Julian Prégardien und Kristian Bezuidenhout. Eine Sternstunde bei der Schubertiade in Hohenems

Noch nie so gehört und eindrücklich erlebt, den Schubert´schen Liederzyklus „Die schöne Müllerin“: Julian Prégardien, einzigartig in Diktion und lyrisch-dramatischer Gestik, wird von Kristian Beziudenhout an einem historisch-authentischen Hammerflügel begleitet. Klavier und Stimme verschmelzen dabei zur Vollkommenheit und erzählen tiefgründig die tragische Geschichte des verliebten Müllerburschen. Der Markus Sittikus-Saal in Hohenems ist mit Akustik sowie Atmosphäre ein perfektes Ambiente für den hochkarätigen Liederabend und bietet auch für das Auge mit dem Hammerflügel und der Gewandung des Sängers ein farblich abgestimmtes Bild.

In zwanzig Liedern breitet Franz Schubert die Geschichte (Gedichte von Wilhelm Müller, 1821 erschienen) eines sensiblen jungen Mannes aus, der an enttäuschter Liebe zu Grunde geht. Typisch romantisch: Der Müllergeselle ist auf Wanderschaft und folgt dem Lauf eines Baches, der ihn zu einer Mühle führt. Dort verliebt er sich in die Tochter seines neuen Meisters. Zwar scheint sie ihm zunächst gewogen und wendet sich dann doch einem Jäger zu. Zum unglücklichen Ende erklingt „Des Baches Wiegenlied“, in ihm ruht der Müllergesell wie in einem Totenbett.

Julian Prégardien und Kristian Beziudenhout sind ein kongeniales Duo. Nachdem sie das Werk in den vergangenen Spielzeiten an Orten wie dem Amsterdamer Concertgebouw, in Berlin oder in Madrid aufgeführt haben, kamen sie in diesem Frühsommer neuerlich für eine Konzertreihe zusammen, die passenderweise bei der Schubertiade startet und in der Elbphilharmonie in Hamburg, der Kölner Philharmonie und in Stuttgart weiter geht. Große Anerkennung erlangte die 2024 bei Harmonia Mundi erscheinende CD-Einspielung von Schuberts Meisterwerk, und wurde insbesondere für ihre historisch fundierte Spontaneität, emotionale Tiefe und einzigartige Chemie zwischen den beiden Künstlern gelobt. „Hier hört man neben impulsiver Unbedingtheit auch Geisterklänge, zarteste Details, atemberaubende Filigranarbeit“, so die Frankfurter Rundschau in der Rezension.

Mit ihrer Neudeutung gestalten die beiden den zutiefst schmerzlichen Zyklus von Liebe, Leid und Tod mit fundierten Kenntnissen der Aufführungspraxis um 1825 in der originalen Klangwelt von Schubert durch das Hammerklavier. Und auch Prégardien arbeitet mit von ihm selbst entwickelten Verzierungen ganz neue Facetten heraus und schafft so eine Interpretation von nie da gewesener Intensität – feinstes Piano, betörend zart, kräftige emotionale Ausbrüche. Julian Prégardien (geb. 1984) ist vor allem als Franz Schubert-Spezialist, aber ebenso als Opern- und Oratoriensänger hervorgetreten. Doch ist er auch der Sohn des weltbekannten lyrischen Tenors Christoph Prégardien, mit dem er regelmäßig gemeinsame Liederabende bestreitet. Als lyrischer Tenor hat Julian Prégardien mit dem Vater (seine Aufnahmen der Schubert’schen Liederzyklen sind legendär) nicht nur die Stimmlage und das zartschmelzende Timbre gemein, beide hegen eine Leidenschaft für das Kunstlied.

Kristian Bezuidenhout ist ein weltweit führender australischer Fortepianospieler, Cembalist und Pianist südafrikanischer Herkunft, lebt in London, und gilt als einer der bedeutendsten Musiker für historische Aufführungspraxis. International berühmt ist er durch seine Pionierarbeit auf historischen Tasteninstrumenten – insbesondere für seine Interpretationen von Werken Mozarts, Beethovens und Schuberts. Er leitet als spielender Dirigent renommierte Ensembles wie das Freiburger Barockorchester und The English Concert.

Jede und jeder im Markus-Sittikus-Saal spürte, hörte, wie außergewöhnlich die Darbietung dieser beiden begnadeten Musiker war. Standing Ovations!

Schubertiade in Hohenems
Franz Schubert | Die schöne Müllerin D 795
Julian Prégardien, Tenor
Kristian Bezuidenhout, Hammerklavier