30. Juni 2019 - 19:15 / Ausstellung 
23. März 2019 10. Juli 2019

Zwei scheinbar sehr unterschiedliche Werke aus der Sammlung Erhard Witzel haben sich die beiden Kuratorinnen Elvira Mann-Winter und Christine Rother-Ulrich als Ausgangsbasis für die aktuell laufende Ausstellung „Ansichten 33 -Korrespondenzen“ - im Quadrart Dornbirn ausgesucht. Den beiden Galeristinnen aus Wiesbaden haben es vor allem die zeichnerischen Elemente angetan, die sowohl bei der Kopfplastik des Bildhauers Michael Croissant als auch bei der Arbeit von Hans Hartung das jeweilige Werk erzählerisch werden lassen.

In Korrespondenz zu diesen beiden Kunstwerken stehen die zarten, höchst detaillierten Lichtobjekte und Plastiken von Ulli Böhmelmann, die feinen und doch sehr volumenreichen Federzeichnungen des Kölner Malers Peter Herkenrath und auch die kleinen sensiblen Zeichnungen von Per Kirkeby.

Allein schon durch ihre starke Farbigkeit treten die Monotypien und des portugiesischen Malers José de Guimaraes besonders in den Vordergrund. Die Form des Kopfes von Michael Croissant tritt in eine spannende Korrespondenz mit den Köpfen des spanischen Malers Juan Martínez.

Ulli Böhmelmann
Transparenz, Zwischenräume und Fragilität sind die Themen im Werk von Ulli Böhmelmann, geboren 1970 in Mainz, die in Köln lebt und arbeitet. Seit 1998 verwirklicht sie Installationen im Innen- und Außenraum, wobei sie mit ihrer Kunst auf Resonanzen des Raums reagiert. In ihrem plastischen Denken sucht sie ständig nach Systemen und Strukturen, die das Kunstwerk gliedern. Ihre Objekte aus Vliesstoff kreisen um die zellenartige Vermehrung einzelner Elemente, die in ihrer Addition Körper entwickeln und Raum beherrschen.

Peter Herkenrath
Als Künstler war Peter Herkenrath, geboren 1900 in Köln und gestorben im Alter von 92 Jahren 1992 in Mainz Autodidakt. Er arbeitete zunächst im väterlichen Textilunternehmen mit. Erst 1933 hatte er eine Einzelausstellung im Kölnischen Kunstverein, doch Krieg und Deutscher Nationalsozialismus unterbrachen sein künstlerisches Schaffen. Herkenraths Malerei zeigt viele Facetten: gegenständliche und postkubistische Malerei in den 1930er Jahren mit bereits reduzierter Formensprache entwickelte sich zur abstrakten Malerei ab Mitte der 1940er Jahre hin zu einer eigenständigen Position innerhalb des deutschen Informel der 1950er und 1960er Jahre. Bekannte Porträts von Herkenrath sind unter anderem die von Theodor Heuss, Konrad Adenauer und Gustav Heinemann.

Per Kirkeby
Als wohl bedeutendster Vertreter der dänischen Gegenwartskunst darf Per Kirkeby bezeichnet werden. Geboren wurde er 1938 in Kopenhagen. 1978 wurde er als Professor an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe berufen. 1989 ging er als Professor an die Städelschule in Frankfurt am Main, an der er bis 2000 lehrte. Neben zahlreichen Ausstellungen in den großen Museen der Welt nahm er mehrfach an der Biennale Venedig teil und stellte auf der Documenta 7 und der Documenta 9 aus. Er starb im Mai 2018 im Alter von 79 Jahren.

Kirkeby malte Landschaften ohne Landschaften, ein Changieren zwischen figurativer und abstrakter Kunst. Großformatige, sinnliche Malerei, leuchtende Farben, durchpflügte, schroffe Flächen - damit hat sich der dänische Künstler einen Namen gemacht. Nie glitt Kirkeby ins Illustrative ab, wenn er sich von der Natur inspirieren ließ und die raue Schönheit von Feldern, dem Meer oder Felsformationen aufgriff. Auch wenn er das Wachsende, Wuchernde imaginierte, vermied er alles konkret Vegetative. In Dornbirn sind eher unbekannte, kleine, feine Zeichnungen gezeigt, die zu sehen, die oft Studien zu seinen monumentalen Malereien waren.

