4. März 2020 - 9:27 / Ausstellung / Gegenwartskunst 
6. März 2020 10. Januar 2021

Ingeborg Strobls Arbeit steht in der Tradition konzeptueller und medienübergreifender Kunst. In ihren Objekten, Installationen, Collagen, Malereien, Fotografien, Filmen und Publikationen nehmen Natur- und Tiermotive als Spiegelbilder des Gesellschaftlichen eine zentrale Rolle ein.

Auch zeigt sich in ihrem Werk eine Vorliebe für das Randständige, Verborgene, das allzu leicht Übersehene oder Verdrängte sowie eine damit verknüpfte Abneigung gegen Produktions- und Konsumwahn. Die Beachtung und Wertschätzung des Peripheren und Flüchtigen spiegelt sich auch in der medialen Ausrichtung des Werks wider. Drucksorten wie Publikationen, Plakate und Einladungskarten sind selbst künstlerisch gestaltete Werkkomponenten. Strobl hat dem mumok ihr Archiv mit zahlreichen Werken und Drucksorten als Schenkung überlassen. Diese Archivalien bilden den Kern der Retrospektive, die noch gemeinsam mit der Künstlerin – vor deren Tod im April 2017 – konzipiert wurde und einen repräsentativen Einblick in ihr umfangreiches Werk gibt.

Am Beginn ihres Oeuvres stehen Buntstiftzeichnungen und darauf basierende Keramiken mit zahlreichen Tiermotiven. Die fragmenthafte und geometrisierende Darstellung des Organischen verweist dabei auf den verschwenderischen Umgang mit natürlichen Ressourcen und die Reglementierung gesellschaftlicher Freiräume. Damit lieferte Strobl einen eigenständigen kritischen Beitrag zur Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit der 1970er Jahre, und schuf die Grundlage für die in ihrem weiteren Werk immer wieder auftauchenden Bildpoesien, die für ihre Malereien mit collagierten Bild- und Texteinschüben kennzeichnend sind. Diese sind zum Teil wie tagebuchartige "Notizen" entstanden und angelegt. Persönliches und Privates verbindet sich darin mit Zeitgeschichtlichem.

Auf ihren Reisen in die Länder des ehemaligen Ostblocks, Asiens und Afrikas hat Strobl ihren Blick auf die Natur mit einer Fokussierung auf soziokulturelle und gesellschaftspolitische Übergangsszenarien verknüpft. Sie hat insbesondere solche Orte aufgesucht, an denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat. Wenn sich in ihren Fotos und Videos beispielsweise die überwuchernde Natur Zivilisatorisches zurückholt und es zerstört, so bilden sich gerade darin auch geschichtliche Turbulenzen wie etwa der rasante gesellschaftliche Wandel im postkommunistischen Europa ab. Ihre immer wieder sichtbar werdende Hinwendung an Verfall, Tod und Vergänglichkeit – etwa in zahlreichen Friedhofsfotos – ist, fernab jeder Weltflucht, als feinsinnige Auseinandersetzung mit den Lebenden sowie als Interesse am Gegenwärtigen und Kommenden zu werten.

Auch in der Produktion und Vermittlung ihrer filmischen Arbeiten umgeht die Künstlerin die Konventionen des Aufwendigen und Exklusiven. Die meisten ihrer Videos sind auf YouTube unter dem Nutzernamen Inga Troger, einem Pseudonym, das die indische Version ihres Vornamens mit dem Mädchennamen ihrer Mutter verknüpft – für jedermann zugänglich. All dies fügt sich zu einem Puzzle, in dem das mit subtiler Poesie und kritischem Esprit erfasste Flüchtige, Fragile und scheinbar Beiläufige als das eigentlich Konstante und Prägnante in ihrem Werk sichtbar wird.

In der Verwendung der Sprache als wiederkehrendem Kunstmotiv zeigt sich ihr Werk nicht zuletzt stringent wie auch mit Ironie durchsetzt. Beobachtungen zum Kunstbetrieb und zu gesellschaftlichen Entwicklungen unterliegen ebenso einer künstlerischen Versprachlichung wie Naturhaftes. In ihren Fotoromanen gehen Strobls Vorlieben für das Filmische, Fotografische und Sprachliche schließlich in Buchform ineinander über.

Biografie

Ingeborg Strobl (1949–2017) studierte von 1967 bis 1972 Grafik an der heutigen Universität für angewandte Kunst Wien. Von 1972 bis 1974 besuchte sie das Royal College of Art in London, an dem sie den Master of Arts im Fach Keramik erwarb. In den 1970er-Jahren arbeitete sie vor allem als Keramikerin und Grafikerin. Sie begründete 1987 mit Ona B., Evelyne Egerer und Birgit Jürgenssen die feministische Künstlerinnengruppe DIE DAMEN, der sie bis 1992 angehörte. Von 1999 bis 2001 unterrichtete Strobl an der Universität für angewandte Kunst Wien als Gastprofessorin angehende Kunsterzieher_innen in Gestaltungslehre. Einzelausstellungen (Auswahl): Landesmuseum Joanneum, Graz (1974); Secession, Wien (1992); Galerie Stadtpark, Krems (1993); Kunsthaus Bregenz (1999); Fotogalerie Wien (2013); Wien Museum (2015); LENTOS Kunstmuseum Linz (2016). Auszeichnungen: Preis der Stadt Wien für Bildende Kunst in der Kategorie Grafik und Malerei (1993); Würdigungspreis des Landes Steiermark für bildende Kunst (2000); Würdigungspreis für künstlerische Fotografie des Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (2008).

Ingeborg Strobl - Gelebt
6. März bis 10. Jänner 2021 (verlängert)
Kuratiert von Rainer Fuchs

Mumok
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at/

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  •  6. März 2020 10. Januar 2021 /
Ingeborg Strobl, Das Nashorn und die Elektrizität, 1971 Ölkreide, Bleistift auf Papier – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung von Ingeborg Strobl, 2017 © Bildrecht Wien 2019 Foto: © mumok
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Ingeborg Strobl, Pig, 1996 Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, April 26 – Juni 1, 1996 ©1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019 Photo: © mumok
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Ingeborg Strobl, Tulpe, 2014 Farbfotografie - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung von Ingeborg Strobl, 2017 © Bildrecht Wien 2020 Photo: Ingeborg Strobl
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Ingeborg Strobl Fische, 1973 Keramik, Baumwolle, Körner, je ca. 6 x 32 x 7 cm mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Schenkung von Ingeborg Strobl, 2017 © Bildrecht Wien 2020 Foto: mumok
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