28. September 2020 - 0:27 / Ausstellung 
25. September 2020 21. Februar 2021

Mit der Ausstellung "Ladies First!" blickt die Neue Galerie Graz erstmals ausschließlich auf die weibliche Kunstproduktion in der Steiermark. Im Mittelpunkt stehen Werke und Biografien von rund 60 bekannten, aber auch weniger bekannten Künstlerinnen aus der Zeit von 1850 bis 1950. Es war die Generation der um 1850 Geborenen, für die es erstmals denkmöglich war, ihren Lebensunterhalt aus eigener künstlerischer Tätigkeit zu bestreiten. Für die folgenden Künstlerinnengenerationen wurden die emanzipatorischen Tendenzen bereits spürbar – so weit, bis sich nach 1950 die Bedingungen für Künstlerinnen fundamental gewandelt hatten.

"Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben?", fragte die US-amerikanische Kunsthistorikerin Linda Nochlin 1971 provozierend und legte damit die gesellschaftliche Benachteiligung von Frauen im Kunstsystem offen. Ihr Text war eine der Initialzündungen für eine feministische Kunstwissenschaft, die bis heute den weiblichen Anteil der Kunstproduktion in den Blick nimmt. Für Graz, die zweitgrößte Stadt Österreichs, und für die Steiermark gab es bislang keinen historischen Überblick über die bildenden Künstlerinnen der Region. Auch hier wurde das Schaffen der Frauen zu einem großen Teil unterdrückt, vergessen, an den Rand gedrängt. Und das, obwohl weibliche Schülerinnen an der sogenannten Landeszeichnungsakademie in Graz seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zugelassen waren und obwohl der örtliche Künstlerverein, die 1899 gegründete Vereinigung bildender Künstler Steiermarks, Frauen bald als Mitglieder aufnahm und ihnen Ausstellungsmöglichkeiten erschloss. Dieser großen Verdrängung will die Ausstellung entgegenwirken und die lokale Kunstgeschichtsschreibung korrigieren. In einer groß angelegten Bestandsaufnahme rückt sie das Werk und die Biografien von rund 60 Künstlerinnen ins Blickfeld und bringt sie ins Gedächtnis zurück.

Als Betrachtungszeitraum wurde die Zeit von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts gewählt. Es war die Generation der um 1850 Geborenen, für die es erstmals denkmöglich war, ihren Lebensunterhalt aus eigener künstlerischer Tätigkeit zu bestreiten. Für die nach 1880 Geborenen wurde bereits der Emanzipationsprozess wirksam, der Frauen in künstlerischen Berufen am Beginn und bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend öffentliche Anerkennung brachte. In der Zeit nach 1950 hatten sich die Bedingungen für Frauen, die Künstlerinnen sein wollten, bereits fundamental gewandelt.

Regional wurde in die "Steiermark" für den Zeitraum vor 1918 auch die heute slowenische Stajerska, die ehemalige Untersteiermark, als zum gleichen Kulturraum gehörend einbezogen. Über die unmittelbar in der Region tätigen Künstlerinnen hinaus schließt die Auswahl solche ein, die hier geboren sind, ihre Karrieren dann aber anderswo entwickelt haben. Zu ihnen gehört eine der aufregendsten Entdeckungen des Projektes: Marianne Stokes, geborene Preindlsberger, gelangte in der Nachfolge der Präraffaeliten in England zu Bekanntheit. Ihre Werke sind dort in großen Museen vertreten – in Österreich ist sie völlig vergessen.

Der Rundgang durch diese 100 Jahre Kunst von Frauen folgt im Wesentlichen der Chronologie. Die Werkauswahl richtet sich nach thematischen Kriterien, um die inhaltlichen Interessen und die bevorzugten Motivkreise zu verdeutlichen. Es zeigt sich nämlich, dass viele der Künstlerinnen zunächst Themen bevorzugten, die traditionell dem Weiblichen zugeschrieben waren: Blumen, Stillleben, Gärten, die häusliche Sphäre mit den in ihr lebenden Frauen, Porträts, manchmal Selbstporträts, Frauenakte und auch – oft intime – Landschaften. Die Bemühungen und Kämpfe, überhaupt als Künstlerin tätig sein zu können, ließen die Behandlung kontroversieller Themen und das Aufzeigen der gesellschaftlichen Benachteiligung in dieser ersten Phase nicht zu. Erst ab einem Zeitpunkt, da das weibliche Künstlertum einigermaßen akzeptiert war – in Österreich war das ab 1918 mit der Gründung der Ersten Republik und der Durchsetzung des allgemeinen Wahlrechts der Fall – griffen Künstlerinnen solche Themen vereinzelt auf. In der Steiermark war die Expressionistin Alwine Hotter diesbezüglich eine Vorreiterin. Später befasste sich beispielsweise Ida Maly, die dem "Euthanasieprogramm" des Nationalsozialismus so tragisch zum Opfer fiel, mit solchen Inhalten.

Formal entfalteten die Künstlerinnen ihr Werk vorwiegend auf der Basis des in ihrer Ausbildung Erlernten und innerhalb des vorherrschenden Zeitstils – wie das auch männliche Künstler tun. So ist Marie Egner, die vermutlich prominenteste Künstlerin der Ausstellung, eine der wesentlichen Vertreterinnen des österreichischen Stimmungsimpressionismus.

Sozialhistorisch betrachtet entstammten die Künstlerinnen des 19. und früheren 20. Jahrhunderts auch in der Steiermark meist aus adeligen oder gutbürgerlichen Familien. Etliche kamen aus Offiziersfamilien, oft waren auch nahe Verwandte bzw. die Eltern künstlerisch tätig. Frauen aus einfachen Verhältnissen, denen eine künstlerische Karriere gelang, bilden für den hier in den Blick genommenen Zeitraum die Ausnahme. Auffällig ist auch, dass viele der Künstlerinnen unverheiratet blieben oder wenn sie heirateten, keine Kinder bekamen – sie hatten also die Wahl zwischen Beruf und Familie zu treffen.

Die Ausstellung kann Vollständigkeit nicht für sich beanspruchen – weder bei den gezeigten Positionen noch bei der Erforschung der Œuvres und Biografien. Sie möchte mit dieser Zusammenschau einen ersten Überblick über das Schaffen der steirischen Künstlerinnen bieten und das interessierte Publikum wie auch Forscher_innen zur weiterführenden Auseinandersetzung einladen.

Ladies First!
Künstlerinnen in und aus der Steiermark 1850–1950
25. September 2020 bis 21. Februar 2021
Kuratiert von Gudrun Danzer und Günther Holler-Schuster

Neue Galerie Graz
Joanneumsviertel, Zugang Kalchberggasse
A - 8010 Graz

W: http://www.neuegalerie.at/

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  •  25. September 2020 21. Februar 2021 /
Stephanie Glax, "Selbstporträt", ca. 1908,  Bleistift und Kreide, 47,9 x 37,1 cm, Privatsammlung Ljubljana, Foto: Bojan Salaj
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Emmy Paungarten, "Selbstporträt als Halbakt", 1912,  Öl auf Leinwand, 63 x 53 cm, artandtrade – Peter Znidaric, Graz
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Grete Paunovic-Zahrastnik, "Die Mutter der Künstlerin", 1930er-Jahre,  S/W-Fotografie, 16,5 x 20,5 cm, Germinal Civikov
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Friederike Koch-Langentreu, "Holländische Mädchen am Strand", 1911,  Öl auf Leinwand, 76 x 96,5 cm, Neue Galerie Graz, Foto: Universalmuseum Joanneum/N. Lackner
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