Inga Hehn – Grafik als offenes Feld des Denkens und Wahrnehmens

Inga Hehn zählt zu den maßgeblichen Positionen der zeitgenössischen österreichischen Grafik. In ihrem Werk geht es nicht um Darstellung, sondern um die Bedingungen von Bildwerdung selbst.

Hehn erweitert kontinuierlich das Vokabular der Grafik. Dabei reicht die Bandbreite von feinlinigen Tuschezeichnungen über Lithografien und Marmorierungen bis hin zu experimentellen Verfahren. Auch der Einsatz des Körpers als zeichnerisches Instrument ist Teil dieser Entwicklung. Entscheidend bleibt dabei die Bindung an das Material: der Widerstand des Steins, die Saugfähigkeit des Papiers, die Eigenlogik von Farbe und Druck. Kontrolle und Kontrollverlust, Setzung und Zufall treten dabei nicht als Gegensätze auf, sondern als gleichzeitig wirksame Kräfte eines künstlerischen Prozesses.

Das Wissen um historische Verfahren bildet dabei ebenso eine Grundlage wie deren fortlaufende Transformation. Hehn eignet sich Techniken durch Wiederholung, genaue Beobachtung und experimentelle Variation an. Dies erfolgt im Austausch mit Druckwerkstätten und Künstler:innen im In- und Ausland sowie in der Auseinandersetzung mit der kunsthistorischen Tradition. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen tradierter Technik und offener Versuchsanordnung, zwischen der Kenntnis überlieferter Verfahren der Druckgrafik und dem Bestreben, diese zu erweitern und aufzubrechen.

Zentral bleibt dabei das Verhältnis von gesetzter Form und leerem Raum. Das Weiß des Blattes ist bei Hehn keine passive Fläche, sondern ein aktiver Formgeber. Auf der Mikroebene bestimmt es die innere Struktur jeder Form, die Art, wie eine Linie gegen die nächste steht, wo sie abbricht und sich wieder verdichtet. Auf der Makroebene bestimmt es die Komposition des Blattes als Ganzes. Aus diesem Verhältnis ergibt sich eine tieferliegende Verdopplung. Der körperlich erfahrene Akt des Zeichnens oder Druckens, das singuläre Setzen jeder Linie und das Arbeiten mit Material und Prozess bilden Hehns eigenen Mikrokosmos, der in einem zutiefst intimen und intuitiven Ursprung gründet. Dieser tritt dem Blick der Betrachtenden als geschlossenes Ganzes entgegen, als Bild, in das nun eine Deutung hineingelesen wird. So wird jedes Kunstwerk zur Schnittstelle zweier Erfahrungsräume, die in der Betrachtung aufeinandertreffen, ohne einander vollständig zugänglich zu werden.

Inga Hehn versteht die Grafik in ihrer künstlerischen Praxis nicht als abgeschlossene Kategorie, sondern als offenes Feld des Denkens und Wahrnehmens. Ihre Arbeiten halten keine Zustände fest, sondern machen sichtbar, wie Zustände entstehen, sich verschieben und wieder entziehen. Was geschieht, wenn eine Linie zum Ort eines Zustandes wird?

Tracing Conditions
Inga Hehn
Bis zum 06.12.2026
Kurator: Antonio Rosa de Pauli