12. Dezember 2019 - 5:19 / Ausstellung / Fotografie 
25. Oktober 2019 5. Januar 2020

Vielleicht das Erste, was man bei Joanna Piotrowskas Bildern wahrnimmt, ist, dass sie ein Gefühl des Unbehagens hervorrufen. Und das, obwohl ihre Schwarz-Weiss-Fotografien, 16-mm-Filme und Zweikanal-Videoprojektion auf eine nüchterne Weise elegant, fast klassisch wirken.

Sie zeigen leere Tiergehege (keine Kreatur zu sehen), einen einzelnen Finger, der auf irgendeine Körperstelle zeigt (und zwar auf eine verletzliche Stelle), zwei Männer in ihrer Unterwäsche (auf dem Boden ihres Elternhauses liegend) oder einen ausgestreckten Arm, der ein metallisches Objekt mit rätselhaftem Zweck präsentiert oder damit spielt (Ein Spielzeug? Eine Waffe? Ein Foltergerät?). Ob in Form von Fotografie oder bewegten Bildern, jede einzelne von Piotrowskas Arbeiten vermittelt ein Gefühl unergründlicher Eigenartigkeit. Und zusammen gezeigt, wächst das von ihnen ausgehende, unbehagliche Gefühl nicht nur kumulativ, sondern exponentiell an.

In ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz, die zugleich auch die bisher umfassendste Präsentation ihrer Arbeit ist, zeigt die in Polen geborene Londoner Künstlerin eine Auswahl ganz neuer und bereits bestehender Arbeiten. Mit ihren sehr unterschiedlichen Formaten und spezifischen Thematiken wirken sie etwas zufällig in ihrer Zusammenstellung, was ihnen jedoch allen zu Grunde liegt, ist die Erforschung des alltäglichen Dramas zwischenmenschlicher Beziehungen – ein zentrales, langjähriges Interessensgebiet von Piotrowska. Die Arbeiten dokumentieren einfache Gesten der Fürsorge, des Selbstschutzes oder der Kontrolle, aber sie tun es auf eine Art, die eigenartig eindringlich und psychologisch aufgeladen ist. Obwohl es nicht passend erscheint, ihre Arbeiten als Dokumentationen von Performances zu beschreiben (insofern sich dies auf öffentliche Aktivitäten bezieht, die möglicherweise zu Dokumenten führen, die dann auch nur Spuren des Geschehenen wiedergeben), so spielt bei den meisten Werken doch ohne Zweifel eine Art von Performance eine zentrale Rolle. Denn anders als bei Fotografinnen und Fotografen, welche die Welt «so, wie sie ist» abbilden, oder so wie sie sie sehen, setzt Piotrowska absichtlich zwischenmenschliche Situationen in Gang, die sie dann mit ihrer Kamera einfängt – im Versuch menschliches Verhalten, soziale Normen und die Regeln, die unser Zusammenleben bestimmen, zu verstehen. Die Konzeption, die Auswahl der Beteiligten und das Orchestrieren dieser Situationen sind ebenso wesentlicher Bestandteil ihrer Kunst wie das präzise Zuschneiden der Bildausschnitte oder die sorgfältige Herstellung eines jeden Silbergelatine-Abzugs.

Zu ihren Fotografien zählen solche, die leere Zoogehege dokumentieren: Von Menschenhand geschaffene Räume, die ausschliesslich zum Einsperren und Beherrschen von Tieren dienen. Piotrowska fotografiert diese leerstehenden Strukturen und macht Aufnahmen, deren Leere gespenstisch wirkt. Man erkennt, dass die Gehege sowohl als geschützte Lebensräume als auch als Orte der Gefangenschaft fungieren und sie oft unserer eigenen häuslichen Architektur nachempfunden sind (mit Ess-, Schlaf- und Spielbereichen, von denen keiner in der Natur derart definiert ist). Indem Piotrowska ihren Kamerablick genau darauf richtet, schafft sie mit vollem Bewusstsein Bilder, die mehr von menschlichen Privilegien, Kontrolle, Begierden und Ängsten zeugen und sich in Wirklichkeit weniger auf etwas Tierisches beziehen.

