2. Juli 2020 - 9:16 / Felix Kalaivanan / Film 

"The Irishman" von Regie-Großmeister Martin Scorsese erzählt, ausgehend von den Memoiren des realen Frank Sheeran, über mehrere Jahrzehnte die Geschichte eines Auftragsmörders innerhalb der Unterwelt New Yorks, welche aus einem fein gewobenen Netz zwischen Politik, Gewerkschaft und Cosa Nostra besteht. Die Schauspielstars sind alles alte Arbeitskollegen, Weggefährten, teils sogar Scorseses Kindheitsfreunde aus der Bronx: Robert DeNiro, Al Pacino, Joe Pesci.

Die Titelfigur Frank "the Irishman" Sheeren (De Niro) ist der letzte Überlebende und erzählt retrospektiv von seinem langen Leben, von Freundschaften und Intrigen. Die Rückblende ist ein in klassisches Stilelement des Regisseurs und des Gangsterfilm-Genres, doch Scorsese denkt seine Figuren diesmal weiter. Denn die ehemals starken Machos, deren Aufstieg und Fall wir miterleben, sitzen im Rollstuhl. Die coolen Sprüche und harten Schläge liegen Jahrzehnte zurück. Die erste Szene ist eine lange Kamerafahrt durch die Gänge eines Altersheimes.

Der Film hat, ungeachtet der Laufzeit von 209 Minuten auch dramaturgische Längen, die aber intendiert scheinen, denn hier verhandelt der 77-jährige Regisseur gemeinsam mit seinen gleichaltrigen Hauptdarstellern Prozesse des Alterns und die damit einhergehenden Machtverschiebungen.

Die ehemals coolen Gesten der Gangster werden fasrig, ihre Selbstgefälligkeit ohne außenstehende Bewunderer zu einem zwecklosen Leerlauf und die Figuren werden mit dem Fortschreiten der Handlung immer mehr zu Clichés ihrer selbst. Scorsese hält hier einen Abgesang auf den altmodischen Gangsterfilm mit seinem brachialen Männerbild, ein Gerne welches er selbst maßgeblich mitgeprägt hat.

Über zehn Jahre hat die Finanzierung des Filmes trotz der Starbesetzung gedauert, keines der großen Hollywoodstudios wollte den Film produzieren: zu lang, zu altmodisch, zu alt die Hauptdarsteller. Eingesprungen ist die junge Konkurrenz: Netflix. Nach einem kurzen Kinostart, offenkundig einzig, um eine Oscarqualifizierung zu erhalten, ging "The Irishman" bald auf der Streamingplattform online. So markiert dieser Film wohl auch das Ende einer Kinoära, denn laut Statistik sahen nur etwa 20 Prozent des Online-Publikums den fast dreieinhalbstündigen Streifen am Stück.

Das Memento mori dient auch als Strukturelement. Wann immer eine neue Figur in den großen Reigen eintritt, friert das Bild für einige Sekunden ein und eine Texteinblendung stellt die Figur durch ihren Tod vor: "Frank Sindone, getötet durch drei Schüsse in einer Gasse, 29. Oktober 1980."

Eine weitere Vergänglichkeit findet sich in der äußerst humorvollen Darstellung der Ehe. Wenn die Ehefrauen der Ehrenmänner auf einer langen Autostrecke eine Rauchpause verlangen, dann sitzen De Niro und Pesci ohne Widerrede
wartend auf einer Parkbank wie Schulbuben beim Nachsitzen. Die Zigarette wird ein weiteres Mal zum Symbol der weiblichen Emanzipation.

Hinter dem langatmigen Erzählen über mehrere Jahrzehnte in den Fängen der Mafia steckt eine technische Schwäche, denn die Hauptdarsteller De Niro, Pacino und Pesci, alle jenseits der 70, wurden durch Digitaltechnik verjüngt. Doch das Star-Ensemble ist dem Publikum bekannt, durch dieses cineastische
Vorwissen stottert die Illusionsmaschinerie: Wir wissen alle, wie Robert De Niro als 30-Jähriger ausgesehen hat. Alte Männer haben eine körperliche Präsenz, die all dem technischen Aufwand zum Trotz niemals jugendlich wirken kann, die Schultern hängen zu tief, die Körperspannung fehlt, die Stimmen sind brüchig, egal wie digital-glattgestrichen die faltenlosen Gesichter aussehen.

Evoziert werden hingegen vielmehr Genreklassiker und es hagelt Selbstzitate, die Charaktere mit ihren Ticks und ihrer Sprache wirken wie alte Bekannte und Variationen der Figuren aus Scorseses erstem Gangsterepos "Mean Streets"
(Deutscher Titel: Hexenkessel).

Scorsese, dessen enge Verbindung zum Katholizismus nicht erst seit seinem historischen Missonars-Drama "Silence" (2016) bekannt ist, verhält sich in all seinen Filmen wie ein Messprediger, der die Liturgie aus der Kirche auf die
Straßen der Bronx holt. Seine Filme können meist auch als Bibelgeschichten verstanden werden, als Parabeln mit Street-Credability. Steckt hinter Gangsterfilm-Dramaturgie des steilen Aufstiegs und tiefen Falles doch auch die Erzählung von der Vertreibung aus dem Paradies.

Aber wo der Taxidriver im gleichnamigen Scorsese-Filmdrama aus dem Jahr 1976 seinen Madonnen-Huren-Konflikt doch noch zumindest im Märtyrertod auflösen kann, ist dies dem Irishman nicht vergönnt. Sein Leben darf Hauptfigur Frank Sheeran als einer der wenigen Mafiosi in diesem Film
behalten, die Liebe seiner Töchter, so viel sei hier verraten, wird er verlieren. Eine weitere Machtverschiebung, die eigene Familie wird unfreiwillig mit dem Familienclan der Mafia ausgetauscht.

"Irishman" erzählt die Geschichte eines Gangsters über jenen Punkt hinaus weiter, an dem viele Genrevertreter vorzeitig enden. Denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie im Altersheim.



Robert DeNiro, digital verjüngt (Bild: Filmstill)
Robert DeNiro, digital verjüngt (Bild: Filmstill)
Szene aus The Irishman (Bild: Filmstill)
Szene aus The Irishman (Bild: Filmstill)
Joe Pesci und Robert DeNiro (Bild: Filmstill)
Joe Pesci und Robert DeNiro (Bild: Filmstill)