Kolonialismus am Fensterbrett

Die Ausstellung „Kolonialismus am Fensterbrett“ im Weltmuseum Wien wirft einen Blick auf zehn unserer beliebtesten Zimmer- und Balkonpflanzen, deren natürlicher Lebensraum außerhalb Europas liegt. Zimmertanne, Birkenfeige (auch „Benjamini“ genannt), Aloe Vera, Begonie, Geranie/Pelargonie, Bogenhanf, Grünlilie, Dieffenbachie, Kaktus und Usambaraveilchen stehen exemplarisch für die komplexe Verflechtung von Botanik und ethnografischer Sammlungsgeschichte. Sie zeigen den Übergang vom „exotischen“ Objekt zum alltäglichen Zimmerpflanzenklassiker.

Die Schau im partizipativen Raum „zam“ des Weltmuseums Wien lädt dazu ein, die Geschichten hinter bekannten außereuropäischen Nutz- und Heilpflanzen kennenzulernen. Zu sehen sind lebende Pflanzen, kombiniert mit historischen Objekten und Fotografien aus den Sammlungen des Weltmuseums Wien, mit Herbarbelegen und Bildmaterial aus dem Naturhistorischen Museum Wien, dem MAK – Museum für angewandte Kunst – und dem Wien Museum.

„Kolonialismus am Fensterbrett“ macht deutlich: Auch Pflanzen haben Biografien. Die Ausstellung erzählt von der kulturellen Aneignung außereuropäischer Pflanzen und deren Ausbeutung und Umnutzung in europäischen Kontexten.

Pflanzen erzählen mehr, als man auf den ersten Blick sieht: Kaktus, Dieffenbachie, Aloe Vera und unzählige weitere Pflanzen kamen nicht zufällig nach Europa und in seine Museen – sie reisten oft gemeinsam mit ethnografischen Objekten auf langen Schiffsreisen europäischer Expeditionen im 18. und 19. Jahrhundert. Die Pflanzen waren zunächst Kostbarkeiten und Statussymbole, die sich nur Adel und Oberschicht leisten konnten. So begann die aus Afrika stammende Grünlilie, die auch Johann Wolfgang von Goethe faszinierte, ihre Karriere als Zimmerpflanze in höfischem Ambiente, bevor sie in bürgerlichen Haushalten zur beliebten Ampelpflanze wurde.

Ab dem 17. Jahrhundert suchten Pflanzenjäger, Botaniker und Pflanzenhändler weltweit systematisch nach Heil- und Nutzpflanzen, die sich für den großflächigen Anbau und Export eigneten. Damit ermöglichten sie eine breitere Verfügbarkeit dieser heute als Cash Crops bezeichneten Gewächse. Während sich Samen, Zwiebeln oder Rhizome gut verschiffen ließen, stellte der Transport ganzer Pflanzen ein großes Problem dar. Sie vertrockneten, verfaulten, erfroren oder wurden durch Meerwasser verätzt. Abhilfe schuf die Erfindung des Ward’schen Kastens durch den britischen Arzt Nathaniel Bagshaw Ward (1791–1868): ein mobiles Miniatur-Glashaus, das ein autarkes Ökosystem erzeugte. Der Ward’sche Kasten wurde zur Standardausrüstung für Expeditionen, hatte aber einen großen Nachteil: Durch die mittransportierte Erde gelangten auch Krankheitserreger in fremde Ökosysteme.

Die Ausstellung kombiniert lebende Pflanzen mit historischen Objekten aus ethnografischen und naturhistorischen Sammlungen und dokumentiert so ihren Weg in westliche Haushalte, Gärten, Pharmakonzerne und in den Handel.

James Cook entdeckte auf seiner zweiten Weltumsegelung im Jahr 1774 die Zimmer- oder Norfolktanne auf der Norfolkinsel im Südpazifik. Aufgrund ihres geraden Wuchses eignet sie sich gut als Baumaterial für Schiffsmasten. Cook nahm sie ebenso mit wie Waffen, darunter eine Knotenschleuder, die in der Ausstellung zu sehen ist.

