Nach Indien und Äthiopien entführten zwei der ersten Wettbewerbsbeiträge beim 18. Internationalen Film Festival Innsbruck. Gemeinsam ist Mazhar Kamrans Anklage der Korruption in Indien "Mohandas" und Haile Gerimas Aufarbeitung von 30 Jahren äthiopischer Geschichte in "Teza" die pessimistische Sicht der Dinge und der Möglichkeit einer Veränderung.
Ein Amateurvideo von der Misshandlung eines Mannes durch eine große indische Bergwerksgesellschaft bringt eine TV-Reporterin aus Neu Delhi auf die Spur des Falles eines aufstrebenden jungen Mannes namens Mohandas. Diesem wurde eine leitende Stelle zugesagt, die dann jedoch mit einem anderen Mann besetzt wurde, der darüberhinaus auch noch die Identität von Mohandas annahm. Der Betrogene, die Journalistin und schließlich auch ein Anwalt ermitteln, decken ein Netz von Korruption auf, tragen zunächst sogar den Sieg davon, doch ein Epilog bringt nochmals eine pessimistische, aber sicher nicht unrealistische Wende.
Dass Mazhar Kamran im Sinne von Massentauglichkeit sich an den Mustern amerikanischer Aufdeckungs- und Prozessfilme orientiert und dazu auch noch Gesangseinlagen a la Bollywood einfügt, mag man akzeptieren. Stark beeinträchtigt wird die Wirkung von "Mohandas" aber durch die extrem schwachen schauspielerischen Leistungen, fehlende komplexere Figurenzeichnung sowie die äußerst platte Erzählweise mit sehr oberflächlicher Problembehandlung. Gut gemeint ist diese Kritik an Korruption und Verfilzung von Wirtschaft, Politik und Justiz und vom Ansatz her auch engagiert ist der Film, bleibt aber letztlich auf den Satz "Das ist keine Demokratie, sondern eine Plutokratie" beschränkt und auch der moralische Appell an die Medien, nicht nur Unterhaltung, Werbung und Sex and Crime zu bringen, sondern sich sozialkritisch zu engagieren, bleibt mehr papierene Behauptung als in eine packende, unter die Haut gehende Geschichte verpackte Botschaft.
Von anderem Format ist da schon "Teza" des äthiopischen Altmeisters Haile Gerima. Ausgehend von der Rückkehr des Protagonisten Anberber, der in Deutschland Medizin studierte, in sein Heimatland Äthiopien im Jahr 1990, holt Gerima in seinem sichtlich von persönlichen Erfahrungen geprägten Film in einer komplexen Verschränkung von Erinnerungen und Alpträumen zu einem Rückblick auf 30 Jahre äthiopische Geschichte aus, macht aber auch die Entwurzelung und das Fremdsein im eigenen Land durch die Emigration erfahrbar. Denn wie der Film zwischen Deutschland und Äthiopien pendelt, so ist auch Anberber zerrissen bei seiner Rückkehr. Fremd geworden sind ihm die einheimischen Rituale mit Hexenglauben und Schamanentum und geschockt blickt er auf die Gewalt, mit der Soldaten Jugendliche für ihre Truppen rekrutieren.
Erinnerungen an die eigene Kindheit werden dadurch ebenso ausgelöst wie an den Krieg gegen Mussolini, an den ein Denkmal erinnert, aber auch an das Studium in Deutschland in den frühen 70er Jahren. Wird er die Angst seiner Freundin Cassandra vor westlichem Rassismus in dieser Zeit noch für unbegründet ansehen, wird er später auf tragische Weise feststellen müssen, wie recht sie hatte. Bis zum Fall der Berliner Mauer und rassistischen Übergriffen von Neonazis spannt sich hier der Bogen. Und auch die Träume vom Marxismus sieht Anberber zerbrechen, wenn er nach dem Sturz Haile Selassies im Jahr 1974 erstmals nach Äthiopien zurückkehrt. Denn die Heimat wird nun vom marxistischen Diktator Haile Mariam Mengistu und seinen Häschern nicht anders terrorisiert als zuvor vom absoluten König. Abgelehnt und als Intellektueller beschimpft wird der Arzt nun, muss öffentlich wie bei einem stalinistischen Schauprozess eine kritische Bemerkung gegenüber den Revolutionären widerrufen und wird Zeuge brutaler Hinrichtungen.
Es ist ein großer Entwurf, den Gerima vorlegt. Trotz 140 Minuten Länge wird kaum etwas wirklich ausformuliert, zu viel nur angetippt. Brillant hält der Äthiopier aber trotz der Verschränkung der Zeitebenen die Erzählstränge in der Hand und wahrt die Übersichtlichkeit, bis sich auch zunächst isolierte und in die Erzählung nicht einzuordnende Teile zu einem Ganzen fügen. Gleichzeitig bietet "Teza" freilich einen interessanten Einblick in die gewalttätige äthiopische Geschichte, aber auch in die afrikanische Sicht ihrer Situation als Emigranten in Westeuropa.
Immer deutlicher tritt dabei mit Fortdauer nicht nur der geschichtspessimistische, sondern auch der didaktische Ansatz zu Tage, wenn Gerima jeden Versuch die Welt zu verbessern ins Chaos münden lässt. Und dennoch gibt es ein hoffnungsvolles Ende, wenn Anberber einen Job als Lehrer antritt und trotz seiner negativen Erfahrungen weiter an einer besseren Zukunft arbeiten will.