3. September 2009 - 5:07 / Walter Gasperi / DVD Tipp
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Von der Vorlage für Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" kann man bei diesem 1978 entstandenen trashigen Kriegsfilm kaum sprechen. Mehr als den Titel und einen Handlungsstrang hat Tarantino von Enzo G. Castellari nicht übernommen. Einen Vergleich ermöglicht die von Koch Media herausgegebene DVD, die in den Extras zudem spannende Hintergrundinformationen liefert.

Während des Zweiten Weltkriegs soll ein Trupp von amerikanischen Deserteuren, Befehlsverweigern, Vergewaltigern, Mördern und Kleinkriminellen von der Militärpolizei in ein anderes Lager gebracht werden, wo sie vors Kriegsgericht gestellt werden sollen. Unterwegs nützt ein Quintett aber eine Reifenpanne und den anschließenden Angriff eines deutschen Tieffliegers zur Flucht und beschließt sich in die neutrale Schweiz durchzuschlagen.

Mal geraten sie dabei in amerikanische, mal in deutsche Hinterhalte, gewinnen einen geflohenen deutschen Kriegsgefangenen (Raimund Harmstorf) als Helfer, werden aber schließlich von französischen Widerstandskämpfern aufgegriffen. Diese halten die Flüchtlinge für eine amerikanische Spezialeinhalt, die einen deutschen Zug mit einem Prototyp der V2-Rakete überfallen soll. - Geben die nur an sich denkenden Raubeine ihre Fluchtpläne in die Schweiz vielleicht doch noch auf und übernehmen heldenhaft das Himmelfahrtskommando?

Ganz im Gegensatz zu Tarantinos "Inglourious Basterds", in dem der Dialog im Mittelpunkt steht und Gewalt nur in kurzen Momenten eruptiv hervorbricht, besteht Enzo G. Castellaris Film aus einer kaum unterbrochenen Abfolge von Feuergefechten. Keine Charaktere, sondern markige Typen sind die Protagonisten vom Zigarre rauchenden Afroamerikaner über den besonnenen Anführer Leutnant Yeager bis zum vor allem an Frauen interessierten Fälscher. Ganz im Gegensatz zum Trupp bei Tarantino, wo ein Aldo Raine schon aufgrund der Besetzung mit Brad Pitt ein Sympathieträger ist, sind Castellaris Figuren zumindest am Beginn ungleich unsympathischer. Mehr auf das Zielpublikum abgestimmt als zeitgemäß wirken diese Typen auch, wenn der Yeager Lederjacke und schwarze Sonnenbrille und der Fälscher lange Haare wie ein Hippie trägt.

Auch die Besetzung verstärkt den trashigen Eindruck. Keine glatten Stars, sondern Schauspieler, die fürs Raue bekannt waren, spielen hier mit. Der Afroamerikaner wird von Sam Williamson gespielt, der ein Star des Blaxploitation-Films der 70er Jahre war, der deutsche Soldat von "Seewolf" Raimund Harmstorf und Leutnant Yeager von Bo Svenson, den Tarantino in "Kill Bill 2" und in "Inglourious Basterds" einsetzte.

Mehr Ebenen wie bei Tarantino oder mehrere Handlungsstränge gibt es hier nicht. Hier muss nur immer etwas los sein, gefeuert werden, Gefangene aus einem von den Nazis besetzten Schloss befreit oder ein Zug spektakulär gesprengt werden. Jede Menge Arbeit gab es hier auch für Stuntmen, die bei Gefechtsszenen und Explosionen genau choreographiert umfallen oder halsbrecherische Sprünge durchführen mussten. Besonders spektakuläre Actionszenen werden dabei im Stil von Sam Peckinpah mit Slow-Motion noch gedehnt.

Keine Angst gibt es auch vor unglaubwürdigen Details. Da wird der durchschossene Tank eines Motorrads mit einem Kaugummi abgedichtet und ein paar nackt badende Nazi-Frauen zeigen ihre blanken Busen, um gleich darauf - nackt wie Gott sie schuf - mit Maschinenpistolen wild herumzuballern. Und nicht fehlen darf auch eine kleine romantische Liebesgeschichte.

"Inglorious Bastards" will kein Antikriegsfilm sein, der Krieg wird vielmehr als Abenteuerspielplatz für harte Jungs dargestellt. Zynisch und politisch unkorrekt ist das fraglos, aber Castellari will nun mal jenseits aller moralischen Fragen nichts als flotte, actionreiche Unterhaltung für ein vorwiegend männliches Publikum bieten.

Höchst aufschlussreich sind die Extras, die die DVD bietet. Spannende Einblicke in die Produktion des Films, vor allem in die Special Effects und Stunts, aber auch in die damals ganz anderen Produktionsbedingungen bietet ein 45-minütiges "Making of" mit Interviews unter anderem mit dem Sohn des Filmkomponisten Francesco de Masi, dem Produzenten Roberto Sbarigia und vor allem dem Special-Effects-Experten Gino "Bombardone" de Rossi. Mehrfach betont wird hier nicht nur, dass in den 70er Jahren in Italien jährlich um die 500 Filme produziert wurden, während sich die Jahresproduktion heute gerade mal auf 30 bis 40 beläuft. Und deutlich wird auch, wie anders in dieser Zeit ein Actionfilm gedreht wurde und welche Anforderungen er an den Special-Effects-Experten stellte: Keine Computer wurden hier für Effekte eingesetzt, jeder Stunt war wirklich ein Stunt und jede Explosion musste punktgenau passen.

Unterhaltsam ist auch das kaum weniger lange Gespräch zwischen Quentin Tarantino und Enzo G. Castellari. Auch wenn der Amerikaner den Italiener förmlich an die Wand redet und Castellari kaum zu Wort kommen lässt, erfährt man nicht nur viel über Tarantinos Begeisterung für diesen Film, sondern auch über den Erfindungsreichtum, den Castellari bei den Dreharbeiten an den Tag legen musste und über seine Arbeit mit den Schauspielern Bo Svenson und Fred Williamson.



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