15. September 2019 - 6:40 / Ausstellung / Malerei 
20. September 2019 9. November 2019

Seit der 1971 in Höchst geborene Künstler Ingmar Alge malt, und das ist mittlerweile fast ein Vierteljahrhundert, beschäftigt er sich mit der Verortung des Individuums. Zwar waren seine ersten Zyklen von jeglichen Lebewesen entleert, dennoch hatte der Mensch in diesen Bildern durch die gewählten Sujets wie Einfamilienhäuser, Wohnmobile und spezielle Landschaften eine starke imaginäre Präsenz. Und in den neuen Serien wie den „Portraits“ oder Bildern wie „Konferenz“, „Suche“ oder „Protest“ wird die menschliche Figur direkt greifbar. Auch wenn sie Alge anonymisiert und entfremdet darstellt. Bis auf wenige Ausnahmen. Beim „Portrait Nr. 9“ zum Beispiel erkennt man zumindest auf den zweiten Blick, dass es sich bei diesem „Mann ohne Gesicht“ um einen Vorarlberger Landeshauptmann handelt. Oder bei einem anderen Bild, „Konferenz“, dürfte die halbverdeckte zweite Person von links die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sein.

Konferenz

Überhaupt könnte man „Konferenz“ als paradigmatisch für das Vorgehen Ingmar Alges in seiner aktuellen Malerei ansehen. Fünf Männer und eine Frau scheinen gerade aus einem Konferenzraum zu kommen. Sie sind nur von hinten dargestellt. Die Häupter leicht gebeugt. Die zwei Männer rechts haben sich, wie um einander zu trösten oder zu loben, gegenseitig die Arme auf den Rücken gelegt. Wurde mit der Konferenz etwas erreicht? Wurde vielleicht Weltgeschichte geschrieben? Wir wissen es nicht. Die Dargestellten bewegen sich von einem in dunklen Farben gehaltenen Vordergrund in einen grauen, nebulösen Hintergrund. Die Personen gehen auf ein unendlich scheinendes Weißgrau zu und werden sich möglicherweise bald darin verlieren. Erst die Zukunft wird zeigen, was dieses Treffen gebracht hat. Und damit sind wir bei einem zentralen Anliegen Ingmar Alges in seiner Beschäftigung mit Malerei: der Frage, wie sich der zukünftige Blick auf ein Gemälde vom heutigen unterscheidet.

Alge verweist in diesem Zusammenhang auf den deutschen Publizisten, Filmproduzenten und Intellektuellen Roger Willemsen (1955-2016), der in seinem letzten geplanten Buch „Wer wir waren“ die Versäumnisse der Gegenwart aus der Perspektive derjenigen erzählen wollte, die nach uns leben werden. Willemsen konnte dieses Buch zwar nicht mehr schreiben, da er am 7. Februar 2016 überraschend starb, aber noch im Jahr davor hielt er eine Rede zu diesem Thema. Der Vortrag war nicht nur ein melancholische Resümee und eine scharfe Analyse der Gegenwart, sondern zugleich das leidenschaftliche Plädoyer für eine „Abspaltung aus der Rasanz der Zeit“. Sie war ein Aufruf an die nächste Generation, sich nicht einverstanden zu erklären, mit dem was jetzt abläuft. Willemsen: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, voller Informationen, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, von uns selbst nicht aufgehalten.“ Willemsen Diagnose der Gegenwart ist desaströs.

Dass der Mensch der Geschwindigkeit, mit der sich die Welt bewegt, hoffnungslos hinterherhinkt, ist ein zentraler Aspekt bei Alge: Was wird man in zwanzig Jahren sagen, wenn man sich die Bilder von heute ansieht? Erkennt man dann aus der zeitlichen Distanz, dass die scheinbaren Eliten von heute (siehe „Konferenz“) nichts zustande gebracht haben? Ist in einem heute gemalten Porträt bereits eingeschrieben, dass der Dargestellte dereinst vielleicht zum Mörder wird? Was ist den Werken eingeschrieben, was wir heute noch nicht wissen?

Das kollektive Bildgedächtnis triggern

Darüber hinaus triggert Ingmar Alge mit seinen Gemälden immer wieder auch unser kollektives Bildgedächtnis. So fragen wir uns bei vielen seiner Bilder ganz automatisch: Habe ich das nicht irgendwo schon mal gesehen? Woran erinnert mich dieses Bild? Wir verknüpfen die Bilder mit eigenen Erfahrungen, Erinnerungen, kramen etwas hervor, das wir vielleicht lange Zeit verdrängt haben. So treten wir über das Bild in einen Dialog mit uns selbst. Beispielgebend dafür etwa das Werk „Suche“. Soll das Schlauchboot mit Außenbordmotor ein Flüchtlingsboot in den Tiefen des Meeres auf der Suche nach Land darstellen? Oder ist es ein Rettungsboot nach einem Schiffbruch? Oder einfach eine Gruppe von Menschen in einem Boot – Ort und Zeit unbekannt. Auch seine Porträts sind durch das Verwischte, fast schon gewalttätig übermalte Gesicht nicht identifizierbar. Anonym und unheimlich entfalten sie ihre maskenhafte Wirkung.

Dabei sieht sich Alge nicht als Gesellschaftskritiker, sondern viel eher als einen Beobachter. Als jemand, der an der Zeit interessiert ist und darüber Reflexionen anstellt. Präzise Analysen der sozialen Lebenswirklichkeit und ihrer Widersprüche sind es, die sich in seinen eindringlichen Gemälden widerspiegeln.

Ingmar Alge mit neuen Arbeiten in der Galerie allerArt
20. September bis 9. November 2019
Kuratorin: Andrea Fink

Galerie Allerart
Verein zur Förderung von Kunst und Kultur
Am Raiffeisenplatz 1
A - 6700 Bludenz

T: 0043 (0)664 500 55 36
W: http://www.allerart-bludenz.at

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