Mit „Camuflajes” präsentieren die beiden Künstler ein gemeinsames Projekt an der Schnittstelle von Malerei und Literatur.
Ausgangspunkt ist das Motiv der Tarnung als Sinnbild einer Welt, in der Sichtbarkeit und Verbergen, Sprache und Bild sowie Krieg und Wahrnehmung ineinandergreifen. In einer Zeit globaler Konflikte verweben Zechner und Serrano visuelle und poetische Ausdrucksformen zu einer Installation, die sich als begehbares Gedicht verstehen lässt.
Wie unterscheidet sich ein linkshändiges von einem rechtshändigen U? Wie weiß man, ob man Schriftsteller oder Maler werden bzw. sein soll? Haben Worte und Pinselstriche etwas gemeinsam?
„Sprachspiele” (Wittgenstein) sind es, die das Sprechen strukturieren. In Analogie dazu sind es „Malereispiele“, die die Mannigfaltigkeit der malerischen Möglichkeiten beschreiben. Es sind zwei Systeme, die sich gegenüberstehen, ergänzen, bekämpfen oder miteinander zu spielen scheinen: Malerei und Literatur.
Das zeigen auch Johanes Zechner und Pedro Serrano mit ihrem Projekt „Camuflajes“ – ein engagiertes Zusammenspiel eines bildenden Künstlers und eines Literaten. Über mehrere Jahre hinweg haben der in Graz lebende Maler Zechner und der in Mexiko-Stadt lebende Schriftsteller Serrano eine Distanz-Kollaboration entwickelt, die sich „fragend einer Welt zuwendet, in der Lebensräume als Kriegsschauplätze missbraucht werden und die Anzahl der Drohnen mehr interessiert als das Singen der Vögel“ (Zechner).
Seit Februar 2022 (Ukraine) und Oktober 2023 (Gaza) steht die Welt unter dem Eindruck zweier kaum für möglich gehaltener Kriege. Aktuell gibt es jedoch über 50 bewaffnete Konflikte bzw. Kriege, mit denen sich die Welt auseinandersetzen muss – so viele wie nie zuvor. Mit Krieg verbindet man unweigerlich auch das Bild der Camouflage. Camouflage bzw. Tarnung ist eigentlich der Ausdruck der Verbindung von Lebewesen mit ihrer Umwelt und kann als Überlebenstechnik verstanden werden. Im militärischen Kontext schützt sie Waffen und Soldaten, die dadurch aus dem Verborgenen heraus effizient agieren und ihr Gegenüber täuschen können. Zechner verwendet in seinen Arbeiten unterschiedliche Camouflage-Stoffe und -Kleidungsstücke. Wie Reste aus tragischen Zusammenhängen – abgelegt, verloren und wieder aufgegriffen, umcodiert und in ihrer neuen Funktion unbestimmt – verlieren diese Muster nichts von ihrem Schrecken, auch wenn sie längst Teil der Modewelt geworden sind. Zechner kombiniert sie mit auseinandergenommenen Schachteln – Tablettenschachteln, Verpackungen für Lebensmittel, Büromaterial etc. Dabei werden diese Schachteln ihrer Dreidimensionalität beraubt und zu flachen Bildträgern. Außerdem collagiert Zechner Stoffe und verschiedene andere Materialien auf Leinwände, die er zusätzlich bemalt.
Johannes Zechner hat nicht nur die Lyrik seines langjährigen Freundes Pedro Serrano in diese Ausstellung integriert. Serrano schrieb etwa 50 Gedichte für dieses Projekt. In diese Gedichte fließen die Erfahrung mit Gewalt im eigenen Land sowie die Reaktion auf Zechners Visualität ein, aber auch die Tatsache des Krieges.
Beide Künstler sind sich einig, dass weder Malerei noch Dichtung die Welt verändern werden, sehr wohl aber ihre Leserinnen und Betrachterinnen. Die Kunst verlangt den Betrachtenden eine Haltung ab, durch die sie „fühlend Wertigkeiten von allgemeiner Relevanz erahnen und damit die Voraussetzung für eine kreative Neuorientierung schaffen” (Serrano).
Die Ausstellung „Camuflajes” lässt sich als begehbares Gedicht erleben und ist völlig neu entstanden. Jedes Detail ist auf den Gesamtkontext abgestimmt. Serrano und Zechner haben einen inhaltlichen Parcours geschaffen, der sich sowohl als eine einzige Installation als auch als Summe von Einzelwerken lesen lässt. Das flexible, leichte Material des Papiers, der Collagen und der Mobiles erzeugt den Eindruck einer Poesiemaschine. Der exotische Vogel bzw. der Papagei zieht sich durch die gesamte Ausstellung. Er ist sowohl Bote zwischen den Kulturen als auch das Alter Ego der Künstler.
In dieser Ausstellung fließen Erinnerungsebenen – nahe, fern, damals, heute – ineinander. Dadurch wird der ursprüngliche, sehr konkrete Kontext – die aktuellen Kriege in der Ukraine und in Gaza – auf einmal viel größer und allgemeiner wahrgenommen.
Camuflajes. Zechner & Serrano
Bis 22. März 2026
Kuratiert von Günther Holler-Schuster