28. April 2009 - 4:48 / Walter Gasperi / Filmriss
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Giulio Andreotti gehört zweifellos zu den schillerndsten und umstrittensten Politikern nicht nur der italienischen, sondern der europäischen Nachkriegsgeschichte. Mit einem biederen Biopic kann man ihm wohl nicht gerecht werden, und so zeichnet Paolo Sorrentino mit einer Fülle virtuos inszenierter, vielschichtiger kleiner Szenen ein höchst komplexes Psychogramm, erschlägt den Zuschauer dabei aber auch förmlich mit Fakten, Namen und Daten.

25 mal Minister, 7 mal Premierminister, 29 mal wegen Mafiakontakten und Korruption angeklagt und 29 mal freigesprochen – Das Leben und die Karriere des Giulio Andreotti, der am 14. Januar seinen 90. Geburtstag feierte, bietet wahrlich einigen Stoff für einen Film. Wie umstritten er war, zeigen auch die Beinamen, die man ihm gab: der Star, der Bucklige, der Fuchs, der schwarze Papst, die Ewigkeit, der Mann im Dunkeln, Beelzebub.

In einem geradlinigen Biopic kann man die Fülle der Ereignisse, aber auch die Widersprüchlichkeit Andreottis wohl kaum unterbringen und so hat Paolo Sorrentino einen anderen Weg gewählt. In Inserts präsentiert er zunächst Basisinformationen zu zentralen Begriffen der italienischen Politik der Nachkriegszeit wie Aldo Moro, Democrazia Cristiana und der Geheimloge P2, ehe unvermittelt eine Mordserie losbricht.

Bezug genommen wird auf diese Morde später und teils werden sie auch nochmals gezeigt, wirklich einordnen können wird man sie ohne Kenntnis der biographischen und geschichtlichen Hintergründe aber kaum. Aber um die Nachzeichnung italienischer Nachkriegspolitik geht es Sorrentino auch gar nicht, stellt er doch den Morden gleich den Privatmann Andreotti gegenüber, der zuhause auf einem Hometrainer strampelt. Die Totale isoliert ihn im Raum und macht so auch schon die Einsamkeit des Mächtigen sichtbar.

Im Hintergrund zieht er die Fäden, versammelt den ihm gewogenen Flügel der Democrazia Cristiana zu einer Geheimbesprechung, intrigiert um in den 90er Jahren auch zum Staatspräsidenten gewählt zu werden – und scheitert doch. Den baldigen Tod habe ihm der Arzt bei der Musterung vorausgesagt, doch dann seien alle um ihn gestorben, nur er habe überlebt. Schwere Migräne belastete ihn aber sein Leben lang und so kehrt leitmotivisch das Bild einer Tablette, die in einem Wasserglas aufgelöst wird, wieder.

Grandios ist die Leistung von Toni Servillo, der den Film nicht nur zusammenhält, sondern mit seiner Verkörperung des "Göttlichen" auch trägt. Wie er Andreotti als kleinen unscheinbaren buckligen Mann mit Fledermausohren und abgenagten Fingernägeln spielt, der immer wieder verklemmt wie als Schutzwall eine Mappe vor die Brust haltend durch Hallen und Empfänge wandelt ist eine Glanzleistung und Servillo wurde dafür zurecht mit dem Europäischen Filmpreis als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Zuhause scheint seine Gattin Livia den Ton anzugeben und auch in der Politik tritt er nie polternd auf, zieht aber im Hintergrund unübersehbar die Fäden. Hat er sogar zur Ermordung seines Parteifreundes Aldo Moros beigetragen und die Ermordung des mitwissenden Journalisten Mino Pecorelli veranlasst, welche Beziehungen hatte er zur Mafia, hat er den Mafiaboss Salvatore "Totò" Riina 1987 wirklich getroffen und hatte er die Finger bei der Ermordung des Mafia-Ermittlers Giovanni Falcone 1992 im Spiel?

Sorrentino legt diese Zusammenhänge, die Andreotti freilich immer weit von sich wies, nahe, wenn er geträumt oder real einen Bruderkuss zwischen Riina und Andreotti zeigt, wenn er mehrfach die Explosion von Falcones Wagen ins Bild rückt. Nachweisen kann es ihm aber auch der Film nicht und so beichtet Andreotti nur in einem furiosen geträumten, atemlos vorgetragenen Geständnis direkt ans Publikum die schier endlose Liste seiner Verbrechen.

Hoffnungslos verloren ist man bei "Il Divo" angesichts der Fülle der Fakten und Namen, wenn man versucht einen Handlungsfaden und eine Chronologie zu entdecken, deshalb sollte man sich darauf konzentrieren die einzelnen virtuos inszenierten Szenen zu einem Psychogramm Andreottis zu kompilieren.

Denn es ist die überwältigende Vielfalt, die "Il Divo" nicht nur schwer verdaulich, sondern auch zu einem aufregenden Film macht: ein nächtlicher Spaziergangs in ständiger Überwachung durch Sicherheitskräfte, durch die der mächtige Mann als Gefangener erscheint, und daneben das Dirigieren eines Männerbundes, die Erinnerung an den Hochzeitsantrag an seine Frau und der Gang zur Ernennung zum Ministerpräsidenten, bei dem eine Katze Andreottis Weg quert oder die Wahlniederlage, die er regungslos hinnimmt.

Das ganz konkrete Porträt eines realen Politikers, seine Demontage, die gleichzeitig durch die Fokussierung auf ihn ihm auch ein Denkmal setzt, wird so ebenso zu einem Stimmungsbild des Sumpfes und der Verfilzungen in der italienischen Politik wie zu einer allgemeinen Reflexion über die Einsamkeit des Mächtigen wie über die Macht von Männerbünden, über Ränkespiele im Hintergrund, über Verflechtung von Politik und Religion und den Mord als politisch legitimes Mittel. – Wie komplex dieses Puzzle ist, lässt sich schon am virtuosen Soundtrack ersehen: Opernarien werden da ebenso eingesetzt wie Popmusik und "Da da da, ich lieb dich nicht" von Trio und manchmal reicht auch ein Pfeifen um eine Stimmung wie in einem Italowestern zu erzeugen und dann und wann kann auch völlige Stille für einen starken und beängstigenden Kontrast sorgen.

Wird vom TaSKino Feldkirch am Mittwoch, den 9.12. um 19.30 Uhr und am Donnerstag, den 10.12. um 21.30 Uhr im Feldkircher Kino Namenlos gezeigt (ital. O.m.U.)

Trailer zu "Il Divo"

Die Meinung von Gastautoren muss nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen. (red)

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