10. November 2019 - 5:45 / Ausstellung / Malerei
16. November 2019 13. April 2020

In den letzten Jahren wurde die Mumok-Sammlung der klassischen Moderne unter wechselnden thematischen Vorzeichen gezeigt. Die diesjährige Präsentation beschäftigt sich mit den Zeitläufen der Moderne, ihren Chronologien und dem bereits von den Zeitgenoss_innen vorgenommenen Versuch der Historisierung.

Den konzeptionellen Ausgangspunkt der Ausstellung bildet die Frage nach der Wahrnehmung der Avantgarden im frühen 20. Jahrhundert: Handelt es sich bei der Moderne um eine Epoche? Es waren die ersten documenta-Ausstellungen (1955 und 1959), die unsere Sicht auf diese Zeit geprägt haben. 1955 wurde unter dem Diktum „Abstraktion als Weltsprache“ eine „gereinigte“ Moderne (Walter Grasskamp) präsentiert, die zwar eine historische Perspektive bot, aber die zugehörige Geschichte ausklammerte. Die Gegenfrage in der mumok Ausstellung lautet daher: Welche Sicht propagierten Künstler_innen und Kurator_innen in den 1920er-Jahren? Dabei dienen vier historische Projekte als Referenz. Alle strebten sie nicht nur Gesamtdarstellugen der Moderne an, sondern stellten auch zentrale Fragen an die Kunst und deren Aufgaben sowie an deren Präsentation im Ausstellungsraum.

Bedingt durch die Erschütterung des cartesianischen Weltbildes und die bahnbrechenden Erfindungen in Naturwissenschaften und Technik zu Beginn des 20. Jahrhunderts, kann die Moderne als Umbruch in allen Bereichen begriffen werden. In den Jahren um 1910/11 erfolgte nicht nur der Schritt in die Abstraktion. Es fanden zudem vielfältige heterogene Entwicklungen parallel statt. Vor allem der Film, der Phänomene von Simultaneität und Montage als Erfahrung des modernen Lebens direkt umsetzen konnte, trug dazu bei, neue Denk- und Wahrnehmungskategorien zu etablieren. Kategorien, die Avantgardekünstler wie László Moholy-Nagy, Hans Richter, El Lissitzky, Friedrich Kiesler oder Fernand Léger zu einem experimentellen Umgang und einer Umorientierung der klassischen Medien bewegten. Besonders der Fotografie kam eine neue Aufgabe zwischen ästhetischer und dokumentarischer Kompetenz zu. Mit den großen Themen von Architektur und urbanem Leben, Design und Porträt machte sie die Komplexität der Moderne deutlich.

Die vier Referenzprojekte, welche die Ausstellung im mumok inspirierten, sind: Friedrich Kieslers legendäre Theaterausstellung von 1924. El Lissitzkys und Hans Arps fiktives Ausstellungsprojekt aus demselben Jahr, das die Moderne von 1924 retrospektiv bis 1914 aufrollte. László Moholy-Nagys und Lajos Kassáks Buch neuer Künstler (1922), das die Grenzen der bildenden Kunst zu Industrie, Architektur und Design öffnete und letzte Barrieren zwischen angewandter und freier Kunst niederriss. Und schließlich Hans Tietzes Ausstellung Die Kunst in unserer Zeit (1930), die Einblicke in die Moderne mit einem Rückblick auf die Jahre 1910/11 verband und zu dem Schluss kam, dass die Einteilung in abstrakt und gegenständlich nicht zwingend sei.

1924 gaben El Lissitzky und Hans Arp die Publikation Kunstismen heraus. Als „Letzte Truppenschau aller Ismen“ bezeichnete El Lissitzky diese Publikation, die man ebenso als fiktive Ausstellung verstehen könnte. 16 Begriffe umreißen die wichtigsten Strömungen der Moderne. Liest man den Eintrag für den Expressionismus – „Aus Kubismus und Futurismus wurde der falsche Hase, das metaphysische deutsche Beefsteak, der Expressionismus gehackt“ –, wird schnell klar, wo sich die Vorlieben der Herausgeber befanden.

In der Ausstellung im mumok wird der kuratorische Blick der beiden Künstler nun auf die Sammlung übertragen und eine ebensolche retrospektive Chronologie von 1924 bis 1914 verfolgt, die Ismen, aber auch Gleichzeitigkeiten zutage fördert. László Moholy-Nagy arbeitete fast zeitgleich an einer Gesamtdarstellung der Moderne und gab 1922 gemeinsam mit Lajos Kassák das Buch neuer Künstler heraus. Hier wurde der erste Versuch unternommen „den engen und sich gegenseitig fördernden Zusammenhang zwischen Malerei, Bildhauerei, Architektur und Technik nachzuweisen“ (Lajos Kassák). Gewiss bleibt die Malerei das Leitmedium der Moderne, gefolgt von Skulptur und Zeichnung, gleichzeitig wird aber das Augenmerk auf Apparate und Hochspannungsleitungen, auf Maschine und Technik gelenkt.

