5. Dezember 2019 - 9:56 / Bühne / Theater 

"Immer noch Sturm" handelt von Peter Handkes Familie mütterlicherseits, die der slowenischen Volksgruppe Kärntens angehörte, und spielt in der Zeit rund um den Zweiten Weltkrieg. Während zwei Brüder von Handkes Mutter im Krieg an der Front fallen, schließen sich (allerdings nur im Stück) die beiden übrig gebliebenen Geschwister der Partisanen-Widerstandsbewegung gegen die Nationalsozialisten an. Die "Ich"-Figur tritt im Stück in einen Dialog mit diesen herbeigeträumten verstorbenen Ahnen. Es sei "ein Sturm gegen die Geschichte, gegen Geschichte als Fortschrittskategorie", meinte Handke in seinem am 25. November 2010 in Die Zeit erschienenen Gespräch mit Ulrich Greiner.

In dem Interview kommt er auch darauf zu sprechen, wie das Interesse an den Vorfahren schon in jungen Jahren entstanden ist: "Ich verdanke das meiner Mutter, die mir immer ganz viel von den Toten erzählt hat, von den Brüdern, die sie geliebt hat und die im Krieg gefallen sind. Sie hat erzählt und erzählt, alle Einzelheiten. Das Leben der Toten hat mich immer beschäftigt, schon 'Die Hornissen', mein allererster Roman, beruhen auf einer Geschichte, die mir meine Mutter erzählt hat und in die ich mich hineingeträumt habe." Der motivische Untergrund von Immer noch Sturm reicht somit bis zu Handkes Schreibanfängen zurück, die mit seiner Familie verbundene Kette von Motiven zieht sich durch sein gesamtes Werk. Acht Jahre nach 'Die Hornissen' erzählte er in 'Wunschloses Unglück' (1972) die Lebensgeschichte seiner Mutter, die im Winter 1971 nach jahrelangen Depressionen Suizid begangen hatte. Weitere 14 Jahre später nahm er mit 'Die Wiederholung' (1986) die Geschichte seiner Familie wieder auf, wobei er sie erstmals mit der slowenischen Widerstandsbewegung in Verbindung brachte. Filip Kobal erinnert sich darin an seine Suche nach dem im Zweiten Weltkrieg in Slowenien verschollenen Bruder.

Vor und während des Schreibens an "Immer noch Sturm" setzte sich Handke intensiv mit der Widerstandsbewegung auseinander. Er las Erinnerungsberichte von Kärntner Slowenen, die am Partisanenkampf teilgenommen hatten, und fertigte mitunter umfangreiche Exzerpte dieser Texte an. Mit einigen Zeitzeugen führte Handke auch persönliche Gespräche. Dokumentiert ist etwa ein Besuch bei dem ehemaligen Partisanen Anton Haderlap im Herbst 2008, der Handke, wie man aus Berichten des Literaturwissenschaftlers Klaus Amann weiß, zum Abschied sein Gedicht "Na Severni Meji" (An der Nordgrenze) vorlas, woraus Teile in Immer noch Sturm wiederzufinden sind. Als Inspirations- bzw. Zitatquellen dienten Handke zudem die Feldpostbriefe, die seine Onkel Gregor und Hans Siutz im Zweiten Weltkrieg von der Front nach Hause schickten. Sie befinden sich in Familienbesitz und haben einen für Handkes Schreiben insgesamt wichtigen Stellenwert: Vor allem die Briefe seines Onkels Gregor, des Obstbauern, wurden Handke schon als Kind von der Mutter vorgelesen, was sie, so Hans Höller, "zur familiären Schrifttradition" werden ließ. Für sein Stück "Immer noch Sturm" übernahm Handke ganze Briefpassagen wörtlich. Ein ebenfalls in der "familiären Schrifttradition" stehender Text ist die 1936 entstandene Mitschrift des Onkels Gregor Siutz aus der Obstbauschule in Maribor mit dem Titel "Sadjarstvo!" bzw. deutsch "Obstbau!". Auch Stellen daraus verwendete Handke schon in der "Wiederholung" (1986) und in "Zurüstungen für die Unsterblichkeit" (1997). In "Immer noch Sturm" ernennt er die Mitschrift dann zum "heiligen Buch der Familie", aus dem feierlich vorgetragen wird.

Als Buch erschien "Immer noch Sturm" am 20. September 2010 im Suhrkamp Verlag. Die Uraufführung fand knapp ein Jahr später am 12. August 2011 auf der Perner Insel in Hallein im Rahmen der Salzburger Festspiele statt.

Hannesschläger, Vanessa: "Immer noch Sturm" – Entstehungskontext. Auf der Website Handkeonline im Rahmen des FWF-Projekts Forschungsplattform Peter Handke, Medieninhaberin: Österreichische Nationalbibliothek, Wien, 2015.

Immer noch Sturm
Schauspiel in fünf Bildern von Peter Handke
Inszenierung: Stephanie Mohr
Premiere im Landestheater Linz am Freitag, 6. Dezember 2019 um 19.30 Uhr | Kammerspiele
Die weiteren Vorstellungstermine: 11., 20., 27. Dezember 2019, 3., 14. Jänner; 6., 21. März 2020

Landestheater Linz
Promenade 39
A - 4020 Linz

W: https://www.landestheater-linz.at/

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  •  6. Dezember 2019 21. März 2020 /
Ensemble © Petra Moser
Ensemble © Petra Moser
Julian Sigl, Ensemble © Petra Moser
Julian Sigl, Ensemble © Petra Moser
Benedikt Steiner, Anna Rieser © Petra Moser
Benedikt Steiner, Anna Rieser © Petra Moser