steckend, aus dem Fenster stürzte, und ein Hermann Nitsch heute immer noch dieselben Farben und dasselbe Blut schüttet, stellte sich Valie Export formal, technisch und inhaltlich immer wieder neuen Herausforderungen.

1977 nahm Valie Export an der Documenta 6 in Kassel teil. 1980 vertrat sie gemeinsam mit Maria Lassnig Österreich auf der Biennale in Venedig. 1985 wurde ihr Spielfilm "Die Praxis der Liebe" in der Kategorie Buch und Regie für den "Goldenen Bären" der "Internationalen Filmfestspiele von Berlin" nominiert. 1992 wurde ihr Werk im Rahmen einer Retrospektive in der Landesgalerie des Oberösterreichischen Landesmuseums in Linz erstmals gross in einer Einzelausstellung präsentiert, der unzählige weitere folgten.

Auch in der Kunstvermittlung war Export überaus aktiv. Von 1989 bis 1992 war sie Full Professor an der University of Wisconsin-Milwaukee, Schoos of Fine Arts, 1991 bis 1995 Professorin im Fachbereich Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin und von 1995/1996 bis 2005 war sie Professorin für Multimedia-Performance an der Kunsthochschule für Medien Köln.

Die Stadt Linz erwarb 2015 ihr Archiv und eröffnete am 11. November 2017 in der Tabakfabrik Linz das "Valie Export Center". Ihr Vorlass gelangte damit in eine ehemalige Produktionsstätte der Austria Tabak, von deren Marke "Smart Export" sie ihren Künstlernamen abgeleitet hat.

Mit ihren nunmehr 80 Jahren spüre sie zwar manche Einschränkungen des Alters, aber irgendwie fühle sie sich auch noch jung, betont Valie Export gegenüber Medien. Im kommenden Herbst nun soll ihr eine Werkschau in der "Tate Modern" gewidmet sein. Und auch die "Ars Electronica" in Linz will der Jubilarin im September eine große Retrospektive widmen.



Valiie Export: Smart Export, 1970 (© Valie Export)
Valiie Export: Smart Export, 1970 (© Valie Export)
Valie Export: Body Sign, 1970, Fotografie (© Gertraude Wolfschwenger)
Valie Export: Body Sign, 1970, Fotografie (© Gertraude Wolfschwenger)
Valie Export erhält den österreichischen Filmpreis 2013 (© Valie Export, Foto: Manfred Werner, COO)
Valie Export erhält den österreichischen Filmpreis 2013 (© Valie Export, Foto: Manfred Werner, CCO)