23. November 2019 - 11:52 / Ausstellung 
23. November 2019 7. Februar 2020

Mit der neuen Ausstellung "Inform" lenkt das Dornbirner Ausstellungshaus Quadrart seinen Fokus auf das künstlerische Schaffen im benachbarten Fürstentum Liechtenstein. Die Kunsthistorikerin Dagmar Streckel, die unter anderem den Nachlass der Feldkircher Künstlerin Anne-Marie Jehle aufgearbeitet und katalogisiert hat und auch als André-Thomkins-Expertin gilt, hat, dem Fremdkuratorenprinzip des Quadrart folgend, eine Arbeit aus der Sammlung Witzel ausgesucht und diese sieben Liechtensteiner Kunstschaffenden gegenübergestellt.

Bei "Inform – Zeitgenössische Narrative aus Liechtenstein" handelt es sich um die 35. und letzte Ausstellung der Reihe "Ansichten", die dieser Ort zeitgenössischer Kunst seit 2009 während zehn Jahren vorgestellt hat. Mit dem Nachbarn Liechtenstein verbindet Vorarlberg vieles. Insbesondere die zeitgenössische Kunst wirkt und arbeitet über Grenzen hinweg, spiegelt nahe beieinander liegende Interessen, Fragestellungen und Narrative.

Während die Moderne der Kunst versucht hat, das künstlerische Medium soweit wie möglich von der Erzählung zu befreien, zu reduzieren und zu abstrahieren, kann die Erzählung heute wieder anders gesehen werden. Narrativ sein heisst nicht gleich, aufwändige Geschichten zu erzählen. Narrativ sind auch Werke, deren Skript nur wenige Sätze umfasst. Insgesamt blickt man wieder entspannter darauf und erkennt in der Existenz von Erzählungen und Mythen wieder ein grundlegendes Element auch des sozialen Zusammenhalts und der Bildung von Gemeinschaft.

Der Sammlung von Erhard Witzel ist die Zeichnung von Franz Erhard Walther im "Raum gehört gesehen" (1985) entnommen. Inhaltlich interagiert sie mit der kleinen Zeichnung von Matthias Frick "hineinsehen heraushören" (2013). Die im Titel beider Arbeiten gegebene narrative Dimension gibt den Auftakt der Ausstellung. So kreist Anna Hiltis Zeichnungsserie "Some Dreamers of the Golden Dream" (2017) um das ungeklärte Verschwinden ihres Ururgrossvaters in Amerika und zeichnet seine imaginierten Spuren nach. Martin Walch sieht Kunst grundlegend als kommunikativen Prozess; seine Fotografien "Wunder I-X" (2018) ebenso wie die filigranen Holz-Plastiken "Traumfänger" (Wünschelruten) 1-7 (2018) machen den Eindruck, als erzählten sie Geschichten. Auch wenn sie nichts detailliert erzählen, wirkt ihre blosse Erscheinung. Damit eine Geschichte wirklich erzählt wird, muss es auch um etwas gehen. Die Zeichnungen des 2017 verstorbenen Matthias Frick, der nach dem Studium an der F + F Schule für Gestaltung, Zürich, Meisterschüler von Hermann Bohmert war, lässt auch die gravierenden Folgen, die unerwartet auftretende gesundheitliche Probleme für sein Leben nun als Künstler der Outsider-Art hatten, nicht ausser Acht. Und dies mit feinem Humor wie im Titel "Mighty Mouse".

Im Zentrum von Barbara Bühlers Fotografie steht in der Regel die Architektur. Ihre Duo-Fotografie zeigt aber vorwiegend grünes Laub, in dessen Zentrum sich wenig, dafür aber stark rot leuchtendes Laub befindet. Aus zwei nur leicht versetzten Perspektiven hat sie dieses Natur-Phänomen zeitlich versetzt fotografiert und es zum Bild einer aussergewöhnlichen Erscheinung gemacht.

