Wie gehen wir heute mit der NS-Vergangenheit um? Die Ausstellung im Vorarlberg Museum zeigt, wie tief Ideologie und Vereinnahmung in Kunst und Kultur verankert waren und wie viel davon nach 1945 weiterwirkte. Historisch belastete Objekte aus dem Museum und dem öffentlichen Raum machen bisher wenig beachtete Aspekte der Vorarlberger Geschichte sichtbar. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf NS-Gegenständen aus privatem Besitz, die bis heute in Haushalten zu finden sind und Fragen nach Umgang, Herkunft und Bedeutung aufwerfen. Zu diesem Zweck wird auch eine Beratungsstelle eingerichtet.
„Baustelle Erinnerung“ ist das größte Projekt im Rahmen des Programmschwerpunkts „erinnern!“. Die Ausstellung setzt dort an, wo das NS-Erbe in Vorarlberg bislang nur am Rande thematisiert wurde: im Trachtenwesen, im Kunst- und Ausstellungsbetrieb, in der Architektur und im Siedlungsbau sowie in privaten Haushalten. Bereiche also, die oft nicht unmittelbar mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht werden, deren ideologische Prägungen allerdings bis heute nachwirken. Ihre Sichtbarmachung eröffnet Raum für Forschung und Vermittlung, für Zweifel und Widerspruch sowie für die Frage, wie mit materiellen Hinterlassenschaften umgegangen werden sollte.
Die Ausstellungsgestalterinnen Sabrina Summer und Nina Sturn haben für das Anliegen der Schau ein prägnantes Bild entwickelt. Im Eingangsbereich hängen stilisierte Objekte aus der NS-Zeit an der Decke – Stellvertreter für die vier Themenbereiche –, die lange Schatten werfen. Die „Baustelle Erinnerung“ arbeitet Vergangenes auf, um an einer demokratischen Zukunft zu bauen. Die Ausstellung zeigt, wie wichtig Mitbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe als Mittel gegen Instrumentalisierung und Desinformation sind. Arbeiten am belasteten Erbe bedeutet auch, diese Werkzeuge für ein gelingendes Zusammenleben einzusetzen.
Daran knüpfen auch die Beiträge junger Menschen an: Die Jugendbotschafter:innen der Caritas fragen zum Beispiel in „Laber net, tua was“ nach der Bedeutung der 1948 verabschiedeten „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ angesichts aktueller Krisen.
Kunst im „Dritten Reich“
„Man kann die Kunst des Dritten Reiches nur durch die Linse von Auschwitz betrachten.“ (Peter Adam, 1992)
Kunst diente dem NS-Regime als Mittel zur ideologischen Formung der „Volksgemeinschaft“. Einen einheitlichen „NS-Stil“ gab es dabei jedoch nicht. Entscheidend waren die Themen und Deutungen: Idealisierte Landschaften, bäuerliches Leben, heroische Körper, soldatische Motive oder scheinbar harmlose Stillleben sollten traditionelle Werte, Heimatverbundenheit und Ordnung vermitteln.
Das Kunstleben wurde von der nach dem „Anschluss“ 1938 in Österreich eingeführten deutschen Reichskulturkammer kontrolliert und organisiert. Kunstschaffende, die keinen „Arier-Nachweis“ erbringen konnten, wurden nicht aufgenommen. Ein Ausschluss bedeutete Berufsverbot – für jüdische Künstler:innen galt dies von vornherein.
Manche Künstler:innen passten sich an, um weiterhin arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen zu können. Ausstellungsmöglichkeiten gab es einige. Bereits am 18. Juni 1938, gut einen Monat nach dem „Anschluss“, eröffnete Karl Eyth mit der von ihm geleiteten „Vorarlberger Kunstgemeinde“ eine Mitgliederausstellung. Darüber hinaus organisierte die Bewegung „Kraft durch Freude“ im Industrieland Vorarlberg Betriebsausstellungen in Unternehmen wie F. M. Rhomberg oder Getzner, Mutter & Cie., bei denen Werke angekauft und unter den Mitarbeitenden verlost wurden.
Unter den Kunstschaffenden befanden sich jedoch auch überzeugte Nationalsozialisten mit Funktionen innerhalb des Systems. Exemplarisch dafür stehen Siegfried Fussenegger, der als Leiter des Reichsgaumuseums in Bregenz tätig war, der Maler Fritz Krcal, der Mitglied der NSDAP und Funktionär war, sowie Stephanie Hollenstein, die überzeugte Nationalsozialistin war und zugleich stilistisch dem Expressionismus nahestand.
