Katja Schenker – Körper und Raum

Im Museum Haus Konstruktiv wird derzeit eine Einzelausstellung von Katja Schenker gezeigt. Seit mehr als zwanzig Jahren ist die Schweizer Künstlerin vor allem für ihre Performances bekannt. Darüber hinaus hat sie aber auch Zeichnungen, Skulpturen und Installationen im Innen- und Außenraum geschaffen. Ihre Werke entwickelt sie überwiegend aus natürlichen Materialien. Dabei spielen neben deren sinnlicher Qualität auch räumliche und zeitliche Aspekte wie Dichte oder Vergänglichkeit eine wichtige Rolle.

Die Bezugnahme auf den jeweiligen architektonischen Raum ist ein herausragendes Merkmal von Schenkers Schaffen. So nutzte sie die acht massiven Pfeiler für die titelgebende Performance „Caryatids Go for a Swim”, die am Abend der Vernissage uraufgeführt wurde. In der antiken Architektur sind Karyatiden weibliche Figuren, die anstelle von Säulen oder Pfeilern Lasten tragen. Im Gegensatz zu ihrem männlichen Gegenpart Atlas, der unter der ihm aufgebürdeten Last häufig gebeugt dargestellt ist und seine Muskeln zeigt, vollbringen die Karyatiden ihre Arbeit aufrecht und scheinbar mühelos.

Für die Performance verlassen fünf Frauen ihre festgelegten Positionen und werfen einander Schnurknäuel zu, sodass sich nach und nach eine dichte, netzartige Struktur bildet. Gleichzeitig werden die Schnüre über und durch zwei Metallobjekte geführt, deren inneres Raster aus Kupferfedern besteht. Durch das wiederholte Werfen, Spannen und Verformen verändern sich diese Drähte. Sie stehen somit für einen Prozess der Transformation, des Zusammenwirkens und der Öffnung.

Die Performance „Caryatids Go for a Swim” besteht also aus Bewegung und Gegenbewegung, aus Aktion und Reaktion, aus Werfen und Fangen. In diesem dynamischen Gefüge eröffnen sich Analogien zu Standhaftigkeit und Verlust, zu Stabilität und Auflösung. Diese Spannung ist beispielhaft für Schenkers künstlerische Praxis, die sich seit vielen Jahren mit Schwerkraft und dem Aushebeln derselben auseinandersetzt.

Diese Aspekte kommen auch in den ausgestellten Zeichnungen zum Ausdruck, die Schenker zu einem Großteil eigens für die Präsentation im Museum Haus Konstruktiv geschaffen hat. In den 2022 bzw. 2025 begonnenen Serien „Volcano Street”, „Jubilee Street” und „Red Is Not the Only Colour” ist der Körper unmittelbar präsent: Schenker setzt ihren Körper in einem performativen Akt ein, der Vorbereitung, Konzentration und bewusste Entscheidungen erfordert. Bei genauer Betrachtung der Zeichnungen zeigt sich häufig ein Zentrum oder ein verdichteter Moment – ein Punkt, an dem der Körper besonders intensiv mit dem Bildträger in Kontakt gekommen ist und deutliche Spuren hinterlassen hat. Von dort aus entfalten sich Linien, Verdichtungen und Bewegungsbahnen, die den Entstehungsprozess sichtbar und dessen räumliche Dynamik spürbar machen. Schenker verwendet für diese Arbeiten auf Papier Ölsticks und Ölpastellkreide in verschiedenen Rottönen. Für einen Farbauftrag als Resultat von Druck und Bewegung eignen sich diese Materialien besonders gut, da ihre Intensität im Gegensatz zu einem Pinselstrich nicht nachlässt.

Mit Farben wie „Rouge Vermillon” (Zinnoberrot) oder „Rouge Cadmium” wählt sie warme und körpergebende Töne, die sie als dramatisch, innerlich und explosiv zugleich bezeichnet. Betrachtet man erneut die Metallobjekte aus der Performance „Caryatids Go for a Swim”, so zeigen sich Parallelen zu den Zeichnungen. Wie die Farbe Rot wird auch das Metall Kupfer aufgrund seiner hohen Wärmeleitfähigkeit mit Wärme und Energie assoziiert. In der Alchemie wird Kupfer der Göttin Venus zugeordnet und ist zugleich ein essenzielles Spurenelement und somit lebensnotwendig für den menschlichen Körper, der hier seine Spuren auf dem Papier hinterlässt. Ergänzend zur Ausstellung im Westteil sind in der Glasbox im Durchgang zum Ostteil des Gebäudes fünf Videos von Performances der Künstlerin zu sehen. Sie sind zwischen 2011 und 2026 entstanden und geben einen exemplarischen Einblick in ihren Werdegang: moll (Performance), vesuv (Performance), peau articulée (Performance), dress (Performance) und Caryatids Go for a Swim (Performance) (wird nach Fertigstellung Mitte Juni integriert).

Alle Arbeiten haben gemeinsam, dass Schenker – ausgehend vom Thema Körper, Körperlichkeit und Körperwahrnehmung – Räume einnimmt oder hervorbringt. Dabei interessiert sie besonders die Durchlässigkeit von Grenzen – zwischen Körper und Körper, zwischen Körper und Raum, zwischen Material und Bewegung sowie zwischen Stabilität und Veränderung. Ihre Werke sind keine abgeschlossenen Formen, sondern offene Gefüge, die sich im Entstehungsprozess kontinuierlich transformieren, in die sich Präsenz und Vergänglichkeit gleichermaßen einschreiben.

Katja Schenker
Caryatids Go for a Swim
bis 6.9.2026