Umgelegt auf den Bestand der mumok Sammlung, wird ein Öffnen der kategorialen Ordnungen im Hinblick auf Technik und Architektur deutlich. Die Ausstellung versammelt unter anderem späte Entwürfe von Josef Hofmann, Fotos von Albert Renger-Patzsch, Architekturmodelle und Werke von László Moholy-Nagy und Lajos Kassák selbst, die exakt den Geist des Buches widerspiegeln: „Unser Zeitalter ist das der Konstruktivität“ (Kassák).

1924 wurde Wien mit der legendären Theaterausstellung zur Stadt der Avantgarde. Friedrich Kiesler, der umtriebige Veranstalter, organisierte im Rahmen des „Musik- und Theaterfestes der Stadt Wien“ die Internationale Ausstellung neuer Theatertechnik. Er trug dafür einige hundert Theaterkonzepte, Bühnenbild- und Kostümentwürfe, Plakate und Modelle aus vielen Ländern zusammen. Viele Künstler_innen der Avantgarde waren anwesend, darunter El Lissitzky, Theo van Doesburg oder Fernand Léger, dessen Ballet mécanique auf Kieslers „Raumbühne“ uraufgeführt wurde. Kiesler entwarf für das Projekt auch das „Leger- und Trägersystem“, eine flexible, frei im Raum stehende Konstruktion zur Präsentation von Objekten und Bildern, die im mumok nun in einer Rekonstruktion zu sehen ist und mit Theatermodellen und Bühnenentwürfen aus dem Theatermuseum ergänzt wird.

Ein halbes Jahrzehnt später bereitete der legendäre Kunsthistoriker der Moderne, Hans Tietze, eine Ausstellung mit dem Titel Die Kunst in unserer Zeit vor. Der Unterschied zur documenta 1955 ist offensichtlich, zeigte Tietze doch ein breitgefächertes Universum. Tietze propagierte ein Nebeneinander der verschiedenen Künstler_innen und Richtungen, wie in der Präsentation im mumok gut nachzuvollziehen ist.

Im Unterschied zur kanonischen Sicht der documenta 1955, die sich strikt auf Malerei und Skulptur konzentrierte, zeigte Tietze alle Arten von Objekten, vom Kinderspielzeug bis zu Keramiken und Textilien und schloss technische Gegenstände mit ein. Zusätzlich überraschte er mit der Feststellung, dass er abstrakt/gegenständlich nicht ideologisch getrennt sah, wie es die ersten documenta-Ausstellungen postulierten.

Im Raum die Zeit lesen spürt mit Werken aus der Mumok-Sammlung (und einigen Leihgaben aus MAK, Theatermuseum und Leopold Museum) den Zeitläuften und Kunstbegriffen nach. Zeitgenössische Arbeiten von Ulrike Grossarth und Werner Feiersinger unterstreichen den Ansatz der Ausstellung. Die Ausstellungsarchitektur von Nicole Six und Paul Petritsch greift Formalismen der Moderne auf. So wird auch im Display der Idee einer Erweiterung des Kunstbegriffs Rechnung getragen, die jenseits einer klassisch-chronologischen Ordnung auf Verbindung und Durchdringung setzt – und nicht auf ein steriles Nebeneinander festgeschriebener Setzungen.

Im Raum die Zeit lesen. Moderne im Mumok 1910 bis 1955
16. November 2019 bis 13. April 2020
Kuratiert von Susanne Neuburger

Mumok
Museumsplatz 1
A - 1070 Wien

T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at/

weitere Beiträge zu dieser Adresse



  •  16. November 2019 13. April 2020 /
Amédée Ozenfant, Nombreux objets, 1927 Öl auf Leinwand / Oil on canvas Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1989 / On loan from the Austrian Ludwig Foundation since 1989 © Bildrecht Wien, 2019
Amédée Ozenfant, Nombreux objets, 1927 Öl auf Leinwand / Oil on canvas Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung seit 1989 / On loan from the Austrian Ludwig Foundation since 1989 © Bildrecht Wien, 2019
Juan Gris, Carafe, verre et journal, 1919 40 x 33 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation Emanuel und / and Sofie Fohn, 1994 © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
Juan Gris, Carafe, verre et journal, 1919 40 x 33 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Schenkung / donation Emanuel und / and Sofie Fohn, 1994 © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien
László Moholy-Nagy, Komposition Q VIII, 1922 96,3 x 75,7 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1960 © mumok Wien
László Moholy-Nagy, Komposition Q VIII, 1922 96,3 x 75,7 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1960 © mumok Wien
Otto Freundlich, Kräfte, 1934 65 x 54 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1965 © mumok
Otto Freundlich, Kräfte, 1934 65 x 54 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1965 © mumok
René Magritte, La voix du sang, 1959 116,5 x 89,5 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1960 © Bildrecht Wien
René Magritte, La voix du sang, 1959 116,5 x 89,5 x 2 cm Öl auf Leinwand / Oil on canvas mumok - Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben/acquired in 1960 © Bildrecht Wien