23. Januar 2009 - 3:24 / Ausstellung / Archiv 
27. September 2008 25. Januar 2009

Für das Kunsthaus Bregenz inszeniert Jan Fabre seine erste große Museumsausstellung in Österreich. Mit neuen raumgreifenden skulpturalen Tableaus auf fünf Ausstellungsebenen entfaltet Fabre eine berückende, mit herkömmlichen künstlerischen Maßstäben kaum fassbare und stets zwischen Realität und Traum changierende mythische Welt des Schreckens, der Schönheit und der Metamorphose. Die Inszenierung der Ausstellung folgt der Gestalt des menschlichen Körpers, in der die fünf Ausstellungsebenen im metaphorischen Gleichklang mit den verschiedenen Zonen des Körpers - beginnend mit den Füßen im Untergeschoss, endend mit dem Gehirn im obersten Geschoss - ein Gesamtkunstwerk von ungeheurer rätselhafter Komplexität bilden.

Im Untergeschoss hat Fabre ein Schutzkeller-Atelier eingerichtet, das aus drei in den Neunzigerjahren entstandenen Denkmodellen besteht. Das Schutzkeller-Atelier, ein aus Zement errichteter Kubus, umfasst einen offiziellen Raum und ein geheimes Atelier des Künstlers. Im offiziellen Raum präsentiert Fabre einen Unterstand für chilenische Künstler und Putzfrauen. Hier befinden sich sieben mit Bic-Kugelschreiber beschriebene Betten und zwei von der Decke herauswachsende "Hirnbeine". Diese "Hirnbeine" verbinden das Untergeschoss des KUB mit der im obersten Stockwerk gezeigten Installation. Der Geheimraum ist ein mit Munition und experimentellem organischem Material gefülltes Atelier. Hier versteckt sich der Künstler und schafft seine Werke. Fabre schließt in diese Skulptur auch die (ebenfalls aus Zement errichteten) Toiletten ein, in denen Tiere aus der Decke wachsen. Die Gans steht für die Dummheit des Männer, der Pfau für die Eitelkeit der Frau und der Schwan für die Verwandlung der Behinderten. Für Fabre symbolisiert das Erdgeschoss das Geschlecht und daher die Kraft seines schöpferischen Potenzials. Er stellt sich als junger Mann mit einer Dauererektion dar, der auf einem Bett von 150 Grabsteinen liegt. Der Mann fungiert als Quelle, die in einem konstanten Rhythmus eine samenartige Flüssigkeit ausstößt. Die Grabsteine, auf denen er liegt, nehmen auf Künstler, Philosophen und Schriftsteller Bezug, die Fabre zufolge Teil der Weltgeschichte sind oder dieser einmal angehören werden. Er umgibt sich so in gewisser Weise mit Freunden, die ihn geistig und künstlerisch unterstützen und beeinflussen. Die Installation gehört zu einer Selbstporträtserie, in der Fabre wie in seinen Blut-, Samen- Tränen- und Urinzeichnungen die Körperflüssigkeiten entdeckt und erkundet. Um diese Installation werden die frühen Zeichnungen Fountain of the World gezeigt. Diese Zeichnungen haben als Denkmodell für diese Arbeit gedient. Fabre hat einen Teil seiner permanenten Installation im Spiegelzimmer des Königlichen Palastes in Brüssel kopiert. Er hat dort die Decke mit mehr als 1 Million Flügeln des Prachtkäfers überzogen. Vor Fabres Intervention sollte der Raum zu Ehren König Leopolds II. und seiner Errungenschaften in der ehemaligen Kolonie Belgisch-Kongo geschmückt werden. Fabre greift seine 2001 entstandene Arbeit auf und "bricht" ein Stück aus der Decke, weil etwas - die Geschichte in Gestalt eines schwarzen (kongolesischen) Manns - daraus hervorwächst. Er dreht dieses Stück der Decke um und stellt es im ersten Obergeschoss der Ausstellung als monumentale, 10 x 10 m große Installation aus. Für das zweite Obergeschoss des KUB hat Fabre eine poetische Installation entwickelt. Mit 3000 Menschenknochen und 10 Schädeln aus Murano-Glas errichtet er zwei einander zugewandte Altäre. Einige Schädel und Knochen sind blau bemalt und stellen so eine Verbindung zum Unterstand im Untergeschoss der Ausstellung her. Auf einem Altar präsentiert Fabre ein männliches geöffnetes Herz, auf dem anderen das geschlossene, etwas kleinere und elegantere Herz einer Frau. Die Herzen bestehen aus einem Mosaik menschlicher Knochen und stellen für den Künstler ein Modell des zukünftigen Herzens der Menschheit, eines barmherzigen Herzens, das nicht bluten kann, dar. Im dritten Obergeschoss wird das Publikum auf eine surreale Terrasse geführt, die einen Blick über ein zeitloses Schlachtfeld mit vier Schützengräben eröffnet, die in einen großen Krater münden. In diesem Krater liegt der hautlose Kopf eines Riesen. Darauf steht der Künstler als Liliputaner, der sich durch das Gehirn gräbt, nicht nur die strukturelle Physiognomie des Gesichts, sondern auch die unbekannte Welt des Gehirns entdeckt. Während das Geschlecht für die Kraft des schöpferischen Potenzials des Künstlers steht, ist das Gehirn der Ort, an dem alles geschieht. Deshalb betrachtet Fabre das Gehirn "als den Teil des Körpers, der so sexy ist wie kein anderer". Dieses Thema ist in seiner Arbeit vergleichsweise neu; der Künstler hat sich erstmals vor zwei Jahren damit auseinandergesetzt. Die im KUB gezeigte Installation geht allerdings auf ein kleines Modell Fabres aus dem Jahr 2003 zurück, das sich damals nicht umsetzen ließ.
From the Cellar to the Attic From the Feet to the Brain 27. September 08 bis 25. Januar 09

Kunsthaus Bregenz
Karl-Tizian-Platz
A - 6900 Bregenz

T: 0043 (0)5574 48594-0
F: 0043 (0)5574 48594-408
E: kub@kunsthaus-bregenz.at
W: http://www.kunsthaus-bregenz.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



Ähnliche Beiträge


Jan Fabre in der Kunsthalle Recklinghausen Sa, 22.06.2013
Die Jahre der Blauen Stunde Fr, 26.08.2011

  •  27. September 2008 25. Januar 2009 /
5320-5320fabre.jpg
Portrait Jan Fabre; © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008
5320-5320foyer.jpg
Ausstellungsansicht Foyer; Foto: Markus Tretter. © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz
5320-53201stock.jpg
Ausstellungsansicht 1. Stock; Foto: Markus Tretter. © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz
5320-53202stock.jpg
Ausstellungsansicht 2. Stock; Foto: Markus Tretter. © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz
5320-53203stock.jpg
Ausstellungsansicht 3. Stock; Foto: Markus Tretter. © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz
5320-5320janfabre.jpg
Ausstellungsansicht 1. UG; Foto: Markus Tretter. © Jan Fabre/VBK, Wien, 2008, Kunsthaus Bregenz