Katherine Hubbard – „The Great Room“

Wie kann man das innere Erleben eines Menschen einfangen, dessen Wirklichkeit sich immer weiter von der Außenwelt abkoppelt? Und wie erhält man zu jemandem eine Beziehung aufrecht, der einem zutiefst vertraut, sich aber unumkehrbar verändert?

Katherine Hubbard begann ihr fünfjähriges Projekt „The Great Room” im Jahr 2020, zu Beginn der Corona-Pandemie, als sich der Zustand ihrer Mutter Antonette Berger zunehmend verschlechterte und die Künstlerin ihre Hauptpflegeperson wurde. Mehrere Monate der Angst und Isolation vergingen, bis bei Berger die Diagnose LATE (limbisch-dominante altersbedingte TDP-43-Enzephalopathie), eine Form der Demenz, gestellt wurde. Hubbard beschreibt diese Diagnose als ebenso notwendig wie unzureichend: als eine Geste des Kontrollierens und Klassifizierens, die letztlich daran scheitert, die gelebte, sich ständig verändernde Realität ihrer Mutter zu erfassen. In genau dieser Diskrepanz ist das Projekt angesiedelt.

Im Mittelpunkt steht Bergers Wohnung im ersten Stock eines viktorianischen Hauses, das ihr über vierzig Jahre lang gehörte und das zur Bühne für eine Reihe fotografischer Begegnungen wird. Die Bilder ergeben sich aus verschiedenen Ritualen und halten eine Beziehung und Interaktionen fest, in denen sich Trauer und Zärtlichkeit, Desorientierung und große Nähe vermischen. Die Kamera ist hier nicht einfach nur ein Aufnahmegerät, sondern hat eine strukturierende Präsenz: Sie schafft Pausen in den Routinen der Fürsorge und somit Zeit, die nicht durch unmittelbare Notwendigkeiten bestimmt ist. Zugleich wird sie zur Zeugin kleiner Performances.

„The Great Room” bezeichnet eine deutliche Veränderung in Hubbards Schaffen. Das Projekt brachte eine enge Verflechtung ihrer Identitäten als Künstlerin und als Tochter mit sich. Nachdem sie es in ihrer Arbeit zuvor weitgehend vermieden hatte, Menschen zu fotografieren, wendet sie sich hier dem persönlichsten aller Sujets zu. Dennoch bleibt ihre langjährige kritische Auseinandersetzung mit Darstellungsmodi und den in der Fotografie verankerten Machtstrukturen unverkennbar. In vielen Bildern bezieht Hubbard sich selbst mit ein – oft mit Stativ und Kamera – und unterstreicht damit die Präsenz des Apparats und die Spezifik ihrer eigenen Position. Diese Geste widersetzt sich der Fiktion einer unsichtbaren Beobachterin. Sie macht den Akt der Bildgebung transparent und ist im ethischen Sinne auch als Weigerung lesbar, ihre Mutter im Bild alleinzulassen.

In ihrem Interview mit Bettina Spörr in der begleitenden Publikation beschreibt die Künstlerin: „Ich habe ein großes Bedürfnis, meine Mutter zu beschützen. Ich wollte nie, dass Leute ein Bild meiner Mutter anschauen und den Fehler machen, in Gedanken meine Stelle einzunehmen, nur weil sie sie von einer Warte aus sehen, an der ich zuvor mit meiner Kamera stand. Ich habe mich intuitiv so positioniert, dass ich durch die im Haus aufgehängten Spiegel auf den Fotos zu sehen bin.“

