Mo, 11.02.2019 / Kurt Bracharz / Znort
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Neulich lief wieder einmal Stanley Kubricks Film „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ aus dem Jahre 1964 im Fernsehen. Die Handlung ist schnell erzählt: Ein durchgedrehter amerikanischer Luftwaffengeneral schickt seine B-52-Bomberstaffel los, die Sowjetunion atomar zu bombardieren, bevor diese den von ihm erwarteten Erstschlag gegen Amerika führen kann. Der amerikanische Präsident tut alles, um einen Atomkrieg zu verhindern, er kooperiert mit den Russen, die jene Maschinen, die nicht zurückgerufen werden können, abschießen dürfen. Die Russen haben nämlich eine Weltuntergangsmaschine eingerichtet, die bei einem atomaren Angriff auf die Sowjetunion automatisch die gesamte Erdatmosphäre radioaktiv verseucht. Diese Maschine sollte eigentlich einen Atomkrieg verhindern, weil ja niemand ein Interesse daran haben kann, sie in Gang zu setzen. Aber nicht nur der irre General, auch die US-Administration wusste noch nichts von ihr, weil die Russen sie „erst auf dem nächsten Parteitag“ bekannt machen wollten. Es ist zu spät, am Ende des satirischen Films hat die einzige B-52, die wegen einer Beschädigung durch Kollision und wegen der Einsatzfreude der texanischen Besatzung weder von den Amerikanern mit dem Rückholcode erreicht noch von den Russen entdeckt werden konnte, ihre Bomben über einem sowjetischen Ersatzziel abgeworfen und damit die Weltuntergangsmaschine in Gang gesetzt.

Das Drehbuch zum Film beruhte auf einem Trivialroman ohne komische Elemente, „Red Alert“ von Peter George (1958), dem von den Drehbuch-Mitautoren Kubrick und Terry Southern so berühmte Szenen wie die des Texaners, der seinen Stetson schwingend mit der A-Bombe ins Ziel reitet wie Münchhausen auf der Kanonenkugel, hinzugefügt wurden.

Aber die Satire mit paranoiden Generälen im Pentagon, kühlen Rechnungen mit Megatoten in Herman Kahns „Thinking About the Unthinkable“ und einer russischen Doomsday Machine hatte durchaus reale Hintergründe. Als eine Planungsgruppe unter General Bernie Schriewer in den frühen 1950er Jahren den Air Force General und Commander des SAC (Strategic Air Command) Curtis LeMay fragte, welche Atombombengrößen er für seine B-52-Flotte haben wolle, antwortete dieser: „One bomb, for Russia.“ Eine solche Bombe für ganz Russland war zwar nicht machbar, aber LeMays „Strategie“ sah die totale Zerstörung der Sowjetunion mittels Atombomben vor. Über Moskau wollte er mindestens 80 Atombomben abwerfen, und über jeder Stadt mit mehr als 25.000 Einwohnern eine. Die chinesischen Städte sollten gleich mitbombardiert werden, um alles in einem Aufwaschen zu erledigen. Kahn rechnete mit 380 Millionen Toten und sprach von einem „wargasm“. Die letzte Entscheidung über einen Angriff sollte bei General LeMay liegen. Der damalige US-Präsident Eisenhower, selbst ein Weltkrieg-II-General, kümmerte sich nicht wirklich um diese Pläne, erst Kennedy und sein Verteidigungsminister Robert McNamara wurde auf das Risiko aufmerksam und verfügten eine sofortige Änderung der Strategie und der Zuständigkeiten. Im Film heißt der General, dessen Vorbild wohl Curtis LeMay war, passenderweise Jack D. Ripper.

Auch die Weltuntergangsmaschine war nicht nur von Romanautoren erfunden worden. Die Mortwaja ruka oder Sistema Perimetr bestand im Prinzip darin, dass bei einer Ausschaltung der militärischen Spitze relativ rangniedere Offiziere ohne Zustimmung höherer Chargen Atomwaffen einsetzen konnten. In der „New York Times“ behauptete 1993 William J. Broad laut Wikipedia: „Sollten nahegelegene Sensoren einen nuklearen Angriff auf Moskau melden und das System eine Unterbrechung der Fernmeldeverbindungen zu den höchsten Kommandostellen der Streitkräfte feststellen, würde das System [mittels] niederfrequenter Funksignale durch im Erdboden verlegte spezielle Antennen den Start spezieller Raketen auslösen. Nach dem Erreichen bestimmter Flughöhen sollten diese Flugkörper ihrerseits über strategischen Raketenkomplexen und anderen militärischen Anlagen Funksignale mit Angriffsbefehlen an strategische Atomraketen, Bomberverbände und über spezielle Funkrelais-Stationen an die strategische Atom-U-Bootflotte auf See abstrahlen.“

Das System ist angeblich immer noch im Betrieb. Wenn es wirklich existiert, dürfte es mittlerweile mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet sein. Die Weltuntergangsmaschine im Film war das auch schon, im Dialog ist von einem Computerkomplex zu ihrer Steuerung die Rede. Wenn man heute in ernst gemeinten Artikeln liest, dass automatisierte Waffensysteme bald durch K.I. nicht nur gesteuert und eingesetzt werden, sondern auch über ihre Ziele selbst entscheiden sollen, dann überkommt einen das Gefühl, Kubrick habe recht früh einen scharfen Blick auf unsere Zukunft gehabt.

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)