Manfred Naeschers Video "Der Wiederkehrende Spiegel" (2015) basiert auf einem historischen Text aus dem Jahr 1847, dessen Botschaft bis heute gültig geblieben ist. Es präsentiert und interpretiert das Zitat eines Textes von Peter Kaiser. Der in Liechtenstein geborene Historiker hat 1847 die erste "Geschichte des Fürstenthums Liechtenstein" in einer Zeit der Ungewissheit und gesellschaftlichen Veränderung geschrieben und veröffentlicht, im Vorjahr der Revolution von 1848, deren liberal- demokratische Ideen Kaiser vorsichtig zum Ausdruck bringt, sich aber bewusst ist, dass auch er die Zukunft der angestossenen Entwicklung nicht kennen kann. An den herrschaftlichen Verwalter Liechtensteins, den Landvogt, richtet er sich mit den Worten: „Die eigene Vergangenheit ist jedem ein Spiegel, der ihm seine Handlungen, Worte und Werke zurückwirft [...].“ 1848 wurde Kaiser zum Abgeordneten des Fürstentums Liechtenstein in der Frankfurter Nationalversammlung gewählt.

Sunhild Wollwage schildert mit „Ab- und Zufall“ (2010) anhand von vier konstanten und sich gleichförmig wiederholenden Notaten Aspekte des Alltags, in denen sich Leben äussert und
rhythmisch wiederholt: auf reproduzierten Fotos hält die Künstlerin den während eines Jahres täglich anfallenden, variierenden Kompostabfall mit Datum und Uhrzeit fest, Blutdruck- und Pulswerte dokumentieren den beständigen Schlag ihres Herzens, kleine Haarknäuel dokumentieren die täglich in der Bürste zurückbleibenden Haare, jeweils ein Haar wurde als Frottage aufgebracht.
Leergebliebene Karten stehen für die Ferientage ausser Haus. Es geht um Leben und dessen
Spannungsverhältnisse im Rahmen von Kontinuität und Veränderung; um gemessene,
dokumentierte, sich ähnlich wiederholende und dennoch vergehende Zeit.

Evelyne Bermanns Ensemble der „Peanuts“ (2018) erforscht die Variationsmöglichkeiten des genetisch vorgegeben Bauplans der Erdnuss, die zwar immer identifizierbar, aber nie identisch entsteht. Alles nur Peanuts? Die nahrhafte Erdnuss geniesst kein hohes Ansehen; die Künstlerin verleiht ihr Bedeutung und nähert sich selbst damit im Studium der Natur der Schöpfung an.
An Informationen, die in Geschichten verpackt sind, erinnern wir uns besonders gut und gerne.
(Dagmar Streckel)

Inform - Zeitgenössische Narrative aus Liechtenstein
Evelyne Bermann, Barbara Bühler, Matthias Frick, Anna Hilti, Manfred Naescher, Martin Walch, Sunhild Wollwage und Franz Erhard Walther mit einer Arbeit aus der Sammlung Erhard Witzel.
Kuratorin: Dagmar Streckel
23.11. 2019-7.2.2020

Quadrart Dornbirn
Sebastianstrasse 9
A - 6500 Dornbirn

T: 0043 (0)5572 9099 58
F: 0043 (0)5572 27967
E: buero@quadrart-dornbirn.com
W: http://www.quadrart-dornbirn.com/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  23. November 2019 7. Februar 2020 /
Barbara Bühler, Wald_I+II, Farbfotografien, 2018
Barbara Bühler, Wald_I+II, Farbfotografien, 2018
Anna Hilti - Aus der Serie Some Dreamers of the Golden Dream, Bleistift u. Tusche auf Papier
Anna Hilti - Aus der Serie Some Dreamers of the Golden Dream, Bleistift u. Tusche auf Papier
Walch Martin - Wünschelruten, Holz, 2015-2017
Walch Martin - Wünschelruten, Holz, 2015-2017
Franz Erhard Walther - Im Raum gehört gesehen, Schichtenzeichnung, 1985
Franz Erhard Walther - Im Raum gehört gesehen, Schichtenzeichnung, 1985
Evelyne Bermann - Peanuts, 2018, Ton, Zement, Papier, Tuschezeichnung (Alle Fotos zur Verfügung gestellt)
Evelyne Bermann - Peanuts, 2018, Ton, Zement, Papier, Tuschezeichnung (Alle Fotos zur Verfügung gestellt)