Auf ähnliche Weise konzentriert sich eine weitere fotografische Werkgruppe und einer der zwei in der Ausstellung zu sehenden 16-mm-Filme auf die Darstellung und Auseinandersetzung mit scheinbar obskuren, rätselhaften Objekten. Herausgelöst aus ihrem Kontext könnte man sie für Geräte für den menschlichen Gebrauch halten, ob zur medizinischen Versorgung oder zum sexuellen Vergnügen. Allerdings sind es Abbildungen von Gerätschaften zum Spielen, zum Füttern und zum Treiben von Tieren sowie anderem Tierzubehör, die entweder Tiere in Gefangenschaft beschäftigen sollen oder dazu dienen, sie mit genügend Abstand festzuhalten, um sie zu versorgen. Diese Bilder erzählen, genauso wie die Fotografien von leeren Zoogehegen, vom Begehren, Tiere zu domestizieren, während die Vorstellung von deren Bedürfnissen menschlichen Konzepten folgt. Diese Thematik findet sich in den farbigen, hölzernen Spindeln wieder, die im Ausstellungsraum verteilt sowohl an Treppengeländer als auch an Gitterstäbe von Käfigen erinnern. Sie sind mit unterschiedlicher Lebensmittelfarbe eingefärbt, wie sie auch für das Kauspielzeug von Tieren verwendet wird (sie verleiht Kauspielzeug eine bunte Färbung, welche Menschen ansprechend finden, ohne dass sie für Tiere schädlich ist), was erneut Mensch und Tier in einem zwiespältigen Verhältnis zusammenbringt.

Diese neuen Arbeiten werden neben älteren Fotografien gezeigt, von denen eine, Frowst I (dt. Mief I) von 2013–2014, auf den Theorien des deutschen Psychoanalytikers Bert Hellinger (1925–2019) basiert, dessen Methode der räumlichen Familienaufstellung davon ausgeht, systemische Beziehungsverhältnisse aufzeigen zu können. Inspiriert von dieser therapeutischen Methode fotografierte Piotrowska die Interaktion zwischen Verwandten in der Umgebung, in der sie aufgewachsen sind. Das trifft auch auf die zwei Brüder zu, die sich so seltsam in Frowst I räkeln. Das Ergebnis, wie so viele andere Aufnahmen in der Ausstellung, verleiht sonst nicht sichtbaren sozialen Spannungen Gestalt.

Einige Fotografien zeigen Piotrowskas langjähriges Unterfangen, heranwachsende Mädchen bei der Ausführung von Selbstverteidigungsbewegungen zu porträtieren, welches von einer Studie aus den 1980er Jahren zur Psychologie und Entwicklung von Frauen beeinflusst ist. Die Aufnahmen von pubertierenden Jugendlichen zeigen diese Bewegungsabläufe isoliert und erstarrt, wodurch sie mysteriös und irgendwie zweideutig erscheinen, obwohl sie eigentlich Gesten der Verteidigung oder der Aggression wiedergeben. Dieses Ineinandergreifen von Intimität und Unbehagen lädt die Arbeiten auf eine unergründliche Art emotional auf. Inhaltlich verwandt mit ihnen sind einige Nahaufnahmen in der Ausstellung, auf denen eine Hand auf eine spezifische Stelle am menschlichen Körper zeigt. Bei der genaueren Betrachtung dieser Bilder wird deutlich, dass in jedem auf eine lebenswichtige, äusserst empfindliche Stelle des menschlichen Körpers gedeutet wird, verantwortlich für Leben und Tod. Beim Lernen von Selbstverteidigung stehen gerade diese Zonen häufig im Mittelpunkt, da sie am meisten geschützt werden müssen und gleichzeitig die effizientesten Angriffspunkte sind. Kurzum, es sind die massgeblichen Orte physischer Verwundbarkeit für den Menschen.

Im zweiten Ausstellungsraum zeigt eine schwarz-weisse, auf zwei Kanälen gezeigte Videoarbeit eine Gruppe von Menschen in einem öffentlichen Park. Sie führen eine Reihe einfacher Aktionen aus, deren Logik rätselhaft erscheint. Den Anstoss für diese Handlungen liefert ein traditionelles Spiel (dessen englischer Name dem Video zu seinem Titel verhalf, Little Sunshine), in dem diejenige Spielerin oder derjenige Spieler gewinnt, welche oder welcher die anderen Teilnehmenden zum Schmunzeln oder Lachen bringt. Indem Kinder durch Spiele an Kompetenzen wie Teamfähigkeit, Umgang mit Wettbewerbssituationen und das Einhalten von Regeln herangeführt werden, sollen sie alltägliches Sozialverhalten lernen. Dieses spezifische Spiel jedoch, das die Künstlerin bei ihrer Recherche über Spiele und auf welche Art und Weise sie Teil einer funktionierenden Gesellschaft sind, entdeckte, fordert von den Spielenden durch die Preisgabe ihrer emotionalen Fassung, soziale Normen zu durchbrechen.

