23. Dezember 2020 - 9:11 / Ausstellung / Preise 
8. Dezember 2020 5. April 2021

Der Kapsch Contemporary Art Prize 2020/21 geht an den aus Portugal stammenden und seit 2010 in Wien lebenden Künstler Hugo Canoilas. Dem Preisträger wird mittels einer dreimonatigen Einzelausstellung im Mumok (Museum moderner Kunst) Wien sowie einer dazu erscheinenden Publikation ein Auftritt vor internationalem Publikum ermöglicht. Der Preis stellt eine Auszeichnung zur Förderung junger KünstlerInnen mit Lebensmittelpunkt in Österreich dar und wurde 2016 erstmals von der Kapsch Group gemeinsam mit dem Mumok ausgelobt. Canoilas ist somit der fünfte Preisträger.

Hugo Canoilas nutzt die Tradition und Geschichte der Malerei und Objektkunst, um sie in Verbindung mit installativen und performativen Strategien neu zu bestimmen und zu erweitern. Er nimmt dabei auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie die damit verknüpften philosophischen und kunsttheoretischen Diskurse Bezug. Die Ausgangslage bilden miteinander verzahnte Themen wie die Klimakatastrophe, die Umweltzerstörung, die Migration und die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, deren Virulenz durch Corona eine Art pandemischen Katalysator erhält. Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen und ihren Folgen findet der Künstler vor allem in jenen posthumanistischen Denkströmungen, die ein anthropozentrisch-hierarchisch erstarrtes Weltbild infrage stellen und einen einfühlsamen Umgang des Menschen mit der Natur und seiner kreatürlichen Umwelt einfordern.

In diesem Zusammenhang einer neuen emphatischen Weltsicht weist Canoilas der Malerei in seiner Ausstellung eine veränderte Form und Funktion zu: Er kippt sie in die Horizontale und legt sie als Bodenarbeit aus, die sich durchschreiten lässt. Über die gesamte Bodenfläche zieht sich auf textilem Grund ein malerisches Szenario ineinander verfließender Formen mit inselartigen Zentren. Das Blau des Grundes und die darauf gesetzten, urzeitlich anmutenden, quallenartigen und tentakulären Farbwesen aus Wolle und Glas erinnern an eine belebte maritime Landschaft von unabwägbarer Tiefe. In einer Zeit, die das social distancing zum neuen Überlebensprinzip erhoben hat, sieht man sich in eine unentrinnbare malerische Biosphäre einbezogen, in der Verführerisches und Bedrohliches, Organisches und Technoides zugleich aufscheinen. Denn der Blick von oben auf die Malerei darunter weckt auch Erinnerungen an digitale Landschaftsszenarien, die wie aus der Perspektive einer Drohne aufgenommen sind. Der hier offerierte Perspektivenwechsel kann auch metaphorisch als Abweichung und Distanznahme zu eingeübten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im Gesellschaftlichen begriffen werden, um anders und womöglich auch näher an die Dinge heranzukommen.

Die Ausstellung im Mumok ist auch der Auftrittsort für die von Elise Lammer und Julie Monot auf Einladung des Künstlers entwickelte Performance "Becoming Dog", in der das hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier in Frage gestellt und durch das Prinzip der Empathie in einem institutionellen Raum ersetzt wird. Darin nutzen Akteure, die als Hunde verkleidet sind, von Zeit zu Zeit die Malerei als ihre Bühne. Als Wesen, die gewöhnlich am Boden entlang schnüffeln, verkörpern sie die Absicht, den aufrechten Gang und den frontalen Blick als Maß aller Dinge zu relativieren. Menschliches und Tierisches erscheint hier wie in einer Travestie ineinander geblendet, um vorgebliche Gewissheiten über Identität und Einzigartigkeit zur Diskussion zu stellen.

Hugo Canoilas, geboren 1977 in Lissabon, lebt und arbeitet seit 2010 in Wien. Er studierte am ESAD (Escola Superior de Artes e Design) in Caldas da Rainha sowie am Royal College of Art in London. Ausstellungen (Auswahl): Museu do Chiado, Lissabon; Cooper Gallery, Dundee; Centro de Arte Contemporáneo de Huarte; Frankfurter Kunstverein; Kunsthalle Wien; De Appel, Amsterdam; Museu Calouste Gulbenkian, Lissabon; 30. Biennale von São Paulo; 4th Ural Industrial Biennial.

Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil
Kapsch Contemporary Art Prize 2020/2021
Kuratiert von Rainer Fuchs
Mumok Wien
8. Dezember bis 5. April 2021



  •  8. Dezember 2020 5. April 2021 /
Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas "Becoming Dog", 2020 Photo: Klaus Pichler © Hugo Canoilas, Julie Monot and Elise Lammer
Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas "Becoming Dog", 2020 Photo: Klaus Pichler © Hugo Canoilas, Julie Monot and Elise Lammer
Ausstellungsansicht, Hugo Canoilas "On the extremes of good and evil" Foto: Klaus Pichler © mumok / Klaus Pichler
Ausstellungsansicht, Hugo Canoilas "On the extremes of good and evil" Foto: Klaus Pichler © mumok / Klaus Pichler
© mumok / Klaus Pichler
© mumok / Klaus Pichler
Hugo Canoilas, Foto: Klaus Pichler ©mumok / Klaus Pichler
Hugo Canoilas, Foto: Klaus Pichler ©mumok / Klaus Pichler