In der Vitrine „Aloe Vera” wird die moderne Bedeutung der Pflanze für die Kosmetikindustrie thematisiert. In Ägypten wurde die Aloe Vera einst als „Pflanze der Unsterblichkeit“ bezeichnet und zur Einbalsamierung von Toten eingesetzt. Heute zählt sie global zu den „Cash Crops“. In der Ausstellung begegnet man neben Fotos aus den Ursprungsgebieten auch einem Aloe-Vera-Produkt einer koreanischen Kosmetikfirma, die für das Verpackungsdesign ihres „Soothing Gels“ ausgezeichnet wurde.

Das viele Fensterbretter schmückende Usambaraveilchen stammt ursprünglich aus Ostafrika und gelangte im Zuge der von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft (DOAG) organisierten Gasi-Expedition nach Europa. Der Kolonialbeamte Walter von Saint Paul-Illaire (1860–1940) „entdeckte” die Pflanze in der Usambara-Region der Eastern Arc Mountains in Tansania und Kenia und schickte ihre Samen an den deutschen Botaniker Hermann Wendland (1825–1903). Nach dessen Erstbeschreibung der Pflanze sicherte sich das Gartenbauunternehmen Ernst Benary in Erfurt die Eigentumsrechte. In der Ausstellung ist die Pflanze zusammen mit einer Trommel aus Tansania zu sehen. Diese gelangte auf dem k.k. Schiff „Saida” der österreichischen Kriegsmarine nach Wien. Vermutlich erhielt der Schiffsarzt Stefan Paulay (1839–1913) das Objekt als Gegenleistung für die Behandlung des Gasi-Expeditionsleiters Albrecht von Bülow (1864–1892), der es im Februar 1887 während der Gegenwehr der lokalen Bevölkerung gegen die deutschen Kolonisatoren in Usungula (Tansania) erbeutet hatte.

Der Kaktus als Symbol für das Überleben in extremen Bedingungen und die Geranie, deren vielseitige Nutzung als Heilmittel weit zurückreicht, verdeutlichen die Verbreitung von Pflanzen durch das koloniale Netz von Handel und Entdeckungsreisen. Zudem wird deutlich, dass Länder des Globalen Südens bis heute kaum von der wirtschaftlichen Nutzung ihrer biologischen Schätze profitieren.

So wurde die bei uns als Zierpflanze so beliebte Geranie (Pelargonium) in ihrem Heimatland Südafrika jahrhundertelang als Medikament bei Atemwegserkrankungen eingesetzt. Eine deutsche Firma sicherte sich Patente auf dieses traditionelle Heilmittel, ohne die lokalen Nutzer:innen in Südafrika am Gewinn zu beteiligen. In der Ausstellung werden Wurzelteile von Pelargonium sidoides aus der Sammlung des Weltmuseums Wien einem pflanzlichen Arzneimittel mit dem Wirkstoff „Pelargonii radix” gegenübergestellt.

Internationale Abkommen wie das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die biologische Vielfalt (CBD) sollen sicherstellen, dass die Ursprungsnationen an den Profiten des Westens beteiligt werden und dass das Thema Biopiraterie angesichts des Klimawandels aufgegriffen wird.

Dass die so populäre rote Geranie nicht nur rustikale Bauernhäuser und -gärten schmückt, sondern sogar vom Denkmalschutz vorgeschrieben werden kann, mag überraschen. Architekt Adolf Loos (1870–1933) löste mit dem Haus am Michaelerplatz, das er ohne jeden Fassadendekor plante, Anfang der 1910er Jahre einen riesigen Skandal aus. Kaiser Franz Josef I. taufte es „Haus ohne Augenbrauen“ und erst als Loos einwilligte, kupferne Blumenkästen anbringen zu lassen, konnte der Bau im Jahr 1912 abgeschlossen werden. Heute schreibt der Denkmalschutz die Anpflanzung roter Geranien in diesen vor.

Kolonialismus am Fensterbrett
Bis 25. Mai 2026