Borrowed Light – Ein Stück über Gemeinschaft und Hingabe, das zeitgenössischen Tanz und originale Shaker-Songs miteinander verbindet, so der Untertitel, und wer sich mit offenen Augen und Ohren durch diese gute Stunde tragen ließ, hat nachhaltig Eindrucksvolles erlebt. Es wird keine Geschichte erzählt, doch diejenige der Werksentstehung, ist eine höchst interessante, wie der finnische Starchoreograf Tero Saarinen berichtet. In einem Plattengeschäft fand er eine Aufnahme der Boston Camerata – eines der renommiertesten Vokalensembles für Alte Musik – mit Shaker-Songs und war fasziniert. Das war vor mehr als zwanzig Jahren. Seit der Uraufführung 2004 hat Borrowed Light weltweit über 50.000 Menschen in den Bann gezogen.
Die Shaker sind eine im 18. Jahrhundert in den USA gegründete religiöse Gemeinschaft, die nach strengen Prinzipien zusammenlebt. Mother Ann Lee, die Anführerin, verstand sich als Inkarnation von Christi. Zentral im Glauben der Shaker ist nicht Dreifaltigkeit, sondern die Dualität – Gott als gleichermaßen männlich und weiblich (und das im Jahre 1774!). Weitere Grundsätze: Pazifismus, Gemeinschaftseigentum, Abgrenzung von der Außenwelt, absolutes Zölibat – neue Mitglieder kamen nur durch Bekehrung oder Adoption von Waisenkindern hinzu – und Einfachheit im Alltag wie Hingabe zur Arbeit. „Hands to work, hearts to God“. Die spirituelle Kraft von Klarheit – in Gedanken wie in Dingen – spiegeln sich auch in der Ästhetik ihrer ikonischen Möbel, Alltagsgegenstände und in der Architektur wider.
Doch Tero Saarinen geht es weniger um die Shaker-Bewegung selbst, sondern um die universellen Themen wie Gemeinschaft und Hingabe: „Ich glaube, dass das Wesen des Stücks kraftvoll zu unserer Gegenwart spricht.“ Was hält Gemeinschaft zusammen? Was sind wir bereit aufzugeben, um gemeinsam etwas zu erreichen? „Borrowed Light“ – der Titel bezieht sich auf die Kunst der Shaker, über gezielte Raumabfolgen Tageslicht in alle Zimmer fließen zu lassen – ist ein Werk mit emotionaler Wucht. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich in klaren Formationen, halten die Geometrie ihrer kraftvollen Schritte ein, in reduzierten Gesten, wiederholt und variiert, dann wieder Stille.
Die Idee zu diesem Stück ist ja eigentlich mit der Musik und in enger Zusammenarbeit mit der Boston Camerata entstanden. Die traditionellen Gesänge der Shaker sind meist kurz, doch mit emotionaler Intensität. Es sind einfache Melodien englischer Volkslieder. Über tausend solcher Lieder wurden niedergeschrieben, aber nie veröffentlicht. Doch für „Borrowed Light“ durften zwanzig transkribiert werden. Integriert und involviert, das achtköpfige Vokalensemble ist vorerst im andächtigen Aufmarsch nicht zu erkennen. Es sind Schritte, lautes Stampfen, ruhiges Konfigurieren von Personen, was das Publikum in den Bann zieht. Dann erklingt Gesang, solistisch, einstimmig, klar, natürlich schön. Man spürt die spirituelle Kraft, die Gemeinschaft beim Arbeiten, aber genauso Konflikte und Fragen ob sie wieder ins Gemeinsame führen. Das Lichtdesign (Mikki Kunttu) schafft Räume, Verbindungen, assoziiert den Titel mit „geliehenem“ Licht, inszeniert den Wechsel von mystischen Schatten und strahlender Helligkeit. Auch die Kostüme (Erika Turunen) verweisen mit den schweren langen schwarzen Röcken, die alle tragen, auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau.
Als zweiten Teil bei den diesjährigen Bregenzer Festspielen darf man Tero Saarinens neues, immersives und multidisziplinäres Stück „Study for Life“ sehen. Das Stück ist eine Homage an die im Jahr 2023 verstorbene Komponistin Kaija Saariaho. Dabei entsteht kein klassisches Bühnengeschehenn, sondern ein immersiver Raum: Musiker und TänzerInnen bewegen sich frei, Publikum und Kunst durchdringen einander, Bühne und Zuschauerraum verlieren ihre Grenzen, es entsteht ein fließendes Wahrnehmungsfeld.
Die Miniatur für Sopran, Elektronik und Licht nach einem Ausschnitt aus T. S. Eliots berühmten Gedicht „The Hollow Men“ feiert in dieser Produktion ebenfalls ihre österreichische Erstaufführung. Insgesamt greift das von Saarinen für unkonventionelle Aufführungsräume konzipierte gleichnamige Stück noch auf drei weitere Werke der Komponistin zurück. Es führt das Publikum zunächst durch eine leere, einsame Landschaft, bis es schließlich in eine tiefe synästhetische Empfindung eintaucht.
Das beim internationalen Festival „Bregenzer Frühling“ mit zeitgenössischen Tanz vertraute Publikum kann sehr wohl schätzen, welch hochkarätige Aufführungen die Festspiele mit der Tero Saarinen Company ins Ländle bringen.
Tero Saarinen – Borrowed Light
Tero Saarinen Company
The Boston Camerata
Choreographie: Tero Saarinen
Edition und Arrangements originaler Shaker-Musik: Joel Cohen
Musikalische Leitung: Anne Azéma
Bühne, Licht: Mikki Kunttu
Kostüme: Erika Turunen
Klangregie: Heikki Iso-Ahola