John Akomfrahs (* 1957 in Accra, Ghana) raumgreifende Filminstallation „The Unfinished Conversation“ (2012) ist eine berührende Hommage an den einflussreichen jamaikanisch-britischen Kulturtheoretiker und Soziologen Stuart Hall (1932 in Kingston, Jamaika – 2014 in London, Großbritannien). Halls undogmatisches Denken über Rassismus, Klasse und Identität ist bis heute wegweisend. Im Zentrum von Akomfrahs vielschichtiger, audiovisueller Montage steht die Überzeugung seines Mentors und Freundes, dass Identität und Zugehörigkeit keine statischen, unveränderlichen Gegebenheiten sind, die sich auf einen ethnischen Ursprung reduzieren lassen und einmal festgeschrieben für immer unveränderlich bestehen bleiben. Sie sind vielmehr wandelbar und werden im Prozess des individuellen Aushandelns durch kulturelle, soziale, politische und historische Einflüsse konstruiert. „Identität ist ein nie abgeschlossener Prozess des Werdens (…),“ (Hall) und damit Teil eines fortlaufenden, „unvollendeten Gesprächs“.
In „The Unfinished Conversation“ (45 Min.) geht der in Ghana geborene britische Künstler John Akomfrah der komplexen Verfasstheit von Identität nach. Er kombiniert Archivmaterial über Stuart Halls Leben und Denken mit einer Vielzahl von Referenzen. Akomfrah entfaltet auf drei Leinwänden eine virtuose Choreografie aus Rundfunk- und Fernsehbeiträgen des Soziologen bei der BBC, die er mit eigenen filmischen Aufnahmen sowie mit damals stattfindenden politischen Ereignissen in Großbritannien und der Weltgeschichte zu einer opulenten Filmcollage verwebt. In „The Unfinished Conversation“ trifft Archivmaterial, in dem Stuart Hall über gesellschaftliche Diskriminierung, Identität und Migration sowie seine eigenen Lebenserfahrungen spricht, auf Bilder der Suezkrise, der sowjetischen Invasion in Ungarn, von Kampagnen für nukleare Abrüstung oder von Kelso Cochrane. Diese werden durch Jazzmusik und Zitate aus der englischen Literatur von William Blake, Charles Dickens, Virginia Woolf oder Mervyn Peake zu neuen Erzählsträngen verdichtet.
Stuart Hall war in den späten 1960er- und 1970er-Jahren die einzige nichtweiße Person im britischen Fernsehen, die über politische und (pop)kulturelle Themen reflektierte. „Ich hörte ihn damals im Fernsehen darüber reden, was es bedeutet, in einer Gesellschaft anders zu sein”, so John Akomfrah. Seine mediale Präsenz bescherte Hall im Umfeld der Heranwachsenden aus der britischen BiPOC-Community (BiPOC steht für Schwarze, Indigene und People of Color) einen Kultstatus und bot den jungen Menschen ungeahnte Möglichkeiten, über ihre eigene Identitätsbestimmung nachzudenken. „Stuart Hall war für uns eine Art Rockstar, eine Pop-Ikone mit Verstand”, so Akomfrah.
„The Unfinished Conversation“ ist keine lineare Dokumentation über Stuart Hall. Vielmehr nutzt Akomfrah die Möglichkeiten der filmischen Montage und Dreifachprojektion, um durch die dialogische Gegenüberstellung von unterschiedlichem audiovisuellem Material eine offene Erzählstruktur zu erzeugen. In seinen BBC-Beiträgen spricht Stuart Hall über seine Kindheitserinnerungen in Jamaika, das damals eine britische Kolonie war, und seine Ankunft im Vereinigten Königreich im Jahr 1951 sowie die prägenden Jahre in England von den frühen 1950er- bis in die 1960er-Jahre. Dabei spielen Fragen der Identität und Zugehörigkeit von Beginn an eine Rolle für Hall – als das Familienmitglied mit der dunkelsten Hautfarbe einer portugiesisch-jüdisch-afrikanisch-englischen Familie. Auch als er zum Studium an die Eliteuniversität Oxford kommt, kann er sich aufgrund seiner karibischen Herkunft und seiner Hautfarbe nie wirklich zugehörig fühlen. Hall wurde zu einer der zentralen Persönlichkeiten der Neuen Linken in Großbritannien und leitete als Mitbegründer der britischen Cultural Studies von 1968 bis 1979 das Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham.
Halls eigene Biografie ist beispielhaft für seine Auffassung von Identität als etwas, das einem stetigen Wandel unterliegt. Diese Unabgeschlossenheit findet ihre Entsprechung in der Filminstallation: Akomfrahs multiperspektivisch angelegte Montage lädt das Publikum ein, sich aktiv in das fortlaufende Gespräch einzubringen und über die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere betrachten, nachzudenken.
John Akomfrah ist Mitbegründer des einflussreichen Londoner Black Audio Film Collective (BAFC) und wurde durch seine komplexen Montagen von Bild- und Audiospur international bekannt. In seinen Arbeiten untersucht er aus verschiedenen Perspektiven Themen wie Migration, Identität, Postkolonialismus und Ökologie, zuletzt in seiner großen Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.
Frankfurt (2023) oder seine monumentale Installation Listening All Night to the Rain für den Britischen Pavillon bei der Biennale in Venedig (2024). „The Unfinished Conversation“ (2012) wurde in zahlreichen internationalen Ausstellungen präsentiert und befindet sich unter anderem in der Sammlung der Tate Britain in London und des MoMA in New York.
John Akomfrah. The Unfinished Conversation
25. Juli bis 2. November 2025