Die Biografie von Oswald Baer (1906–1941) zeigt, dass ideologische Überzeugung nicht vor Repressalien schützt. Er war bereits 1933, als die NSDAP verboten wurde, Parteimitglied und schuf Bilder mit regimetreuen Motiven. Sein Malstil bewegte sich jedoch zwischen Neuer Sachlichkeit und expressivem Realismus. Mehrere seiner Arbeiten wurden deshalb 1937 in Erfurt und Weimar als „entartet“ beschlagnahmt und später in Berlin zerstört.
Die Ausstellung „Baustelle Erinnerung” endet nicht mit dem Jahr 1945, sondern fragt nach dem Umgang mit diesem belasteten Erbe in der Nachkriegszeit: nach Ehrungen, verschwiegenen Biografien und problematischen Erinnerungsorten wie dem im Jahr 2025 geschlossenen Natalie-Beer-Museum in Rankweil. Ein Beitrag dazu stammt von Studierenden des Studiengangs Intermedia der Fachhochschule Vorarlberg. Darüber hinaus wird die Frage aufgeworfen, wie Museen heute mit Kunstwerken und Künstler:innen umgehen, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen.
Trachten
„Welchen Stellenwert hat Kleidung in einem System, das die Vernichtung des menschlichen Selbst zum Ziel hatte?” (Karolina Sulej, 2025).
Trachten wurden im Nationalsozialismus gezielt politisch instrumentalisiert. Stoffe, Schnitte und Illustrationen wurden zu Codes der Zugehörigkeit. Kleidung war somit nicht nur Ausdruck von Tradition, sondern Teil einer rassenideologischen Ordnung, die festlegte, wer dazugehören durfte und wer nicht.
Mit der im Jahr 1939 gegründeten „Mittelstelle Deutsche Tracht“ in Innsbruck wurde die sogenannte Trachtenerneuerung systematisch organisiert. Unter der Leitung von Gertrud Pesendorfer entstanden standardisierte „neue deutsche Bauerntrachten” auch für Vorarlberg. Mitarbeiterinnen wie Lisl Thurnher-Weiss dokumentierten historische Vorlagen und entwickelten neue Entwürfe. In Nähstuben lernten Frauen, unterstützt von regionalen Unternehmen wie F. M. Rhomberg, das Anfertigen „volksechter“ Kleidung.
Kunsthandwerkerinnen wie Therese Metzler wurden als Vertreterinnen „deutschen Schaffens” präsentiert.
Der Vorarlberger Trachtenerneuerer Hans Konzett knüpfte mit seinen Entwürfen aus den 1950er- und 1960er-Jahren direkt an die Arbeiten der Mittelstelle an. Auch Gertrud Pesendorfer und Lisl Thurnher-Weiss blieben nach dem Krieg im Trachtenwesen einflussreich. Die Tatsache, dass diese Formen nach 1945 weitergetragen und weiterentwickelt wurden, verweist auf Kontinuitäten, die bis heute in Vorstellungen von „Heimat“ präsent sind.
Südtiroler Siedlungen
„Die Unterwerfung des Menschen unter den NS-Herrschaftsanspruch war gleichbedeutend mit der Unterwerfung des Raums – und dazu leisteten Planen und Bauen ihren eigenen Beitrag.“ (Historikerkommission Planen und Bauen, 2023)
Die „Baustelle Erinnerung“ beleuchtet die Geschichte der Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg – von ihrer Entstehung im Nationalsozialismus bis zu den aktuellen Debatten um Erhalt und Abriss. Ausgangspunkt war die „Option“ von 1939: Im Zuge des Hitler-Mussolini-Abkommens musste sich die deutsch- und ladinischsprachige Bevölkerung Südtirols entscheiden, entweder ins Deutsche Reich umzusiedeln oder in Italien zu bleiben und dabei Sprache und Kultur aufzugeben. Rund 10.500 Südtiroler:innen kamen zwischen 1939 und 1943 nach Vorarlberg.
