25. November 2020 - 2:36 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
2. Dezember 2020 14. März 2021

In ihrer ersten Einzelausstellung in der Schweiz präsentiert die in Berlin lebende Künstlerin Katja Aufleger im Museum Tinguely ab dem 2. Dezember zerbrechliche Skulpturen, gefährliche Chemikalien und Videoarbeiten aus den letzten zehn Jahren ihres Schaffens.

Mit transparenten Materialien wie Glas, Plastik und bunten Flüssigkeiten, aber auch mit immateriellen Komponenten wie Klang und Bewegung entwickelt Aufleger fragile Installationen und Filme. Dabei wirken die Objekte auf den ersten Blick vertraut und anziehend, doch bei näherer Betrachtung wird klar, dass den Werken ungewisse oder gar gefährliche Spannungen innewohnen. Mit solchen Ambivalenzen übt die Künstlerin Institutionskritik, hinterfragt Machtstrukturen und Systeme.

Potenzielle Destruktion

In der grossen Halle des Museum Tinguely hängen an Stahlseilen drei gläserne Rundkolben von der Decke, gefüllt mit durchsichtiger Flüssigkeit. Es ist ein überdimensionales Kugelstosspendel mit dem Titel "Newton’s Cradle" (2013/2020). Normalerweise steht es als Modell auf Schreibtischen und man kann fünf kleine Metallkugeln in Bewegungsetzen und ihnen beim Pendeln zuschauen - als Demonstration kinetischer Energie. Würde man jedoch im Ausstellungsraum dazu verführt werden, dasselbe mit dem Glaspendel Auflegers zu tun, wäre die Zerstörungskraft gross, denn in den zerbrechlichen Behältnissen befinden sich die drei Bestandteile von Nitroglycerin.

Videoarbeitenals plastische Anschauungsmodelle

Während diese Destruktion theoretisches Potenzial bleibt, zerspringt im Video "Love affair" (2017) tatsächlich Glas. Es zeigt in Nahaufnahme Leuchtkörper vor dunklem Hintergrund. Die Stille wird plötzlich von einem lauten Knall durchbrochen. Eine Lampe nach der anderen wird zerschossen. Die Spannungsentladung bleibt im unendlichen Loop gefangen und wird zu einem unregelmässigen, rhythmischen Atmen zwischen Anziehung und Gefahr. Anfangs reizvoll und vertraut, entwickelt Auflegers Kunst ihre volle Kraft, wenn der zerstörerische Momentder Veränderung einsetzt, tatsächlich oder gedanklich. In den menschenleeren Bildwelten werden die Objekte zum begehrenswerten Anderen, das aber eine dunkle Seite birgt. Aufleger lotet die Spannbreite von zutiefst menschlichen und existenziellen Fragen um intimste Beziehungenbis hin zu Naturgesetzen aus. Die Gegensätze, die sie sichtbar macht, liegen wie im alltäglichen Leben oft nah beieinander.

In der Videoarbeit "The glow" (2019) sind Angelköder zu sehen, die durch Schwimmbecken gezogen werden. Verschiedene Unterwasseraufnahmen wechseln in kurzen Abständen, sodass sich Perspektive, Umgebung, Lichteinfall und Lockmittel immer wieder ändern. Zu hören ist ein rhythmisches Klackern oder Klicken, das manchmal zu den Bewegungen passt, dann wiederum asynchron ist. Es handelt sich um Filmausschnitte aus Angel-Tutorials, bei denen Angler_innen die verlockende Wirkung der Köder vorführen. Die Gummifische werden zu Marionetten in einem amüsanten Figurentheater oder zu animierten Avataren in einerdigitalen Welt. Die wacklige Videospielästhetik dieser laienhaft produzierten Filme vor der Kulisse einer blau gekachelten, menschenleeren Unterwasserarchitektur wirkt apokalyptisch, und zugleich humoristisch.