José de Guimaraes
Der 1939 in Lissabon geborene Kunstschaffende José de Guimarães gilt als der bekannteste zeitgenössische Künstler Portugals. Der ursprünglich studierte Ingenieur wird zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn zunächst vom Fauvismus und dem deutschem Expressionismus geprägt. In Folge eines siebenjährigen Militäraufenthaltes in Angola entwickelt er jedoch seine eigene ausdrucksstarke Bildsprache, deren Formstruktur an archaisch-tribale Symbolik erinnert. Anhand der vorliegenden Werke wird eben dieses Interesse an formgeprägten Leitmotiven deutlich. In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit entfernten und ungewöhnlichen Regionen, von Afrika bis Japan, von Mexiko bis China. Jede dieser Kulturen hat ihn dazu angeregt, eine Universalsprache zu entwickeln und ein imaginäres Universum zu vermitteln, das letztlich die Erinnerung an die portugiesische Geschichte selbst wiederbelebt, die die Beziehungen zu weit entfernten Ländern bereichert. Im Quadrart sind nun eindringliche Monotypien aus Drucktusche mit Glassplitter auf Papier aus der Serie „Negreiros“ zu sehen.

Juan Martínez
Als Spezialist für Porträt- und figurative Kunstwerke versteht sich Juan Carlos Martinez, geboren 1942. Seit fast zwei Jahrzehnten ist seine Arbeit in den verschiedensten Ausstellungen auf der ganzen Welt zu sehen. Obwohl sich die Arbeiten von Martinez hauptsächlich auf menschliche Motive konzentrieren, ist er auch mit anderen Genres vertraut, wie etwa Landschaft und Stillleben. Martinez wurde in der Provinz Saskatchewan, Kanada, geboren und wuchs in der Stadt Regina auf. Er absolvierte vor seiner Laufbahn als Künstler ein Jurastudium und arbeitete mehrere Jahre als Rechtsanwalt, bevor er ein fünfjähriges Kunststudium absolvierte. Gezeigt werden in Dornbirn Bilder, dir Köpfe darstellen, mit denen er hinlänglich bekannt ist. Die Kuratorinnen haben Wert darauf gelegt, dass die Ausstellung zwar eine meditative Ausstrahlung haben soll, jedoch durch einige farbige Akzente ein interessanter Bruch erzielt wird.

Hans Hartung
Zu den herausragenden Malerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zählt Hans Hartung (1904-1989). In Leipzig geboren, verließ er Deutschland früh, um in Spanien und Frankreich zu leben. Als überzeugter Antifaschist nahm er auf französischer Seite am 2. Weltkrieg teil, den er schwer verwundet überlebte. Nach dem Krieg wurde er schnell einer der gefeierten Protagonisten der „École de Paris“, deren informelle Bildsprache für die Malerei der späten 1940er- und 1950er-Jahre kennzeichnend war und deren Erfolg zeitweise selbst den des Jahrhundertgenies Picasso überstrahlte. Hartungs Beitrag zum Informel war eine Malerei der kalkuliert-expressiven Gestik. Sie wurde zu einer Art Markenzeichen des Künstlers und prägte in der Folge sein Bild in der Kunstgeschichte.

Michel Croissant
Der 1928 in Landau geborene Michael Croissant (1928-2002) verbrachte seine frühe Kindheit in Berlin, ab 1934 bis 1938 war in Wien und anschließend wieder in Landau, wo er 1942 eine Steinmetzlehre begann. In Kaiserslautern besuchte er im darauffolgenden Jahr die Schule des deutschen Handwerks und absolvierte dort eine dreijährige Ausbildung. Für weitere drei Jahre schreibt er sich anschließend in eine private Kunstschule in München ein, danach belegt Croissant einen Platz in der Klasse von Toni Stadler in der Münchner Akademie. Nach Abschluss des Studiums wurde er vielfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnet, darunter eine Förderung vom Kulturpreis der deutschen Industrie 1955 und der Pfalzpreis im Jahre 1960. 1963 erhält er den Darmstädter Kunstpreis, zwei Jahre später den Förderpreis der Stadt München und den Hans Purrmann-Preis. Croissant arbeitete bis 1966 freischaffend in München, dann war er zweiundzwanzig Jahre lang als Professor an der Städelschule in Frankfurt am Main tätig.

Croissants Stil ist geprägt von einer geometrisch abstrahierenden Formensprache. Die Figuren sind wie Mumien verpackt, geradezu verpanzert, und wahren in dieser "Verhüllung" eine Distanz, die sie unangreifbar zu machen scheint. Im Alter von 74 Jahren starb Michael Croissant in München. (Erhard Witzel)

„Korrespondenzen“

Ansichten XXXIII im Quadrart Dornbirn
Sebastianstr. 9, A-6850 Dornbirn
Kuratoren: Christine Rother / Elvira Winter

Bis 10. Juli

Quadrart Dornbirn
Sebastianstrasse 9
A - 6500 Dornbirn

T: 0043 (0)5572 9099 58
F: 0043 (0)5572 27967
E: buero@quadrart-dornbirn.com
W: http://www.quadrart-dornbirn.com/

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