In ihrem gesamten Werk, und wie in dieser Ausstellung so überzeugend veranschaulicht, setzt die Künstlerin unterschiedlichste Mittel ein, um das menschliche Selbst zu begreifen – sowohl in psychophysischen, zwischenmenschlichen Beziehungen als auch im individuellen, materiellen Körper, wobei letzterer als Schauplatz für persönliche Lebensgeschichten und soziale Dynamiken dient. Gesten der Fürsorge und des Schutzes stehen einem Gefühl der Bedrohung, Gewalt und des Kontrolliert-Sein gegenüber – festgehalten durch den aufmerksamen Blick der Kamera. Und wenn in der Ausstellung leere Tierkäfige menschliches Verhalten reflektieren, so wird das durch die Doppeldeutigkeit des Ausstellungstitels Stable Vices (dt. Stall-Laster bzw. Verhaltensstörung durch Stallhaltung) erst recht betont. In der Welt der Tiere bezeichnet der Begriff unerwünschte Angewohnheiten, die insbesondere Pferde häufig bei der Stallhaltung entwickeln. Ausserhalb dieses Kontextes könnte der Titel der Ausstellung jedoch auch in einem anderen Sinne gelesen werden: als Hinweis auf beharrliche oder gewohnheitsmässige menschliche Laster. Piotrowska zeigt mit dem Finger – fast so, als wären das unsere eigenen sensiblen Stellen – auf Hierarchien, die wir als Gesellschaft zwischen Mensch und Tier, zwischen dem Selbst und dem Anderen, Familienmitglied und Aussenstehenden sowie Opfer und Täter implementieren. Piotrowskas Werk ist angetrieben von einer fesselnden investigativen Studie über Verhaltensweisen und Beziehungen, was zu Darstellungen vom Menschen führt, ohne Porträts im konventionellen Sinn zu schaffen.

Joanna Piotrowska wurde 1985 in Warschau geboren; sie lebt und arbeitet in London.

Joanna Piotrowska - "Stable Vices"
25. Oktober 2019 bis 5. Jänner 2020

Kunsthalle Basel
Steinenberg 7
CH - 4051 Basel

T: 0041 (0)61 20699-00
F: 0041 (0)61 20699-19
E: info@kunsthallebasel.ch
W: http://www.kunsthallebasel.ch/

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  •  25. Oktober 2019 5. Januar 2020 /
Joanna Piotrowska, Animal Grabber, 2019. Courtesy die Künstlerin; Dawid Radziszewski, Warschau; und Southard Reid, London / Courtesy of the artist; Dawid Radziszewski, Warsaw; and Southard Reid, London
Joanna Piotrowska, Animal Grabber, 2019. Courtesy die Künstlerin; Dawid Radziszewski, Warschau; und Southard Reid, London / Courtesy of the artist; Dawid Radziszewski, Warsaw; and Southard Reid, London
Joanna Piotrowska, Enclosure XXVIII, 2019.
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Joanna Piotrowska, Enclosure XXX, 2019.
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Joanna Piotrowska, Standbild, Little Sunshine, 2019.
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Joanna Piotrowska, Standbild, Little Sunshine, 2019.
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Joanna Piotrowska, Mouse Teeter, 2019. Courtesy die Künstlerin; Dawid Radziszewski, Warschau; und Southard Reid, London / Courtesy of the artist; Dawid Radziszewski, Warsaw; and Southard Reid, London
Joanna Piotrowska, Mouse Teeter, 2019. Courtesy die Künstlerin; Dawid Radziszewski, Warschau; und Southard Reid, London / Courtesy of the artist; Dawid Radziszewski, Warsaw; and Southard Reid, London
Joanna Piotrowska, Untitled, 2014.
Joanna Piotrowska, Untitled, 2014.
Joanna Piotrowska, Untitled, 2019.
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Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Little Sunshine, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Little Sunshine, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Untitled, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Untitled, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Untitled, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019, Blick auf, Untitled, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel
Joanna Piotrowska, Installationsansicht, Stable Vices, Kunsthalle Basel, 2019. Foto: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel