29. Dezember 2009 - 5:52 / Walter Gasperi / Filmriss
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Nichts anderes als ein Dreimann-Team bei der Entschärfung von Bomben in Bagdad und Umgebung zeigt Kathryn Bigelow – und der Zuschauer fühlt sich mittendrin. – Kein Schaugenuss, sondern eine Kinoerfahrung von schier unerträglicher Spannung.

Vom ersten Bild an ist man im Kinosaal hautnah dabei bei der Entschärfung einer Bombe. Mit subjektiver Kamera nimmt man aus der Perspektive eines Roboters, der die Bombe sondieren soll, die Dinge wahr. Das Wackeln des Bildes, nervöse Zooms, ruckartige Kamerabewegungen, schnelle Schnitte und Perspektivenwechsel kehren die Anspannung des Entschärfungsteams direkt nach außen. Das schwere Atmen im Schutzanzug versetzt einen direkt in die Position des Entschärfers.

Aber nicht nur die Bombe ist hier die Gefahr, sondern während der eine entschärft, müssen die anderen beiden ihm Feuerschutz geben. Nie kann man sich hier nämlich sicher sein. Vielleicht sind die Menschen auf den umliegenden Hausdächern ja wirklich harmlose Zivilisten, vielleicht aber verbirgt sich aber hinter ihnen auch ein Attentäter. Unsichtbar bleibt letztlich der Feind, nicht auszumachen und doch überall zu vermuten. Ständig angespannt ist man hier und kein Wunder ist es, dass die Nerven blank liegen. Wer hier nicht auf der Hut ist, bezahlt das rasch mit dem Leben, wie man später noch sehen wird.

Da reicht es, wenn einer sein Handy einschaltet. Und schon geht die Bombe hoch und Sergeant Thompson fliegt in die Luft. Staff Sergeant William James (Jeremy Renner) wird seinen Platz einnehmen und mit seinem Verlangen nach einem Adrenalinkick und seinen eigenmächtigen Touren mit dem schwarzen Sergeant Sanborn (Anthony Mackie) mehr als einmal zusammenkrachen, während der psychisch labile Specialist Owen Eldridge (Brian Geraghty) sich aus diesen Debatten und Kontroversen raushält.

Einen Countdown bis zum Ende ihres Einsatzes zählt Bigelow: Es geht nur darum die am Beginn 39 Tage zu überleben. Hier gibt es keine Rückblenden, keine Schnörkel, keine Nebengeschichten, kein langes Überlegen, Taktieren und Diskutieren, sondern einzig das Handeln. - Bigelow bietet atemloses und hautnahes Kino im Indikativ Präsens.

Gefahr lauert hier überall und jederzeit: Mal hält das Team mitten in der Wüste einen Trupp für gefährlich, der sich dann als alliierte Briten herausstellt, um gleich darauf dann aber in einen echten Schusswechsel verwickelt zu werden. Mal macht James eine Extratour durchs nächtliche Bagdad und wird dann bei der Rückkehr ins hermetisch abgeriegelte Armeelager fast erschossen. Völlig separiert voneinander leben hier die US-Truppen und die Einheimischen, ein Gang durch die Stadt bringt ohne entsprechende Vermummung so gut wie sicher den Tod.

Kein Kommentar zum Irak-Krieg liefert Bigelow und legt auch keinen moralisierenden Antikriegsfilm vor. Die Grenzen von Gut und Böse haben sich in ihrem Film aufgelöst. Zwar übernimmt man konsequent die Perspektive der Amerikaner, fragt sich – politisch völlig unkorrekt – auch immer wieder, wieso die Soldaten so lange zögern und nicht schneller abdrücken, wenn ein Passant eine Bombenentschärfung filmt, um sie dann in You Tube zu stellen oder ein Taxifahrer Absperrungen durchbricht und Haltebefehle nicht befolgt. Helden sind die Protagonisten aber keine.

Pures physisches Kino wird hier geboten. Einzig ums nackte Überleben geht es und wie in kleinen Kriegsfilmen der 1950er Jahren von Anthony Mann oder Samuel Fuller ist die Handlung im Grunde auf ein Minimum reduziert. Schier unerträgliche, nur mit dem Klassiker "Le salaire de la peur" vergleichbare Spannung entsteht allerdings aus der Tatsache, dass Bigelow es versteht die Anspannung und ständige Bedrohung physisch erfahrbar zu machen.

"The Hurt Lucker" meint man nicht anzusehen, sondern die Ereignisse direkt mitzuerleben. Wie Bigelow dies schafft, ist freilich das unerklärliche Wunder dieses beinharten Männerfilms.
Auch die wenigen Erholungspausen im Camp erlauben kein Durchatmen. Denn Ruhe scheinen diese Soldaten nicht mehr auszuhalten, dröhnen sich mit Hardrock-Musik voll, schütten Alkohol runter, spielen Ego-Shooter-Spiele am Computer, ziehen sich Sex-DVDs rein und beweisen sich ihre Männlichkeit, indem jeder dem anderen möglichst fest in den Magen schlägt.

"Krieg ist eine Droge" erklärt ein Insert am Beginn. Wer in die Heimat zurückkehrt, dem wird sie, wie schon den Vietnamveteranen in "The Deer Hunter" oder Martin Sheen in "Apocalypse Now" fremd sein. Völlig absurd wirkt ein schier endloses Regal in einem amerikanischen Supermarkt mit Cornflakes nach dem nackten Überlebenskampf im Irak. Hier kann James nicht bleiben, wird die fremd gewordene Heimat wie Ethan Edwards am Ende von John Fords "The Searchers" verlassen und sich wieder für einen Job melden. - Zurück zum Anfang: 365 Tage dauert sein Einsatz noch.

Wird vom Freitag, den 30.4. bis Donnerstag, den 6.5 vom TaSKino Feldkirch im Kino Namenlos gezeigt (Deutsche Fassung)

Trailer zu "The Hurt Locker - Tödliches Kommando"


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