Ikonografische Werke von Guglielmo Castelli

Die Kunsthalle Wien präsentiert die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers außerhalb Italiens. Die Ausstellung umfasst neue Werke, darunter Gemälde, Skulpturen und ein ortsspezifisches Wandbild.

Castelli, der eine Ausbildung zum Theaterbühnenbildner absolviert hat, hat eine unverwechselbare Ikonografie entwickelt, die sich auf die Geschichte der Malerei, Architektur und Literatur stützt. Seine Kompositionen zeichnen sich durch eine erdige, nächtliche Farbpalette und eine fließende, traumhafte Qualität aus. Sie sind oft schwer in Raum und Zeit zu verorten. Zusammen suggerieren sie eine fragmentarische Erzählung, die der Künstler selbst mit dem Filmemachen vergleicht, bei dem jedes Standbild „ein Universum für sich“ birgt.

„Sweet Baby Motel“ präsentiert sieben Gemälde auf Leinwand, die jeweils eine einzelne Figur in den Mittelpunkt stellen. Diese erscheint oft schwerelos oder rätselhaft im Raum schwebend. Gliedmaßen teilen die Kompositionen in zwei Hälften, imitieren oder verwandeln sich in Scheren – ein wiederkehrendes Motiv und künstlerisches Werkzeug in Castellis Praxis. Im Scheinwerferlicht stehend, in Harlekin-Mustern gekleidet, mit Strumpfhosen, Puffärmeln, Handschuhen und Rüschen, ähneln die Figuren den Darstellern einer Theaterproduktion. Sie sind in einem Moment der Träumerei oder stillen Kontemplation eingefangen: rauchend, an einer Kreuzung oder auf einer Schwelle stehend, in einem Moment ungewisser Dramatik fallend, fliegend oder durch die Luft springend. In Castellis dicht geschichteten Kompositionen öffnen Objekte, architektonische Details, Textilien und Texturen die Tür zu semi-abstrakten Bereichen der Malerei. Reihen von Gebäuden, Blumengirlanden, Türen, Spiegeln und Vorhängen bilden den Rahmen für ein zentrales Drama, das oft aus elementaren Feuerausbrüchen, Windböen oder ballettartigen Bewegungen besteht. Spuren von Pieter Bruegel dem Älteren und seinem Gemälde „Die Jäger im Schnee” (1565) sowie Patchwork-Fassaden, die an die Architektur von Friedensreich Hundertwasser erinnern, verleihen den Kompositionen einen Wiener Akzent. Sie sind auf einer speziell für diese Ausstellung konzipierten, 22 m langen Wand installiert. Inspiriert von der Geschichte von Hänsel und Gretel entfaltet sich das Werk im Stil eines Bilderbuchs, wobei es sich der Bewegung, des Blicks und der verschiedenen Perspektiven innerhalb des Raums bewusst bleibt. Castelli kehrt das zentrale Motiv der Geschichte um und stellt ein umgestürztes Lebkuchenhaus dar, um vorherrschende Erzählungen von Hierarchie und Kontrolle infrage zu stellen.

Die Figuren bewegen sich in der Ausstellung fließend zwischen Malerei und Skulptur. Ihre skurrilen, flexiblen Körper schweben in Szenen, die ebenso verspielt wie tragisch sind. Ihre theatralischen Kostüme und ihre offensichtliche Zeitlosigkeit sind ein Verweis des Künstlers auf kindliche Fantasie und das Innenleben. Das Unterbewusste ist ein grundlegendes Thema der gesamten Ausstellung.

Eine Serie von zehn Skulpturen aus geschnittenem Papier wird auf Tischen mit Stahlplatten präsentiert und mit den Namen von Wohnräumen wie „Kitchen” oder „Bedroom” (beide 2025) betitelt. Ihre gebogenen Motive scheinen schräge Haushaltsmöbel zu überspannen und von ihnen abzurutschen. Castellis museale Präsentation offenbart die Verletzlichkeit seiner Figuren gegenüber den Betrachter:innen.

Guglielmo Castelli (* 1987 in Turin) lebt und arbeitet in Turin.

Guglielmo Castelli: Sweet Baby Motel
13. Februar bis 12. April 2026