Künstlerische Forschung als Seismograf zwischen Geologie und Gesellschaft

Die Ausstellung „Shaken Grounds. Seismography of Precarious Presences” im AIL – Angewandte Interdisciplinary Lab präsentiert Ergebnisse, Methoden und Prozesse des gleichnamigen, vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten künstlerischen Forschungsprojekts. Die Ausstellungseröffnung markiert zugleich den Beginn des Creative-Europe-Kooperationsprojekts „Shaken Grounds: Art as Seismography”, das Partnerinstitutionen in Österreich, Kroatien, Island und Italien zusammenbringt.

„Shaken Grounds” widmet sich transdisziplinär dem Zusammenhang von geologischen, gesellschaftlichen und psychischen Erschütterungen. Dabei entsteht ein von Édouard Glissant beschriebenes „zitterndes Denken“, das die Stabilität des Grundes, auf dem wir stehen, hinterfragt und sich Brüchen, Beben und Verwerfungen zuwendet. Seismografie wird so zu einer Methode des Wahrnehmens, Aufzeichnens und In-Beziehung-Setzens.

Die Ausstellung – als Öffnung und Artikulation künstlerischer Forschung – geht von der Beobachtung aus, dass nicht nur natürliche Prozesse, sondern auch die globale Erwärmung und menschliche Eingriffe in die Erdkruste deren Stabilität beeinflussen. Da sich derartige Dynamiken über unterschiedliche Maßstäbe und Zonen entfalten – oft jenseits der unmittelbaren Wahrnehmung – stellt sich die Frage, auf welche Weise künstlerische Forschung als eine Form der Seismografie operiert und wie künstlerische Praktiken subtile Schwingungen und deutlichere Verschiebungen zwischen der belebten Welt und einer zunehmend instabilen Geosphäre erfassen und übersetzen können.

Durch die Arbeit mit Film, Klang, Performance, Text, Objekten, Zeichnung und Malerei bringt das Projekt Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Kurator:innen zusammen. In einem offenen Kollektiv treffen unterschiedliche Perspektiven auf menschengemachte Seismizität aufeinander: Filmemachen, Geologie, künstlerische und somatische Praktiken ebenso wie Philosophie und Geschichte verstehen das Phänomen jeweils anders. Im transdisziplinären Dialog wird das Phänomen differenziert, sodass neue Aspekte hervortreten können.

„Shaken Grounds” bewegt sich durch vulkanische Landschaften Süditaliens, durch Räume zur Überwachung von Erdbeben, geothermische Infrastrukturen und CO₂-Injektionsanlagen, entlang der Lavafelder Islands sowie zu den schmelzenden Gletschern der Alpen. Dabei wird gefragt, wie wir dem, was sich um uns und in uns verändert, Aufmerksamkeit schenken und dabei beweglich-zitternd in Beziehung bleiben können.

Mit Beiträgen von Bjarki Bragason, Nikolaus Gansterer, Mariella Greil, Victor Jaschke, Peter Kozek, Anna Líndal, Werner Moebius und Lucie Strecker.

Im künstlerischen und wissenschaftlichen Dialog mit Valerio Acocella, Arno Böhler, Alexander Damianisch, Wolfgang Fiel, Óscar Fernández Bellón, Helga Franza, Nicolas Freytag, Sabine Folie, Aleksandar Gabrovski, Vesna Meštrić, Werner Moebius, Susanna Ravelli, Sylvia Scheidl, Ana Škegro, Kaloyan Vasev, VestAndPage, Sandro de Vita und Mauro di Vito.

Das Creative-Europe-Projekt „Shaken Grounds: Art as Seismography” wird in Zusammenarbeit mit dem Museum of Contemporary Art Zagreb (Projektleitung), Kroatien, der Universität für angewandte Kunst Wien, Österreich, der Iceland University of the Arts, Reykjavík, Island, sowie Centro ITARD Lombardia / Volcanic Attitude Festival, Italien, durchgeführt und wird von der Europäischen Union kofinanziert.

Shaken Grounds. Seismography of Precarious Presences
bis 26. Mai 2026
AIL – Angewandte Interdisciplinary Lab
Georg-Coch-Platz 2, 1010 Wien
Der Eintritt ist frei