Judith Fegerl – Energie als kulturelles, materielles und politisches Phänomen

Das OK Linz widmet der österreichischen Künstlerin Judith Fegerl mit der Ausstellung "calorie" eine umfassende Einzelschau. In dieser stellt sie Energie als kulturelles, materielles und politisches Phänomen in den Mittelpunkt.

In einer Zeit, in der Energie zu einer zentralen Währung gesellschaftlicher Organisation geworden ist, untersucht Fegerl, wie Wärme, Strom und Arbeit unsere Körper, Räume und Beziehungen strukturieren. Ihre künstlerische Praxis operiert an den Schnittstellen von Technik, Ökologie und Politik – präzise, widerständig und mit einer Sensibilität für die materiellen Bedingungen des Sichtbaren.

Judith Fegerls Werk setzt dort an, wo Energie zu Form wird und Form zu Macht. Ihre Skulpturen, Installationen und architektonischen Eingriffe legen jene unsichtbaren Infrastrukturen offen, die Wärme, Arbeit, Aufmerksamkeit und Kontrolle verteilen. In ihrer Praxis verdichten sich Fragen nach Körper und Material, Technik und Institution, Autonomie und Fürsorge. Oft sind Fegerls Arbeiten keine Objekte im klassischen Sinne, sondern energetische Systeme, die leiten, speichern, unterbrechen oder überhitzen. Im Zentrum steht das Interesse an der Zirkulation von Energie als kulturellem, materiellem und politischem Phänomen. Kupfer, Stahl, Lehm, Latex oder Wolle erscheinen bei ihr nicht als passive Materialien, sondern als aktive Agenten in Prozessen der Umwandlung und Regulierung. Fegerl analysiert ihre Funktionsweisen und kippt sie zugleich. Sie überführt das Technische ins Körperliche, das Funktionale ins Poetische und das Rationale ins Affektive. Leitungen führen ins Leere, Maschinen stricken ohne ersichtlichen Zweck und Wärmebilder verrücken die Ordnung des Wissens. Ihre künstlerische Methode ist eine der Umkehrung: Aus dem System wird ein Körper, aus Kontrolle eine Spur, aus Infrastruktur eine Geste.

Die eigens für das OK Linz entwickelte Installation „calorie” bildet den energetischen und institutionellen Fokus dieser Ausstellung. Indem Fegerl in die Infrastruktur des Heizsystems eingreift und ein eigenes thermisches Netzwerk installiert, verschiebt sie die Auseinandersetzung mit Energie ins Politische. Temperatur wird zur Regulierungsmacht, Wärme zur sozialen Währung. Wer Wärme verteilt, strukturiert Präsenz. „Calorie” macht diese Dynamiken sichtbar – als räumliche, körperliche und institutionelle Choreografie von Energieflüssen. In diesem Rahmen erscheinen auch Fegerls frühere Arbeiten – von den elektrischen „Haut“-Zeichnungen über die magnetischen Küchenmodule bis zur autonomen Strickmaschine – als Teil eines erweiterten energetischen Denkens. Sie verhandeln Reproduktion, Fürsorge und Kontrolle als miteinander verflochtene Kategorien. Energie bedeutet hier nicht nur Strom, sondern auch Aufmerksamkeit, Pflege und Nähe. Fegerls Werk denkt Materialität neu: nicht als Substanz, sondern als Relation. Seine Arbeiten reagieren, zirkulieren und widerstehen. Sie öffnen den Blick auf jene Zonen, in denen Technik und Körper ununterscheidbar werden und sich Macht und Empfindsamkeit überlagern. „Calorie” ist in diesem Sinne kein Titel, sondern eine Einladung, Energie nicht nur als technische, sondern auch als soziale, materielle und emotionale Kraft zu verstehen, die transformiert, verbindet und bewegt.

Judith Fegerl
Calorie
Bis 22. Februar 2026