Das Kunsthaus Zürich zeigt erstmals in der Schweiz das monumentale Werk des US-amerikanischen Künstlers Kerry James Marshall, der zu den wichtigsten Malern der Gegenwart zählt. Seine lebendigen und vielschichtigen Gemälde thematisieren Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und historische Verantwortung und eröffnen neue Perspektiven auf die Kunstgeschichte.
Zum ersten Mal wird dem 1955 in Birmingham, Alabama, geborenen und in Chicago lebenden Künstler in der Schweiz eine umfassende Ausstellung seiner großformatigen, bis zu sieben Meter breiten Gemälde gewidmet. Nach London ist die Ausstellung im Kunsthaus Zürich zu sehen, bevor sie weiter nach Paris reist. Marshall zählt zu den einflussreichsten Kunstschaffenden der Gegenwart und übt einen nahezu beispiellosen Einfluss darauf aus, wie Repräsentation, Kunstgeschichte und soziale Machtverhältnisse durch die Malerei zum Ausdruck gebracht werden.
Er malt große, allegorische, anspielungsreiche und höchst virtuose Gemälde, die von einem konzeptuell komplexen Geflecht persönlicher und kultureller Bezugspunkte leben. Er greift auf einen reichen Fundus an Bildmotiven aus Geschichte und Populärkultur zurück, die in manchen Fällen zuvor kaum miteinander in Verbindung gebracht wurden. Inhaltlich steht im Zentrum von Marshalls Schaffen außerdem die kritische Auseinandersetzung mit der marginalisierten Darstellung Schwarzer Menschen in der westlichen Bildtradition. Bereits früh beschäftigte er sich mit der Kunstgeschichte und ihren Institutionen, mit Museen und Akademien sowie den darin vermittelten Bildkonventionen. Seit Mitte der 1980er-Jahre untersucht er gezielt das Genre der Historienmalerei, das einst das höchste künstlerische Prestigeformat war. Seine Frage lautet: Wie lässt sich schwarze Geschichte überhaupt sichtbar machen, wenn weiße Institutionen ihr über Jahrhunderte keinen Raum gaben?
Marshall gilt als Wegbereiter beim Aufbrechen kunsthistorischer Ausschlussmechanismen. Einen Wendepunkt markierte Marshalls Retrospektive „Mastry” (2016), die in Chicago, New York und Los Angeles gezeigt wurde. Sie war eine der ersten großen mehrteiligen Museumsausstellungen eines lebenden schwarzen Künstlers und wurde international als Meilenstein gefeiert. Parallel dazu hat sich in den letzten zwanzig Jahren die öffentliche Sichtbarkeit schwarzer Kunst markant verändert. Marshall selbst reflektierte im Jahr 2010 im Arts Club of Chicago die geringe Zahl schwarzer Besucher und die ebenso geringe Präsenz schwarzer Figuren in musealen Sammlungen – ein Verhältnis, das seiner Ansicht nach symptomatisch für strukturelle Ausschlüsse ist.
Seine Gemälde wirken auf den ersten Blick farbenprächtig und virtuos. Unter der Oberfläche entfalten sich jedoch komplexe Erzählungen über Themen wie Bürgerrechtsbewegungen, transatlantische Sklaverei, kulturellen Transfer und schwarze Alltagskultur. Das Werk „The Club” (2011/12) zeigt beispielsweise eine lebhafte Clubszene, die zugleich tief in historischen Symbolen und Identitätsfragen verwurzelt ist. Marshall verbindet darin präzise Maltechnik – glänzende Haut, textile Oberflächen, ikonografische Muster – mit einer Erzählung über Freude, Präsenz und Selbstbestimmung.
„Kerry James Marshall: The Histories | Geschichte(n)”
bis 16. August 2026