Mit ihrem Debütcomic „Am liebsten mag ich Monster” hat die US-amerikanische Künstlerin Emil Ferris ein bemerkenswertes Werk geschaffen. Ihre unverkennbaren Kugelschreiberzeichnungen überzeugen durch ihre große Ausdruckskraft, während die vielschichtige Erzählung mit scharfer Gesellschaftskritik und eindringlichen Einblicken in die menschliche Psyche fesselt. Das Cartoonmuseum Basel – Zentrum für narrative Kunst zeigt noch bis zum 15.11.2026 Arbeiten der Künstlerin.
Als Emil Ferris im Alter von 55 Jahren ihren ersten Comic veröffentlichte, überraschte sie sowohl die Comicwelt als auch das Publikum mit einem formal wie inhaltlich überwältigenden, weit verzweigten Werk. Monumental in Ton und Umfang spannt es einen weiten Bogen von der Lebensrealität eines zehnjährigen Mädchens im Chicago der Zeit nach 1968 bis hin zu den großen, bis heute nachwirkenden Themen des Zweiten Weltkriegs.
Emil Ferris zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Comiczeichner:innen. Ihr auf liniertes Papier mit Kugelschreiber gezeichnetes Werk verbindet zeichnerische Meisterschaft mit einer radikal subjektiven, zugleich tief poetischen Erzählweise. Auf innovative Weise verwebt sie ihre komplexen, plastischen Bilder mit einem vielschichtigen Text, der inneres Erleben, kulturelle Einflüsse und soziale Realitäten miteinander verschränkt.
Im Zentrum von „Am liebsten mag ich Monster” steht die junge Protagonistin Karen Reyes, die sich selbst als Werwolf begreift und eine tiefe Faszination für Monster entwickelt. Sie sind ihr Zufluchtsort, von dem aus sie eine oft feindlich erscheinende Welt betrachtet. Während sie versucht, den rätselhaften Tod ihrer Nachbarin aufzuklären, tun sich nach und nach die Abgründe ihrer eigenen Familiengeschichte auf. Im 2024 erschienenen zweiten Band führt Emil Ferris die Erzählung zurück in die 1930er-Jahre und zur Shoah. Die Geschichte entfaltet sich entlang von Gewalt- und Verlusterfahrungen im familiären und gesellschaftlichen Umfeld sowie persönlichen Unsicherheiten und inneren Fluchtbewegungen. Eine entscheidende Wendung erhält die Geschichte durch die Begegnung mit einer Frau, die den Zweiten Weltkrieg und ein Konzentrationslager überlebt hat. Dabei verknüpft Ferris historische Realität mit Mythen, durchstreift die Kunstgeschichte und lässt Elemente aus Psychologie und Popkultur einfließen. Sie bricht bewusst mit erzählerischen Konventionen. Tagebuchartige Seiten, ganzseitige Porträts, Anspielungen auf klassische Gemälde und freie Bildsequenzen verschmelzen zu einer dichten, visuell eindringlichen Erzählform.
Die Ausstellung „Between Selves” präsentiert erstmals in diesem Umfang Originalseiten aus ihren Graphic Novels, bislang unveröffentlichte Zeichnungen sowie Objekte und Skizzen aus ihrem künstlerischen Prozess. Einen besonderen Akzent setzt Ferris’ Aufenthalt in Basel: In Workshops für ein breites Publikum gibt die Künstlerin unmittelbare Einblicke in ihr Schaffen und macht ihr vielschichtiges künstlerisches Universum direkt erfahrbar.
Emil Ferris (* 1962) wurde in Chicago geboren und wuchs – mit Ausnahme weniger Jahre in Santa Fe, New Mexico – auch dort auf. Heute lebt sie in Milwaukee, Wisconsin. Sie entstammt einer Künstlerfamilie und war von klein auf von Kunst umgeben. Ihre Mutter ist eine bekannte Malerin, ihr Vater war ein renommierter Spielzeugdesigner und Zeichner, der für Disney das erste Mickey-Mouse-Telefon entworfen hat. Emil Ferris studierte am Art Institute of Chicago und ergänzte ihre Ausbildung bereits 1996 durch Studien im dramaturgischen Schreiben und in Performance am Center Theater in Chicago.
Schon in jungen Jahren zeichnete sie und entwickelte eine besondere Faszination für Monster sowie für Horrorgeschichten in Kunst und Film. Bevor sie sich dem Comiczeichnen zuwandte und mit der Veröffentlichung von Kurzgeschichten Aufmerksamkeit erlangte, arbeitete sie als Illustratorin und Designerin.
Im Jahr 2001 infizierte sie sich durch Stechmücken mit dem West-Nil-Fieber, infolgedessen war sie über Jahre hinweg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Inzwischen hat sich ihr Gesundheitszustand verbessert. 2017 veröffentlichte sie den vielbeachteten ersten Band von „Am liebsten mag ich Monster”, 2024 erschien der zweite Band der Serie. Heute arbeitet sie als Comicautorin und freie Künstlerin. Ihr Werk wurde vielfach gewürdigt und unter anderem mehrmals mit dem Eisner Award ausgezeichnet.
Emil Ferris
Between Selves
bis 15.11.2026