6. August 2019 - 6:44 / Aktuell / Gegenwartskunst 
22. November 2017 31. Dezember 2021

Das Künstlerkollektiv Superflex, mit dem das Kunsthaus fünf Jahre lang jährliche Kooperationen umsetzt, infiltriert den Alltag - nach der glänzenden Bankomatskulptur von 2017 und dem Projekt Free Shop 2018 - in diesem Jahr mit der Installation Number of Visitors, die wirtschaftliche Bedingungen von Kulturinstitutionen illustriert. Im Jahr 2020 ist das Projekt Supershow geplant, 2021 bildet eine Einzelausstellung der Künstlergruppe den Abschluss der Projektreihe.

„Number of Visitors“ macht „Erfolgskriterien“ von Kulturinstitutionen sichtbar

Das Künstlerkollektiv Superflex, 1993 in Kopenhagen gegründet, realisiert im Kunsthaus Graz das dritte Projekt innerhalb von drei Jahren. Nach der Bankomatskulptur C.R.E.A.M. (2017) und Free Shop (2018) stellt das in diesem Jahr installierte Number of Visitors nun die wirtschaftlichen Bedingungen und „Erfolgskriterien“ von Kulturinstitutionen ins Zentrum der Betrachtung. Über dem Eingang des Kunsthauses zeigt ein manueller Zähler die aktuellen Besuchszahlen des Kunsthauses seit dem 1. Jänner 2019 an.

Number of Visitors war Jens Haanings und Superflex’ Beitrag zu Populismus, einer Ausstellung, die 2005 im Contemporary Art Centre, Vilnius, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt, National Museum of Art, Architecture and Design, Oslo, und im Stedelijk Museum, Amsterdam, stattfand. Das Projekt besteht aus einem großen manuellen Zähler, der an den Fassaden aller beteiligten Kunstinstitutionen montiert wurde. Der Zähler bildet die Besucher/innenzahl ab. Die Installation wird so zur Illustration der Bedingungen und Erfolgskriterien der meisten kulturellen Institutionen heute – je mehr Besucher/innen, desto mehr Möglichkeiten der wirtschaftlichen und politischen Unterstützung und Anerkennung. In diesem Jahr wurde Number of Visitors über einem Eingang des Kunsthauses angebracht und zeigt die Besuchszahlen seit 1. Januar 2019 an. Auch nach 13 Jahren hat die Arbeit nichts an Aktualität verloren.

Mit dieser Arbeit realisieren Superflex nach C.R.E.A.M. (2017) und Free Shop (2018) bereits das dritte Projekt am Kunsthaus Graz. Innerhalb von fünf Jahren sollen mehrere Projekte, die sich mit der Fetischisierung von Geld, den Regeln ökonomischer Gesellschaften und Machtstrukturen beschäftigen, zur Umsetzung kommen. Hier greift das Kunstkollektiv bewusst auf das Prinzip des Fünfjahresplans zurück, eines Instruments zur Planung volkswirtschaftlicher Aktivitäten in Ländern sozialistisch-marxistischer Prägung.

Cash rules everything around me - C.R.E.A.M.

Am 22. November 2017 wurde der neue Bankomat beim Kunsthaus Graz mit einer symbolischen ersten Behebung präsentiert. Der Wunsch nach einem Bankomaten in der Nähe des Südtirolerplatzes war seit Jahren ein Anliegen vieler Kunsthaus-Besucher/innen sowie der ansässigen Geschäfte. Dabei ist der neue Bankomat mehr als nur eine einfache Geldbehebungsmaschine: Unter dem Titel C.R.E.A.M. – angelehnt an den bekannten Song der Hip-Hop-Gruppe Wu-Tang Clan – hat die dänische Künstlergruppe Superflex den Geldautomaten speziell für das Kunsthaus Graz als Kunstprojekt entworfen.

Das Erdgeschoss des Kunsthauses Graz steht mit Marketingflächen, Ticketing, Café und Shop in enger Verbindung zu Fragen des Konsums und der Vermarktung. „Das Erdgeschoss ist für mich eine entscheidende Zone, die man nicht rein der kommerziellen Sphäre überlassen kann. Aus diesem Grund werden wir dort künftig eine Reihe von Kunstprojekten aufsetzen, die das Verhältnis zwischen kommerziellen und nichtkommerziellen Bereichen zum Ausgangspunkt haben“, erklärt Kunsthaus-Leiterin Barbara Steiner.

