24. Juli 2008 - 3:30 / Ausstellung / Archiv 
20. März 2008 3. August 2008

Sind Schwarze die besseren Athleten? Haben Schwule einen ausgeprägten Sinn für Kunst? Sind Pfeifenraucher gemütlich und haben Juden lange Nasen? Die Sonderausstellung "typisch! Klischees von Juden und Anderen" unternimmt eine Reise in die Welt pauschalisierter Bilder und Vorstellungen. Sie zeigt Kunstwerke, Fotografien und Filmausschnitte, und stellt zur Diskussion, wie populärkulturelle Objekte, Nippes und historische Sammlerstücke stereotype Botschaften verbreiten.

Im Zentrum der Ausstellung steht das Phänomen, dass Stereotype und Klischees fester Bestandteil unseres Denkens und Fühlens sind und immer wieder aufs Neue bestätigt und popularisiert werden. Sie formen unser Bild von uns selbst und vom "Anderen" und prägen unsere Zugehörigkeit zu einer Gruppe oder Nation in Abgrenzung von anderen Gruppen und Nationen. Typisierungen und Klassifizierungen sind aus der populären Kultur nicht wegzudenken, wo sie uns mit dem Mittel der Vereinfachung dabei helfen können, unsere Angst vor dem Unbekannten und Fremden zu bewältigen, jedoch auch das Material für rassistische Ideologien liefern. Wann aber schlagen verallgemeinernde Zuschreibungen um in Schubladendenken, dumpfe Vorurteile und Ressentiments? Wann werden sie nationalistisch, antisemitisch oder rassistisch? Das sind die zentralen Fragen, denen die Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin und des Jüdischen Museums Wien nachgeht.

Anhand von rund 200 Exponaten - historischen und zeitgenössischen Bildern aus der Werbung, Filmen und Computerspielen, Kunstwerken, kunsthandwerklichen Objekten und Alltagsgegenständen - wird gezeigt, wie Stereotype und Klischees zum Ausdruck kommen. In 25 Triptychen werden unterschiedliche Themenaspekte präsentiert, bei denen es sowohl um anti-, als auch philosemitische Vorstellungen geht, um Etikettierungen sogenannter ethnischer Eigenschaften am Beispiel von Afrikanern, Japanern oder Indianern ebenso wie um die Darstellung westlicher Kolonialherren aus dem Blick der Kolonialisierten. Die Zuschreibung vermeintlicher Wesensmerkmale von Muslimen, Homosexuellen oder Kommunisten wird hinterfragt und die kurz gegriffenen Vorannahmen pseudowissenschaftlicher Forschungsgebiete wie die Eugenik und die Instrumentalisierung von Forschung für rassistische Zwecke kritisch beleuchtet.

Die Exponate der Triptychen konfrontieren Kunstwerke, die selbst zur Typenbildung beitragen, mit Objekten aus der Trivial- und Volkskultur. Sie stellen ihnen künstlerische Arbeiten gegenüber, die sich kritisch oder selbstironisch mit den dargestellten Themen auseinander setzen und versuchen, die Stereotype zu durchbrechen. Im direkten Vergleich dieser sehr unterschiedlichen Positionen erhalten die Besucher Gelegenheit, den in den Typisierungen latent vorhandenen, boshaften Kern der Diffamierung zu entdecken.

Auf der Ausstellungsfläche von 650 Quadratmetern werden auch bizarre und erschütternde Exponate gezeigt. Bei der provozierenden Skulptur "Jewish Noses" des amerikanischen Künstlers Dennis Kardon ragen unterschiedliche Nasen prominenter Amerikaner aus der Wand hervor und führen das Stereotyp der "jüdischen Nase" ad absurdum. Das Gemälde "Sarah Bernhardt" von Hans Makart (1881) unterstreicht die im 19. Jahrhundert vorhandenen Vorstellungen von "der schönen Jüdin". Die Fotografie "Sexy and Dangerous" des Australiers Brook Andrew (1996) unterläuft tiefsitzende Vorurteile vom angeblich "wilden Eingeborenen". Und die bekannte iranische Künstlerin Shirin Neshat ist mit dem Werk "Rebellious Silence" (1994) aus ihrer Reihe "Women of Allah" vertreten. Selbst eine Pflanze, die kurioserweise den Namen "Wandering Jew" trägt, ist unter den Objekten, die größtenteils Originale sind und aus internationalen Sammlungen und Museen kommen. Viele der als antisemitisch eingeordneten Exponate stammen aus der Sammlung Martin Schlaff, die das Jüdische Museum Wien 1993 erhalten hat. Und im Medienraum können Besucher an einem Computerspiel der Universität Harvard ausprobieren, wie sehr das eigene Denken von Stereotypen geprägt ist.

"typisch! Klischees von Juden und Anderen" ist eine Ausstellung über das schablonenhafte Sehen, Wahrnehmen und Zuordnen von Bildern und Dingen. Sie regt die Besucher zum genauen Hinschauen und zum Nachdenken über eigene Denkmuster an. Die Ausstellung sensibilisiert für die alltägliche Gegenwart von Klischees, aber auch für ihre Brutalität, und will das Bewusstsein dafür schärfen, dass Stereotype ein Nährboden für Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind. Vielleicht hinterfragt am Ende der Ausstellung mancher Besucher auch jenes hartnäckige Klischee, wonach in jedem Vorurteil ein wahrer Kern steckt.

Auch grafisch wird hervorgehoben, dass beim Schubladendenken differenzierte Zwischentöne fehlen, indem der Wiener Architekt Martin Kohlbauer bei der Gestaltung der Ausstellung ganz auf schwarz-weiß setzt.


typisch! Klischees von Juden und Anderen
20. März bis 3. August 2008

Die Ausstellung wird vom 26. September 2008 bis zum 18. Januar 2009 im Spertus Museum in Chicago und vom 17. Februar bis 21. Juni 2009 im Jüdischen Museum Wien gezeigt.

Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14
D - 10969 Berlin

T: 0049 (0)30 25993-300
F: 0049 (0)30 25993-409
E: info@jmberlin.de
W: http://www.juedisches-museum-berlin.de/

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Wiener Spazierstock, Wien nach 1900. © Jüdisches Museum Wien, Foto: David M. Peters
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Figur 'Ein Börsengeheimnis', Datum unbekannt. © Jüdisches Museum Wien, Foto: David M. Peters
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Tintenfass in Globusform, um 1900. © Jüdisches Museum Wien, Foto: David M. Peters
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Jen Taylor Friedman, Tefillin Barbie, New York 2007. © Jüdisches Museum Berlin, Foto: Jens Ziehe