27. Dezember 2021 - 11:48 / Ausstellung / Gegenwartskunst 

Huang Po-Chih gehört einer Generation von Künstlerinnen und Künstlern an, die in einer Ära demokratischer Reformen und hohen Wirtschaftswachstums in Taiwan sozialisiert wurde. Das Mumok zeigt seine erste Einzelausstellung außerhalb Asiens.

Nach der Aufhebung der Einparteienherrschaft und des Kriegsrechts 1987 transformierte sich Taiwan in eine kapitalistisch-neoliberale, demokratisch verfasste Gesellschaft. Der politische Status Taiwans bleibt jedoch umstritten – ein Ergebnis des chinesischen Bürgerkriegs, dessen Verlierer sich 1949 unter der Führung Chiang Kai-sheks von China abspalteten und die Republik China auf Taiwan gründeten. Im Ringen mit den USA um die Vormachtstellung im Pazifischen Ozean baut die aufstrebende Großmacht Volksrepublik China erneut eine Drohkulisse gegenüber dem seit Aufhebung des Kriegsrechts 1987 demokratisch regierten Inselstaat auf, die auf eine Wiedervereinigung nach dem Prinzip "Ein Land, zwei Systeme" abzielt, was aus der Sicht Taiwans einer Annexion gleichkäme.

Huangs multidisziplinäre Praxis, die diverse künstlerische Medien ebenso umfasst wie Literatur, Agrarwirtschaft, Textilmanufaktur und soziales Entrepreneurship, reflektiert den gewandelten Identitätsdiskurs Taiwans der letzten Jahrzehnte: von einer nach innen gerichteten, von der japanischen Besatzung, der Rolle im Kalten Krieg und den Souveränitätsansprüchen gegenüber der Volksrepublik China bestimmten Erzählung hin zu einer transnationalen Vision, die lokale, ostasiatische und globale Perspektiven gleichermaßen berücksichtigt. Grundlegende Mechanismen des globalen Kapitalismus, von Produktion, Handel, Austausch und Konsum, die sich in vielschichtigen Verschränkungen von Mikro- und Makroebene manifestieren, werden von Huang analysiert und neu aufgerollt. Der institutionelle Rahmen der Kunst fungiert dabei als Plattform des sozialen Austausches.

Im Mittelpunkt von Huangs Präsentation im Mumok steht die mehrteilige Werkserie "Production Line – Made in China & Made in Taiwan" (2014–21). Ausgehend von seinem Essay "Blue Skin: Mama’s Story" (2011–13), in dem er das wechselvolle Arbeitsleben seiner Mutter schildert, thematisiert Huang darin den Aufstieg und Untergang der Textilproduktion in Taiwan und deren schrittweises Outsourcing nach Shenzhen in China. Huangs Mutter und andere ehemalige, nun arbeitslose Textilarbeiter:innen partizipierten an diesem Projekt als Produzent:innen für eine temporär ins Leben gerufene Fertigungslinie von Jeanshemden, die von Shenzhen zurück nach Taipeh führt. Huang begriff die Shenzhen Sculpture Biennale (2014) und die Taipeh Biennale (2014) als Plattformen für die Produktion in mehreren Fertigungsschritten sowie den Verkauf, um damit zu untersuchen, wie "Kunst (in Form von Gütern oder Veranstaltungen) im Rahmen komplexer sozialer Beziehungen neue Bedeutungen und Definitionen einführen kann".

"Blue Elephant", der Titel der Ausstellung, steht als Sinnbild für die Arbeitsrealität in der taiwanesischen Textilindustrie und verknüpft individuelles (Er)Leben mit Gesellschaftlichem. Er spielt auf Huang Po-Chihs Mutter und auf deren dauerhafte körperliche Belastungen durch ihre Arbeit als Näherin an und verweist gleichzeitig auf eine Metapher, die die Taiwanesische Regierung zu Propagandazwecken eingesetzt hatte, um die Arbeitsmoral der Textilarbeiter:innen zu erhöhen.

In seiner neuesten Videoarbeit "Seven People Crossing the Sea" (2019–21) verhandelt Huang die globalen sozioökonomischen Transformationen in Ostasien in den Erfahrungshorizonten individueller Protagonist:innen. Diese Arbeit verspannt reale und fiktive Elemente rund um die Lebensgeschichte von Ho Ying, einem illegalen chinesischen Immigranten, der auf der Suche nach seinem "Hong Kong Dream" zum Verkäufer auf dem Textilmarkt Pang Jai in Hongkong wurde. Dieser für die lokale Bevölkerung wichtige soziale Hub droht aktuell den Stadtentwicklungsplänen der Hongkonger Regierung zum Opfer zu fallen. Als einer der letzten verbleibenden Standbesitzer hat Ho Ying eine breite "Anti-Relocation"-Bewegung initiiert, die Fragen zur Legitimität der Händler:innen wie auch zur Erforschung von deren sozialen Lebensräumen angestoßen hat.

Huang Po-Chih (geboren 1980) lebt und arbeitet in Hsinchu, Taiwan.

Huang Po-Chih
Blue Elephant
Bis 27. Februar 2022



Huang Po-Chih, Production Line-Tailor Hsu, 2014, Photography, Dimension variable, Photo: Liu Kuang-Chih © Huang Po-Chih
Huang Po-Chih, Production Line-Tailor Hsu, 2014, Photography, Dimension variable, Photo: Liu Kuang-Chih © Huang Po-Chih
Ausstellungsansichten, Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2021-2022, Foto: Christian Benesch, © mumok
Ausstellungsansichten, Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2021-2022, Foto: Christian Benesch, © mumok
Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2018, Photography, 140x160cm © Huang Po-Chih
Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2018, Photography, 140x160cm © Huang Po-Chih
Huang Po-Chih, Seven People Crossing the Sea (video still), 2019-2021, 4K video, color, sound, courtesy Chat, Photo: Hoho Lin © Huang Po-Chih
Huang Po-Chih, Seven People Crossing the Sea (video still), 2019-2021, 4K video, color, sound, courtesy Chat, Photo: Hoho Lin © Huang Po-Chih
Ausstellungsansicht, Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2021-2022, Foto: Christian Benesch, © mumok
Ausstellungsansicht, Huang Po-Chih, Blue Elephant, 2021-2022, Foto: Christian Benesch, © mumok
Huan Po-Chih, Production Line-Denim Shirt, 2014, Denim fabric, paper, Courtesy Taipei Fine Art Museum, Photo: Huang Po-Chih © Huang Po-Chih
Huan Po-Chih, Production Line-Denim Shirt, 2014, Denim fabric, paper, Courtesy Taipei Fine Art Museum, Photo: Huang Po-Chih © Huang Po-Chih