Multimediale und konzeptuelle Kunst

Um ihre Gedankenplastiken zu materialisieren, greift Aufleger selbst zur Videokamera oder formt mit ihren eigenen Händen Ton. Doch für noch präzisere Ergebnisse lässt sie genauso ihre Ideen von Glasbläser_innen oder Programmierer_innen umsetzen. Loops, Gruppierungen und Wiederholungen erzeugen zyklische Systeme ohne Anfang und Ende. Uns bekannte Strukturen oder Methoden weidet die Künstlerin aus, befreit sie von selbstverständlicher Konnotation und füllt sie mit neuen Möglichkeiten. Sie kreiert Denkräume, die sie durch überraschende Umnutzung von Materialien erzeugt.

Mit ihrer Arbeit übt Aufleger Institutionskritik, hinterfragt Rollen und überschreitet Grenzen. So stellen Kurator_innen selbst die explosiven Kunstwerke ins Museum, während das Publikum zum wichtigsten Protagonisten der Gedankenspiele Auflegers wird. Die Werktitel sind, im Sinne Marcel Duchamps, die "added colors", also eine verbale Farbe, und somit ein elementarer Teil ihrer Arbeiten. Sie eröffnen einen weiteren Horizont und ermöglichen Assoziationen.

Die Ausstellung befindetsich in direkter Nachbarschaft zum "Mengele-Totentanz" (1986) von Jean Tinguely. Dieses späte Werk thematisiert Tod und Vernichtung offenkundig, während man bei "GONE"sich seiner Vergänglichkeit erst auf den zweiten Blick bewusst wird. Themen wie ephemere Kunst, das Wissen um den steten Wandel oder das Involvieren von Alltag und Betrachtenden in die bildenden Künste bieten viele Parallelen zum Euvre des Maschinenkünstlers. Weitere Arbeiten der norddeutschen Künstlerin finden sich in der Ausstellungshalle neben Tinguelys begehbarer "Grossen Meta-Maxi-Maxi-Utopia" (1987), im Flur und Untergeschoss des Hauses, und verorten so die zeitgenössische Künstlerin in der monografischen Sammlungspräsentation des Schweizer Kinetikers, der die einzige Konstante in der stetigen Veränderung sah. Genau diese Spannung, der Moment vor dem Wandel, interessiert Aufleger am meisten. In Auflegers Welt wird einem erst auf den zweiten Blick die Flüchtigkeit eines Moments und seiner Vielschichtigkeit bewusst.

Katja Aufleger (geboren 1983, Oldenburg) lebt und arbeitet seit mehreren Jahren in Berlin.

Katja Aufleger - "GONE"
2. Dezember 2020 bis 14. März 2021
Die Ausstellung wird kuratiert von Lisa Marleen Grenzebach.

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1
CH - 4002 Basel

W: http://www.tinguely.ch/

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  •  2. Dezember 2020 14. März 2021 /
Katja Aufleger, "Newton's cradle", 2013, Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glyzerin, Gummi, ca 300 x 75 x 25 cm ©Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto Adamski/Berlin
Katja Aufleger, "Newton's cradle", 2013, Glas, Stahl, Schwefelsäure, Salpetersäure, Glyzerin, Gummi, ca 300 x 75 x 25 cm ©Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto Adamski/Berlin
Katja Aufleger, "Love affair", 2017, (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 22 Min. © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg
Katja Aufleger, "Love affair", 2017, (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 22 Min. © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg
Katja Aufleger, "The glow", 2019, (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 8 Min. 12 Sek. © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg
Katja Aufleger, "The glow", 2019, (Filmstill), Video, Farbe, Ton, 8 Min. 12 Sek. © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg
Katja Aufleger, "And he tipped gallons of black in my favorite blue", 2014, Reinigungsmittel, Masse variable © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto: KLatja Aufleger
Katja Aufleger, "And he tipped gallons of black in my favorite blue", 2014, Reinigungsmittel, Masse variable © Courtesy of the artist; Galerie Stampa, Basel; Galerie Conradi, Hamburg; Foto: KLatja Aufleger