Intensiv. Dreimal Compagnie Marie Chouinard beim Bregenzer Frühling

Seit vier Jahrzehnten bringt das international bedeutende Tanzfestival exzellente Tanzkompanien von Weltrang in das Bregenzer Festspielhaus. Zum Auftakt erstrahlte die Compagnie Marie Chouinard mit den sakralen Klangwelten des Bach´schen „Magnificat“ und Strawinskys „The Rite of Spring“ in archaischer Wucht. Als Draufgabe kam es am nächsten Tag zu einer intimen poetischen Begegnung mit dem Publikum im Kunsthaus.

Die kanadischen Künstlerin Marie Chouinard – bekannt geworden mit Choreografien, Performances bis hin zu Installationen und Filmen von großer Originalität – hat die gleichnamige Compagnie gegründet. „Mit ihrer Compagnie erforscht sie die Poetik des Körpers – direkt, verständlich und überraschend. Ihre Stücke folgen keiner linearen Erzählstruktur, sondern entfalten in reduzierter Form eine theatralische, fast opernhafte Wirkung“, ist im Programmheft des „Bregenzer Frühlings“ zu lesen.

Mit Bachs „Magnificat“ wird der Abend eröffnet. Die musikalische Feier der Jungfrau Maria und ihrer Verheißung, dass sie den Erlöser gebären wird, übersetzt Marie Chouinard in kraftvolle, spirituelle Bilder, in eine Choreografie, die groß angelegte Gruppenformationen mit zarten, intimen Momenten von Duetten, Trios und Soli in fließenden Übergängen verbindet. Die sich zur Musik bewegenden Körper werden zur sichtbar gemachten Partitur, zu tanzenden Noten. Bekleidet sind die zwölf Tänzerinnen und Tänzer nur mit einer engen hautfarbenen Short und einheitlicher Kopfbedeckung, das Bühnenbild ist strahlendes Licht – in wechselnder, kräftiger Farbigkeit, ebenfalls von der Choreografin entworfen.

Im zweiten Teil – mit „The Rite of Spring“ oder besser gesagt: Igor Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ – richtet sie den Blick nach innen: Statt kollektiver Urgewalt stehen eindringliche Soli im Mittelpunkt. „Es gibt keine Geschichte in meiner Version von ‚Le Sacre du Printemps‘, keine Entwicklung, keine Ursache und Wirkung. Nur Synchronizität. Es ist, als würde ich genau diesen Augenblick unmittelbar nach der Entstehung des ersten Lebens festhalten.“ Anders als beispielsweise Pina Bausch in ihrem „Frühlingsopfer“, konzipiert Chouinard ihre Version um jeden einzelnen Tanzenden und sucht in kraftvollen, klaren Bewegungen das intime Geheimnis zu erwecken. Die auf das Individuum fallende Lichtkegel lassen Räume entstehen und perspektivische Effekte von oben und unten, weiter hinten und vorne. Das heidnische Ritual der Opferung einer Auserwählten, um den Frühling zu begrüßen, verwebt Chouinard zu einem choreografischen Bild von Transzendenz, Geburt und Unsterblichkeit. 

Am nächsten Tag kommt es im KUB zu einer besonderen Begegnung im Installations-Tanzstück „In Museum“. Drei Stunden lang, ohne Unterbrechung, sind die Besucher:innen eingeladen, den Tanzenden diskret einen Traum, Wunsch oder eine Hoffnung anzuvertrauen. Jeweils zwei Weißgekleidete stellen sich mit offenen Armen zur Verfügung und geben dem Gehörten eine tänzerische Form: in langsamer Bewegung, in rasantem Hin und Her, suchend, seufzend, zu Tränen berührend, fast pantomimisch eine Lebenssituation beschreibend, verzückt … um dann erschöpft auf den Boden zu fallen, Kraft zu sammeln, und wieder empfangsbereit dazustehen. Marie Chouinard verweist mit diesem Werk auf die antike Figur der weiß gekleideten Pythia, der weissagenden Prophetin von Delphi, die ihre Prophezeiungen in tranceähnlichem Zustand verkündigte, wie ein Traum entzieht sich das Mysterium der Weissagung unserem klaren Verstand. Stundenlang könnte man zusehen, innehalten, still und tief bewegt.