In einigen Fällen drückt Berger selbst auf den Auslöser. Durch diese subtile Verschiebung wird die konventionelle Subjekt-Objekt-Beziehung in der Fotografie untergraben. Das Bild wird zu einem Ort, an dem Handlungsfähigkeit nicht entzogen, sondern neu verteilt wird. Trotz der mit dem Älterwerden und kognitivem Verfall verbundenen Stigmatisierung erscheint Berger als aktiv Mitwirkende. Oder, um es mit den Worten der Künstlerin zu sagen: „Als Gegenerzählung wollte ich Fotos machen, auf denen meine Mutter eindeutig als Fotografin zu erkennen ist. Ich wollte ihr all die Macht geben, die der Person zukommt, die die Kamera bedient. Diese fiktive Geschichte von der Fotografin Antonette zieht sich durch das gesamte Projekt. Im Grunde geht es dabei vor allem darum, meiner Mutter Respekt zu verschaffen.“

Auf formaler Ebene sind die Fotografien von Instabilität geprägt: schräge Blickwinkel, bruchstückhafte Perspektiven und kaleidoskopische Abbilder in Spiegeln. Diese visuellen Strategien veranschaulichen nicht nur Verwirrung oder Desorientierung. Sie brechen vielmehr die Autorität eines singulären und stabilen Blickwinkels auf. Der Spiegel ist in diesem Zusammenhang mehr als nur ein Symbol für Selbstwahrnehmung oder Sterblichkeit: Er rückt das Sehen selbst als kontingenten und vermittelten Akt in den Vordergrund. Bilder vermehren und überlagern sich und widersetzen sich jeglicher Geschlossenheit, um anzuzeigen, dass Wahrnehmungen wie Erinnerungen stets im Fluss sind.

Diese Auseinandersetzung führt Hubbard in ihren kameralosen Arbeiten fort. In mehreren Sitzungen in der Dunkelkammer schufen sie und ihre Mutter Kontaktabzüge. Dazu cremten sie sich mit Vaseline ein, die beim anschließenden Entwicklungsprozess als chemische Barriere fungierte. Anschließend drückten sie ihre Körper direkt auf das Fotopapier. Die so entstandenen Arbeiten sind unmittelbare und lebensgroße Spuren physischer Präsenz. Sie übersetzen Berührung in Bild und lassen die Distanz zwischen Körper und Darstellung verschwimmen. Der Prozess selbst – bewusst, physisch anstrengend und beinahe choreografisch – rückt den Körper als Werkzeug der Einschreibung statt als Abzubildendes in den Vordergrund. Auf diese Weise wird Intimität nicht dargestellt, sondern materiell ins Werk gesetzt.

Der Titel „The Great Room” bezieht sich auf das größte und einst repräsentativste Zimmer der Wohnung. Seine frühere Pracht ist verblasst und seine Oberflächen sind vom Vergehen der Zeit und mangelnder Instandhaltung gezeichnet. Berger unterteilte das Zimmer mit einer provisorischen Wand in einen Schlafbereich und einen Raum, der ihr als Abstellkammer diente – ein Ort, an dem sich Gegenstände und ungelöste Angelegenheiten ansammelten. Die „Größe“ des Zimmers ist somit sowohl Erinnerung als auch Fiktion und verweist auf eine Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Schein und gelebter Wirklichkeit.

Dieses Motiv der Abtrennung taucht auch in der Ausstellung auf. Stellwände, an denen die Fotografien hängen, gliedern die Galerie in Anlehnung an den Grundriss der Wohnung. Die Architektur dient hier nicht nur der Präsentation der Werke, sondern setzt deren Logik fort. Entstanden ist so kein endgültiges Porträt, sondern eine veränderliche Konstellation: ein Haus, ein Leben und eine Beziehung im Wandel, die nur prekär durch Akte des Sehens, Berührens und Zusammenseins zusammengehalten werden.

Katherine Hubbard, geboren 1981 in Philadelphia (USA), lebt in Stone Ridge (NY, USA) und New York (USA). Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit dem Studio Voltaire in London entwickelt. Ein weiteres Kapitel wird dort vom 7. Oktober 2026 bis zum 10. Januar 2027 präsentiert. Im Rahmen dieser Kooperation haben die Partner:innen neue Werke der Künstlerin in Auftrag gegeben.

Katherine Hubbard
The Great Room
Kuratiert von Bettina Spörr
Bis zum 30.08.2026