Für die Umsiedler:innen entstand unter großem Zeitdruck ein umfangreiches Wohnbauprogramm. Zwischen 1939 und 1942 wurden in Vorarlberg 17 Südtiroler Siedlungen mit mehr als 2.300 Wohnungen errichtet – das erste gemeinnützige Massenwohnbauprojekt des Landes. Die Anlagen entstanden meist in der Nähe großer Industriebetriebe, da die Umsiedler:innen als wichtige Arbeitskräfte für die Kriegswirtschaft galten. Bei der Planung und Architektur herrschte nationalsozialistischer Einfluss. Verantwortlich waren unter anderem der Vogewosi-Architekt Fritz Vogt, der Gau-Siedlungsplaner Helmut Erdle sowie die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher.
Für das Bauprogramm wurden Grundstücke enteignet oder unter fragwürdigen Bedingungen erworben. Beim Bau kamen Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen zum Einsatz. In der Vorarlberger Bevölkerung stießen die privilegierte Behandlung der Umsiedler:innen und die rasche Errichtung neuer Wohnungen vielfach auf Ablehnung.
Heute gelten die Südtiroler Siedlungen als bedeutendes architektur- und sozialgeschichtliches Erbe und als prägend für das Ortsbild vieler Gemeinden. Am Beispiel des diskutierten Abrisses in der Bregenzer Rheinstraße stellt die Ausstellung die Frage, wie künftig mit diesem belasteten Erbe umgegangen werden soll. Erinnerung ist nicht nur eine Frage von Texten und Objekten, sondern auch von gebauten Strukturen. Die intensive Beschäftigung mit regionaler Zeitgeschichte, mit lokalen Quellen, Biografien und Orten der Gewalt bzw. des Wegsehens, macht deutlich, wie sehr genaues Hinschauen vor Ort Verantwortung erzeugt. Verantwortung, die auch ein Landesmuseum trägt.
Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum
Der Ausstellungsteil „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ widmet sich der Frage, wie heute mit Objekten aus der NS-Zeit umgegangen werden sollte. Nach seiner Eröffnung im Jahr 2018 erhielt das Haus der Geschichte Österreich zahlreiche Anfragen und anonyme Zusendungen. Was ist mit geerbten Orden, NS-Büchern oder Erinnerungsstücken aus der Zeit des Nationalsozialismus zu tun?
Die als partizipative Wanderausstellung konzipierte Schau bezieht die Besucher:innen aktiv ein. Zu Beginn erhalten sie symbolisch ein NS-Objekt und stehen vor der Entscheidung: Aufbewahren, verkaufen oder zerstören? Dabei wird deutlich, wie ambivalent und emotional das materielle Erbe des Nationalsozialismus bis heute wahrgenommen wird.
Die bisherigen Erfahrungen mit der Ausstellung zeigen ein großes öffentliches Interesse. Während der Präsentation in Wien beteiligten sich mehr als 9.000 Besucher:innen aktiv am Format. Bemerkenswert war, dass sich die Mehrheit trotz spürbaren Unbehagens für das Aufbewahren der Objekte aussprach, verbunden mit dem Wunsch nach einer kritischen historischen Einordnung in Museen und Bildungseinrichtungen. Die Ausstellung macht sichtbar, dass NS-Relikte nicht nur historische Gegenstände sind, sondern bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerungskultur und gesellschaftlichem Umgang mit der Vergangenheit aufwerfen.
Programmschwerpunkt „erinnern!”
Erinnern ist keine abstrakte Übung, sondern konkrete Arbeit vor Ort – in Städten und Dörfern Vorarlbergs, in Archiven, Sammlungen, Gebäuden und Biografien. Der Themenschwerpunkt „Erinnern!” versteht Erinnerungskultur als gemeinsame, kritische und dialogische Praxis. Sie richtet sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf eine wache, demokratische Gegenwart und Zukunft.
Über diese Ausstellung hinaus eröffnet das Programm weitere Perspektiven. Mit Lukas Birks „Topografie der Erinnerung” werden globale Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg sichtbar, die regionale Erfahrungen in einen größeren Zusammenhang stellen. Die Ausstellung „Delphina“, die am 17. Juli eröffnet und von einer Graphic Novel begleitet wird, ergänzt dies durch biografische und künstlerische Zugänge und zeigt, wie Erinnerung über Generationen hinweg weitergegeben wird.
„Erinnern!” bündelt Ausstellungen, Publikationen sowie Vermittlungs- und Veranstaltungsformate, die regionale Geschichte neu befragen und ihre Nachwirkungen sichtbar machen, denn Erinnerung bleibt in Objekten, Bildern und Erzählungen dauerhaft wirksam.
Baustelle Erinnerung | „Hitler entsorgen“
Arbeiten am belasteten Erbe
9. Mai 2026 bis 29. August 2027