Das dänische Künstlerkollektiv Superflex rückt den Geldautomaten als Kunstprojekt ins Zentrum des Foyers: Anstatt ihn verschämt zu verstecken, wird der Automat freigestellt und verchromt zur leuchtenden Skulptur, die sich nachts mit der BIX-Fassade verbindet. „Durch die Verkleidung mit Chrom bekommt der Bankautomat selbst etwas Immaterielles und bleibt doch ein seltsam anmutendes materielles Objekt“, wie Barbara Steiner weiter ausführt.

Unübersehbar neben dem glanzvollen Geldautomaten regt der Refrain des provokativen Songs C.R.E.A.M. (Cash rules everything around me) zum Nachdenken an. Mit dem Zitat des Songs der bekannten Hip-Hop-Gruppe Wu-Tang Clan verbindet Superflex den Geldautomaten noch deutlicher mit der Architektur des Kunsthauses und prägt damit dessen gesamtes Erscheinungsbild offensiv mit.

Free Shop

Superflex begannen 2003 in Bremen mit dem Projekt Free Shop. Seitdem wurden Free Shops in Japan, Mexico, Polen, Dänemark, Norwegen und den USA realisiert. Im Rahmen dieses Projekts, das im Prinzip in jedem x-beliebigen Geschäft (vom Gemüseladen bis hin zur Apotheke oder dem Schnellimbiss) durchgeführt werden kann, bekommen Kundinnen und Kunden an der Kasse einen Bon mit der Endsumme 0 ausgehändigt, d.h. sie müssen für ihren Einkauf nichts zahlen. Im Geschäft selbst gibt es keine Hinweise darauf, dass Waren oder Dienstleistungen „umsonst“ sind, erst im Moment des Zahlens wird klar, dass es sich um einen ungewöhnlichen Einkauf handelt, der die Kauflogik – Ware für Geld – auf den Kopf stellt.

Free Shop liegt ein Vertrag zugrunde, den Superflex mit dem jeweiligen Geschäftsinhaber
schließen: der Free Shop Contract. In diesem werden das Konzept und die Regeln erklärt. Der
Betreiber kann eine Obergrenze der freien Waren beziehungsweise der dafür veranschlagten
Summe festlegen. Dies wird im Laden genauso wenig kommuniziert wie die Initiative von
Superflex selbst.

Free Shop unterbricht den Automatismus von An – und Verkauf von Ware oder Dienstleistung gegen Geld. Letztendlich hat die Banknote Wert, weil ein gesellschaftlicher Konsens und rechtliche Grundlagen dafür geschaffen wurden. Superflex Arbeiten werfen aber nicht nur Fragen nach verinnerlichten Formen des Handelsgeschäfts auf, sie fragen auch nach der Verantwortung des einzelnen, danach ob er Möglichkeiten sich zu bereichern ausnutzt oder auch möglichst viele andere daran teilhaben lässt.

Kooperation mit Superflex. Projektreihe im Kunsthaus Graz
22. November 2017 bis 31. Dezember 2021

Kunsthaus Graz
Lendkai 1
A - 8020 Graz

T: 0043 (0)316 8017-9200
F: 0043 (0)316 8017-9212
E: kunsthausgraz@museum-joanneum.at
W: http://www.kunsthausgraz.at

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  •  22. November 2017 31. Dezember 2021 /
Superflex, „Number of Visitors“, Kunsthaus Graz, 2019,  Foto: Universalmuseum Joanneum/L. Trichtel
Superflex, „Number of Visitors“, Kunsthaus Graz, 2019, Foto: Universalmuseum Joanneum/L. Trichtel
Kunsthaus-Bankomat,  "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kunsthaus-Bankomat, "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kunsthaus-Bankomat,  "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kunsthaus-Bankomat, "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kunsthaus-Bankomat,  "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
Kunsthaus-Bankomat, "C.R.E.A.M.", Superflex, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
"Free Shop" im "Cafe Noel",  Foto: M. Pirker
"Free Shop" im "Cafe Noel", Foto: M. Pirker
"Free Shop" im "Bakaliko",  Foto: T. Ziampras
"Free Shop" im "Bakaliko", Foto: T. Ziampras
"Free Shop" im "Hausfrauenpalast",  Foto: B. Jahn
"Free Shop" im "Hausfrauenpalast", Foto: B. Jahn