JJJJJerome Ellis – Ein unvollendeter Kalender zum Gedenken an Sklaven, die ihren Sklavenhaltern entflohen sind, 1673–1886

JJJJJerome Ellis ist grenadisch-jamaikanisch-amerikanischer Herkunft und beschäftigt sich mit multimedialer Kunst, Musik, Komposition, Dichtung und Performance.

In seiner künstlerischen Praxis erforscht er die Berührungspunkte zwischen Blackness, Musik, Spiritualität und nichtnormativer Sprache und schafft so Räume für Heilung und Gemeinschaft. Für die Ausstellung im Grafischen Kabinett der Secession in Wien hat Ellis die Wände mit einem Kalender bedeckt, der sich mit einem Blatt für jeden Tag und jeden Monat über die gesamte Dauer der Ausstellung erstreckt. Mit Kohlestift ausgeführte Listen, die mit in Ölpastell gezeichneten Blumen versehen sind, halten die Namen von Menschen fest, die sich im 17., 18. und 19. Jahrhundert aus der Versklavung befreiten, zusammen mit den Daten und Orten ihrer Flucht. Im Raum ist eine Tonaufnahme zu hören, in der Ellis die Installation beschreibt und die Namen vorliest, die jeweils einem Tag zugeordnet sind. Da der Ausstellungsraum im ersten Obergeschoss nicht mit dem Aufzug erreichbar ist, liegen Kopien der Seiten bereit, sodass Besucher:innen diese berühren und aus der Nähe betrachten können.

„Etwas, das meine Mutter mir beigebracht hat, war dieser Vers im Neuen Testament: ‚Betet ohne Unterlass‘, und an diesem Vers halte ich wirklich fest. Er ist ein Leitsatz für mich, denn so sehe ich diesen Kalender. Ich kann immer ein (GGGGGG)Gebet sprechen oder ehrend an eine (VV)Vorfahr:in denken, egal, welcher Tag es ist.“
(Jerome Ellis im Gespräch mit Christine Sun Kim, im die Ausstellung begleitenden Buch)

An jedem Tag des Jahres jähren sich zahlreiche Fluchten aus der Sklaverei. In diesem fortwährenden Kreislauf von Jahrestagen wird das Gedenken selbst zu einem unabschließbaren Prozess, zu einer jederzeit vollziehbaren Zeremonie. Die tagesbezogene Struktur des Werks hat einen persönlichen Ursprung. In Ellis’ Kindheit las die Mutter aus „Our Daily Bread“ vor, einem Andachtsbuch mit Auszügen aus dem Alten und Neuen Testament sowie einer Reflexion für jeden Tag. Dieses tägliche Ritual hat Ellis tief geprägt. Die Installation ist zudem von zwei sehr unterschiedlichen Orten inspiriert: Maya Lin’s Vietnam Veterans Memorial, dessen Dimensionen durch die Versammlung einer schier unübersehbaren Zahl von Namen bestimmt sind, und die Chapelle du Rosaire de Vence, auch als Matisse-Kapelle bekannt, mit ihrer Verbindung von Feierlichkeit und kindlichem Spiel. In Ellis’ Installation trifft der Ernst des Themas auf die Leichtigkeit der Materialien. Die nur an den beiden oberen Ecken durch Magneten gehaltenen Papierbögen bewegen sich leicht im Luftzug, den die Besucher:innen durch ihre Bewegungen im Raum verursachen.

Das Projekt entstand aus Recherchen, die durch Ellis’ erste Begegnung mit sogenannten „Runaway Slave“-Fahndungsaufrufen im Jahr 2020 angestoßen wurden. In diesen von Sklavenhalter:innen in Zeitungen veröffentlichten Anzeigen wurden die Namen der Entflohenen genannt, ihr Äußeres beschrieben und die für ihre Ergreifung ausgesetzten Belohnungen beziffert. Ellis begann, diese zutiefst ambivalenten Dokumente, die einerseits extreme Gewalt dokumentieren und andererseits vom Widerstand gegen das System künden, das sie hervorbrachte, in Datenbanken und Zeitungsarchiven in den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Haiti, Jamaika, Guadeloupe, Martinique, Grenada, Barbados, St. Thomas, Trinidad, Kanada, Portugal und Brasilien zu untersuchen. Ellis versteht die in ihnen genannten Menschen als Ahn:innen, als spirituelle Vorfahren, zu denen eine „Ahn:innenpraxis“ eine Verbindung entstehen lässt.

Die zwei vorangegangenen Projekte, die zu dieser Ausstellung führten, standen in engem Zusammenhang mit Ellis’ Erkundung von Sprachstörungen. Ellis selbst spricht mit einem tonischen Stottern, das sich in Schweigepausen äußert. Anstatt diese Pausen als Belastung zu pathologisieren, bezeichnet Ellis sie als „Lichtungen“, die wie Musik die Zeit öffnen und die Möglichkeit einer Unterbrechung schaffen können. Stille fordert normative Erwartungen an Sprache, Kommunikation und die effiziente Nutzung von Zeit heraus und ermöglicht Sprechenden sowie Zuhörenden, eine Erfahrung gemeinsamer Nähe zu machen. In seinem gesamten Werk denkt Ellis Stottern und Stocken als Formen von Ausdruck, Beziehung und Gebet neu – als Elemente eines lebenslangen Rituals.

In einem Track auf dem Debütalbum „The Clearing“ (2021) singt Ellis die Namen entflohener Menschen, die in historischen Dokumenten als stotternd beschrieben werden. Das transdisziplinäre Projekt „Aster of Ceremonies“ (2023), das aus Gedichten, Essays, Musiknoten, Gesängen und Hymnen besteht, bringt zwei Archive miteinander in Verbindung. Fahndungsanzeigen zu Menschen mit Sprachstörungen und „The Flora of North America“. In einem andachtartigen Liederzyklus werden die Erfahrungen von der Sklaverei entfliehender Menschen sowie ihre Beziehung zur Natur ausgemalt. Dabei treten Figuren hervor, die Ellis „Pflanzenälteste“ nennt. Das Werk entwirft spekulativ die sinnlichen und materiellen Welten, denen die Flüchtenden begegneten: die Landschaften, durch die sie zogen, und die Pflanzen, die ihnen Nahrung, Unterschlupf oder Schutz geboten haben mögen. So bringt Ellis die Geschichten der Ahn:innen in Beziehung zur mehr-als-menschlichen Welt.

Während die Maschinerie der Sklaverei in riesenhaftem Maßstab operierte, Menschen zu anonymen Objekten degradierte und sie mit brutal entmenschlichenden Begriffen erfasste, versucht Ellis’ Werk, die Aufmerksamkeit wieder auf die in diesen Dokumenten namentlich genannten Individuen zu lenken. Ellis’ Calendar schafft ein anderes Zeitgefühl. Der tägliche Akt des Nachdenkens über die entflohenen Menschen bietet eine Gelegenheit zum Gedenken, die sich von den normalerweise in einem Kalender vermerkten Verpflichtungen und Terminen unterscheidet. Einen Kalender zu erstellen bedeutet in gewisser Weise, für die Zukunft Geschichte zu schreiben. Durch die Auseinandersetzung mit einem anderen Kalender entsteht eine andere Geschichte – und eine andere Erfahrung von Zeit.

JJJJJerome Ellis wurde 1989 in den USA geboren und lebt in Norfolk, Virginia.

JJJJJerome Ellis
An unfinished calendar that commemorates slaves escaping their enslavers, 1673–1886
bis 22.11.2026
Grafisches Kabinett
Kuratiert von Bettina Spörr