Die Ausstellung zeigt Fotografien, die 2016 während eines künstlerischen Austauschs der beiden in Island entstanden sind. Die raue Vulkanlandschaft Islands zog die beiden in ihren Bann. Sich dieser elementaren Natur auszusetzen, gleicht einer Katharsis. Naturgewalt, Zerstörung, Wiedergeburt und neues Leben stehen hier Seite an Seite, sind unweigerlich miteinander verbunden und erinnern an den Ursprung unserer Erde. Fragen zu Gender, Gleichberechtigung und Selbstermächtigung im Wechselspiel mit der landschaftlichen Härte und Schönheit Islands haben die beiden Künstlerinnen auf ihrer Reise geleitet.
Dieser Fragestellung folgt auch die Ausstellung im Bildraum 01: „Das Licht des Nordens” legt die Symbiose zwischen Natur und Mensch offen. Es ist eine eindrucksvolle Assemblage aus einer Vielzahl heterogener Elemente, deren Zusammenspiel neue Eigenschaften hervorbringt, die die Identität des Ganzen definieren. Kurz gesagt ist die isländische Gesellschaft untrennbar mit ihrer extremen Geografie verbunden.
Ein passendes Beispiel dafür sind die von Katja Hasenöhrl porträtierten Eisschwimmer:innen, kombiniert mit Lorena Sendic Silveras analoger, schwarz-weißer, menschenleerer Fotografie einer dunklen Berggruppe. Die Extremsportler:innen trainieren als Gruppe mehrmals wöchentlich zu allen Jahreszeiten und bei allen Wetterbedingungen. Bei Temperaturen von 4 bis maximal 12 Grad im Sommer wird im eisigen Atlantik geschwommen. Ohne Neoprenanzug, nur mit Badeanzug, Schwimmbrille, Handschuhen und Schuhen, um die Hände und Füße vor den scharfen Kanten der vulkanischen Felsen zu schützen. Diese Frauen (und Männer) übergehen ihr tief verankertes Warnsystem, das den Körper bei Kontakt mit dem eisigen Element in den Fight-or-Flight-Modus versetzt, um das Leben zu schützen. Doch der menschliche Körper – ein außergewöhnlicher Organismus – kann darauf trainiert werden, unter diesen unwirtlichen und menschenfeindlichen Bedingungen zu überleben, ohne zu erfrieren. Vor dem schwarzen Vulkangestein offenbaren die knallrote Haut und die zufriedene Blicke der Athlet:innen, dass das Eisschwimmen ein Akt der Selbstüberwindung und Grenzüberschreitung ist – ein Ausdruck menschlicher Widerstandskraft. Hier werden alle Elemente eins, sie fordern einander heraus und stärken einander.
An der gegenüberliegenden Wand begegnet uns das Porträt der jungen Frau Svandís von Lorena Sendic Silvera, kombiniert mit Katja Hasenöhrls Fotografie einer verschneiten Bergkuppe. In diesem Bild zeigt sich Svandís in einem Moment besonderer Offenheit. Es war ihr erstes Fotoshooting – eine Erfahrung, die für die junge Frau eng mit Selbstwahrnehmung und Selbstwertgefühl verknüpft war. Das reduzierte Licht und der dunkle Hintergrund lenken den Blick vollständig auf ihr Gesicht, das ruhig und zugleich entschlossen wirkt. Das um den Hals gelegte Haar, das während des Shootings intuitiv entstanden ist, wird zu einem spielerischen Element ihrer Selbstinszenierung. Im Zentrum steht nicht die Inszenierung einer Rolle, sondern das behutsame Abtasten innerer Räume, die bewusste Offenheit, das Zulassen von Verletzlichkeit und die Nähe der Kamera. Das Porträt erzählt von Vertrauen – in den Moment, in die fotografische Begegnung und in sich selbst. Wir sehen, wie eine junge Frau ihre eigene Präsenz vor der Kamera zum ersten Mal erkundet und dabei einen Schritt in Richtung Selbstbestärkung wagt. Solche Momente können für junge Frauen von großer Bedeutung sein, da sie die Möglichkeit eröffnen, sich selbst aus einer neuen, selbstbestimmten Perspektive kennenzulernen. Wie die Eisschwimmer:innen überwindet auch Svandís ihre eigenen Grenzen und tritt gestärkt aus dieser Erfahrung hervor. Beeindruckende Landschaftsdarstellungen – als großformatige Wandtapeten und in Form einer Videoinstallation – treten mit den Porträts in einen Dialog. Sie erzählen von menschlicher Selbstermächtigung, Resilienz und einer einzigartigen Beziehung zur Umwelt – im Angesicht einer dynamischen und mitunter gewaltsamen Natur.
Katja Hasenöhrl & Lorena Sendic Silvera
Im Licht des Nordens
Bis zum 5. Februar 2026