HK Gruber als Dirigent, Komponist und Chansonier bei der Eröffnung des Carinthischen Sommer

Eine Sternstunde erlebte das Publikum zur Eröffnung des Carinthischen Sommer nicht nur mit der Uraufführung von HK Grubers FINTango, der Komponist und Dirigent übernahm auch kurzfristig den Gesangspart bei seinem legendären Pandämonium „Frankenstein!!“. Dass der Bariton Georg Nigl ausgefallen ist, trug insofern dazu bei, dass wir diese witzig-gruselige Vertonung von H.C. Artmanns dunklen Gedichten authentisch und wie früher oft mit dem 82-jährigen Komponisten als Chansonier erleben durften.

Abwegig ist der Gesang bei ihm gar nicht, wird er doch Komponist, Dirigent und Chansonier genannt. „Frankenstein!!“ wurde 1978 in der Beatles Stadt Liverpool unter dem Dirigat des damaligen Shootingstar Simon Rattle uraufgeführt, die Kinderreime H.C. Artmanns mussten übersetzt werden, und HK Gruber begann seine Karriere als Chansonier auf Englisch. Mit über zweitausend registrierten Aufführungen gehört es zu den meistgespielten Werken klassischer Musik, und führt die Abgrenzung von U- und E-Musik ad absurdum. Mit Schalk und unbändiger Energie bringt HK Gruber dieses ikonische Stück nach der Pause auf die Bühne. Eine ganze Palette von noch nie gesehenen Spielzeuginstrumenten bringt er mit, spielt sie, dirigiert mit der anderen Hand, dynamisch, ausdrucksstark; dann witzig-spitzer Sprechgesang, „lerne was, so hast du was“, kokett; tiefe kräftig-sonore Töne, gruselig, „jetzt tanzt frankenstein“; bis das Orchester im Takt die Heulschläuche schwingt und in Chorgesang ausbricht ... Ein unwiederbringliches Erlebnis!

Das Orchester in Residence ist auch im zweiten Jahr der Intendanz von Nadja Kayali das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Die künstlerische Leiterin ist selbst so begeistert vom diesjährigen Programm unter dem Motto „bewegt“, und sie vermittelt dies voller Esprit. Das Eröffnungskonzert sollte zum Highlight werden, und deshalb gab es einen Kompositionsauftrag vom Carinthischen Sommer, des ORF RSO Wien und des Swedish Chamber Orchestra an HK Gruber. Da gibt es auch noch eine besondere Verbindung: der Komponist prägte das Radio-Symphonieorchester und wurde von ihm geprägt, war er doch 27 Jahre (bis 1997) als Kontrabassist dabei.

Dass es „FINTango“ werden würde, ist seinen skandinavischen Musikerfreunden zuzuschreiben. Insbesondere Kari Kriikku regte an, der Klarinette die Hauptrolle zu geben: „Er ist ungeheuer bewandert mit den Verfremdungseffekten auf der Klarinette und kann sehr gut sogenannte Multiphonics spielen“. Ein Finnischer Tango ist es jedoch nicht geworden, „mir war klar, dass ich jetzt nicht Finnische Tangos an sich studieren würde, sondern dass ich diese Tangos neu erfinden werde … ich schreibe imaginäre Tangos, die es in der Wirklichkeit nicht gibt“. Es geht ihm um den Hintergrund: Finnland war um 1900 vom Zarenreich okkupiert, und die Finnen hätten sich den Tango einverleibt, um durch den Tanz mit ihrer Körpersprache Widerstand auszudrücken. Es bleibt nur die Idee der Tangorhythmen … „da gibt es noch etwas: diese abrupten charakteristischen Pausen im Tango, der manchmal plötzlich abbricht, wie ein Stehkader, steht und dann weitergeht, auch in der Körpersprache, die gelegentlich fast hysterisch wirkt. Die FinnInnen bringen damit eine Abwehrhaltung zum Ausdruck“.

Und entsprechend anspruchsvoll klingt es: an Militärmusik erinnernd, mit harten Schlägen, heftigen Stopps, atemberaubend die israelisch-deutsche Klarinettistin Sharon Kam, die ihrem Instrument ungehörte Töne mit Intensität und Präzision entlockt, tänzerisch allein ihr Anblick, nicht die Musik. Kurz ist ein Bandoneon zu vernehmen, doch wie zu erfahren, nur vom Keybord-Register, also einem Synthesizer. Ein Stück, dass man wohl ein zweites Mal hören müsste, um es besser zu verstehen, im Konzert aber froh ist, wenn es zu Ende gebracht wird. Wenn Sharon Sham, die hochkarätige Klarinetten-Akrobatin, dann als Zugabe George Gershwins Summertime gibt, entspannt sich das Zuhörerinnen-Ohr wieder.

Doch den Tango bleibt uns HK Gruber auch nicht schuldig. Zum Auftakt des Konzerts suchte er Kurt Weills Kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester von 1928 aus. Da ertönt nämlich „wahnsinnig gut instrumentiert“ ein wundervoller Tango mit der Zuhälterballade – Kurt Weil schrieb laut HK Gruber neben Piazzolla wohl die schönsten Tangos der Musikgeschichte. Bleibt noch zu berichten, dass das ORF Radio-Symphonieorchester an der Einzigartigkeit dieses Konzertabends maßgeblich beteiligt war. Tosender Applaus im Villacher Congress Center.

FINTango – Eröffnungskonzert Carinthischer Sommer
ORF Radio-Symphonieorchester Wien, Festivalorchester
Dirigent HK Gruber
Sharon Kam, Klarinette
HK Gruber als Chansonier für Georg Nigl, Bariton

Programm:
Kurt Weill – Kleine Dreigroschenmusik für Blasorchester (1928)
HK Gruber – Konzert für Klarinette und Orchester. Uraufführung, Kompositionsauftrag des Carinthischen Sommers, des ORF RSO Wien und Swedish Chamber Orchester
HK Gruber – Frankenstein!! Ein Pandämonium für Bariton und Orchester (1976–77)
Texte: Allerleirausch. Neue schöne Kinderreime von H.C. Artmann (1968)

Carinthischer Sommer 2025
Festival bewegt
3. Juli – 3. August 2025